Planung

Weg vom Elterntaxi – So bringt man Kinder auf die Füße

| | 10.04.2022 15:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
An der Daalerschule in Leer gibt es seit einigen Jahren eigene Halteplätze, an denen die Kinder aus dem Auto aussteigen und sich verabschieden können. Foto: Ortgies/Archiv
An der Daalerschule in Leer gibt es seit einigen Jahren eigene Halteplätze, an denen die Kinder aus dem Auto aussteigen und sich verabschieden können. Foto: Ortgies/Archiv
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Vor vielen Schulen herrscht morgens und mittags Chaos. Verbote bringen nichts. Schulwegplaner Jens Leven befasst sich seit Jahren mit dem Phänomen. Er fordert: „Gebt Kindern den Schulweg zurück.“

Landkreis Leer - Egal, welche Stadt oder Gemeinde, egal, ob Grund- oder Gesamtschule – immer morgens und mittags tobt das Chaos. Eltern bringen ihre Kinder mit dem Auto oder holen sie ab, und oft verhalten sie sich so, wie ein Kommunalpolitiker in Moormerland es kürzlich beschrieb: „Am liebsten würden sie bis in die Aula fahren.“

Was und warum

Darum geht es: Immer wieder beschäftigen sich Städte und Gemeinden mit dem Verkehrschaos vor ihren Schulen. Dafür muss es doch eine Lösung geben.

Vor allem interessant für: Eltern, Autofahrende und Kommunalpolitiker

Deshalb berichten wir: Kürzlich gab es eine Diskussion über die Situation bei der Grundschule Jheringsfehn.

Die Autorin erreichen Sie unter: k.lueppen@zgo.de

Aktuell ging es um die Grundschule mit Kindergarten in Jheringsfehn. Beide teilen sich einen Parkplatz mit einer schmalen Zufahrt. Die Lösung des Verkehrsproblems soll nun eine breitere Zufahrt und mehr Parkplätze bringen. „Das wird vermutlich nichts bringen“, sagt dazu Jens Leven. Er bezeichnet sich als „Schulwegplaner“ und befasst sich seit vielen Jahren mit dem Phänomen Verkehrschaos durch Elterntaxis. Wir haben ihn gefragt, was denn eigentlich allen Seiten hilft.

Chaos an drei von vier Schulen

Leven berät mit seinem Ingenieurbüro in Wuppertal Kommunen in ganz Deutschland, „von Greifswald bis Grenzach-Wyhlen“, also von der Ostsee bis an die Schweizerische Grenze. Überall biete sich das gleiche Bild: „In drei von vier Schulen gibt es das Chaos“, sagt Leven, der unter anderem für den ADAC einen Leitfaden zum Thema Elterntaxis verfasst hat und Mitglied im Ausschuss für technische Regelwerke ist. Ein solches Gremium erstellt Vorgaben für kommunale Straßenplanung.

In Langholt wurde 2020 versucht, dem Problem mit Verboten zu begegnen. Schulleiter Nanno Heddens (links) und Ralf Hillmer, stellvertretender Hauptamtsleiter der Gemeinde, stellten die Schilder damals vor. Foto: Ammermann/Archiv
In Langholt wurde 2020 versucht, dem Problem mit Verboten zu begegnen. Schulleiter Nanno Heddens (links) und Ralf Hillmer, stellvertretender Hauptamtsleiter der Gemeinde, stellten die Schilder damals vor. Foto: Ammermann/Archiv

Seine Erfahrung ist, dass die Kommunen den Blick nicht alleine auf das Schulgelände richten sollten. Die Situation dort ist Leven zufolge stark von den Gegebenheiten im gesamten Ort abhängig. „Vielleicht haben Eltern die Sorge, dass ihr Kind nicht alleine eine breite Landstraße überqueren soll“, sagt Leven. Oder es gebe ein Problem mit dem Schulbus. Oder es fehle Beleuchtung auf dem Gehweg. Der Schulwegplaner kommt zu dem Ergebnis, dass die Regeln für Fußverkehrsanlagen in Deutschland in der gültigen Fassung „für Kinder total ungeeignet“ sind.

Ausgeglichen durch Bewegung

Dabei sei es gesundheitsfördernd, wenn Schüler alleine zur Schule laufen oder mit dem Fahrrad fahren. Sie nähmen ihre Umgebung besser wahr, kämen mit anderen Kindern zusammen. Lehrer berichteten, dass die Kinder nach der morgendlichen Bewegung ausgeglichener und fitter seien, sagt Leven. Seine Forderung: „Gebt den Kindern den Schulweg zurück!“

Größere Kinder können mit dem Fahrrad fahren – wenn die Wege dafür geeignet sind. Planer Jens Leven hält deutsche Verkehrsplanung für kinderfeindlich. Foto: Ralf Hirschberger/dpa
Größere Kinder können mit dem Fahrrad fahren – wenn die Wege dafür geeignet sind. Planer Jens Leven hält deutsche Verkehrsplanung für kinderfeindlich. Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Im ersten Schuljahr seien Kinder jedoch nicht in der Lage, den Schulweg alleine zu meistern, sagt Leven. Selbst danach benötigten Grundschüler rund zehn Sekunden, um sicher eine Straße zu überqueren. Verkehrsinseln, die es erleichtern, über eine zweispurige Straße zu gelangen, seien erst ab einer Frequenz von 500 Autos pro Stunde vorgesehen. „Für ein Kind können aber schon 200 bis 300 Fahrzeuge pro Stunde zu viel sein“, so Leven.

Problemlösungen für Schulwege

Gibt es also solche Probleme auf dem Schulweg, müssten diese beseitigt werden. Ein weiterer Baustein ist laut dem Schulwegplaner, mehrere Haltezonen für die Eltern abseits des Schulgeländes anzulegen. Solche Bring- und Abholzonen könnten rund 200 bis 300 Meter weit entfernt liegen. „Das letzte Stück können die Kinder ohne weiteres alleine laufen“, sagt Leven. Wenn nicht alle Eltern bis vor die Schule fahren, ist die Situation dort entspannt.

Um herauszufinden, welches die richtige Lösung für die jeweilige Situation ist, müsse man zunächst Gespräche mit den Eltern und der Schule führen und zum Beispiel die Mütter und Väter danach fragen, warum sie jeden Morgen mit dem Auto zur Schule fahren. Die Antworten solle man ernst nehmen und nach Lösungen suchen. Eine gründliche Analyse sei der erste Schritt zur Verbesserung. „Das ist viel Arbeit“, räumt er ein.

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In den Rathäusern und den Räten wird schnell nach Kosten gefragt. Wenn das Büro von Jens Leven ein Konzept ausarbeite, koste das rund 6500 Euro netto, sagt er. Die weiteren Kosten hingen davon ab, ob zum Beispiel für die Haltezonen Grundstücke gekauft werden müssten, ob neue Gehwege oder Querungshilfen gebaut oder Beleuchtung installiert werden müssten. Der Schulwegplaner ist überzeugt, dass es sich für alle lohnt: „So bekommt man Schritt für Schritt die Kinder auf die Füße.“