Gas

Gazprom, Astora und der Speicher in Jemgum

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Von Vera Vogt
| 19.04.2022 19:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Gazprom-Tochter Astora betreibt in Jemgum Erdgasspeicher. Foto: Astora
Die Gazprom-Tochter Astora betreibt in Jemgum Erdgasspeicher. Foto: Astora
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Astora betreibt einen Gasspeicher in Jemgum. Das Wirtschaftsministerium musste kürzlich in Geschäfte eingreifen, die das Unternehmen betreffen. Hat das Auswirkungen in der Region?

Jemgum - Das Thema Gasversorgung ist derzeit in aller Munde. Vor Kurzem musste das Wirtschaftsministerium in die Geschäfte von Gazprom Germania eingreifen. Das könnte Auswirkungen auf Jemgum haben. Um zu verstehen, warum muss man sich die Unternehmensstruktur des Gasriesen ansehen: Gazprom Germania ist die deutsche Tochter des russischen Konzerns. Wer von Leer aus in Richtung Ditzum fährt, hat sicherlich die Kavernen am Ortseingang von Jemgum schon einmal gesehen. Das Unternehmen Astora betreibt hier einen der größten Erdgasspeicher Deutschlands. Astora ist ein Tochterunternehmen von Gazprom Germania. Dieses sollte verkauft und „liquidiert“, also aufgelöst werden. Das wurde nun erst einmal verhindert.

Wie wird eingegriffen?

Es ist ein einmaliger Akt in der Geschichte der deutschen Wirtschaft, den Vizekanzler und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) beschlossen und verkündet hat: Die Bundesnetzagentur wird als Treuhänderin für Gazprom Germania eingesetzt. Die treuhänderische Aufsicht über das Unternehmen ist eine große Sache: Gazprom Germania kann im Grunde nichts mehr tun ohne grünes Licht der Netzagentur. „Die Bundesnetzagentur ist insbesondere berechtigt, Mitglieder der Geschäftsführung abzuberufen und neu zu bestellen“, teilt das Bundeswirtschaftsministerium mit. Außerdem könnten der Geschäftsführung Weisungen erteilt werden. Also: Es wird bestimmt, wo es lang geht.

Wieso wurde der Schritt nötig?

Man wolle Energie-Infrastrukturen nicht „willkürlichen Entscheidungen des Kremls aussetzen“. Das betonte Bundesminister Robert Habeck. Nicht nur der Erdgasspeicher in Jemgum wird von der Gazprom-Tochter Astora betrieben. Astora gehört nach eigenen Angaben zu den größten Betreibern in Europa und vermarkte ein Erdgasspeichervolumen von rund sechs Milliarden Kubikmetern – ein Viertel der gesamten deutschen Kapazitäten. Gazprom Germania hat nicht nur Astora und zum Beispiel Wingas als Tochterfirmen, sondern zahlreiche weitere. So betreibt das Unternehmen auch Pipelines und ist im Transport aktiv. Bundesminister Robert Habeck erklärte dazu: „Die Anordnung der Treuhandverwaltung dient dem Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung und der Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit. Dieser Schritt ist zwingend notwendig. Die Versorgungssicherheit ist aktuell gewährleistet.“ Das Unternehmen ist unglaublich wichtig für die Versorgung – das ist klar.

Man griff ein, weil dem Wirtschaftsministerium zu Ohren gekommen war, dass Gazprom Germania durch JSC Palmary (Russland) und Gazprom Export Business Services (Russland) übernommen werden sollte. Es gibt aber ein Gesetz, das vorschreibt, dass das Ministerium einen Erwerb genehmigen muss, wenn Nicht-EU-Investoren im Spiel sind. „Unklar ist, wer wirtschaftlich und rechtlich hinter den beiden genannten Unternehmen steht“, heißt es vom Ministerium. Die Regierung will also wissen, wer die Fäden zieht. Zudem habe der Erwerber die Auflösung von Gazprom Germania angeordnet, was, so lange der Erwerb nicht genehmigt sei, gar nicht rechtmäßig ist. Erst soll nun also geprüft werden, bevor irgendwelche Fakten geschaffen werden. Das Bundeswirtschaftsministerium wird nun die geplante Übernahme von Gazprom Germania prüfen. Die Maßnahme ist zunächst bis zum 30. September 2022 befristet.

Was bedeutet das für Jemgum?

Bei den Kavernen in Jemgum solle erst einmal alles beim Alten bleiben, teilt Astora auf Nachfrage der Redaktion mit. „Derzeit haben wir keine Anhaltspunkte dafür, dass sich etwas im Tagesgeschäft ändern wird“, heißt es von der Pressestelle mit Sitz in Kassel. „Sämtliche Verträge werden wie gewohnt weitergeführt.“

Die Füllstände der Speicher änderten sich derweil täglich. „Betreiber von Erdgasspeichern haben aufgrund gesetzlicher Vorgaben keinen Einfluss auf das Kundenverhalten und die Füllstände“, teilte die Pressestelle bereits am 24. Februar, kurz nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine auf Nachfrage mit. „Die Entscheidung über Ein- und Ausspeichermengen liegt nur bei den Kunden, die die Kapazitäten diskriminierungsfrei bei Speicherbetreibern gebucht haben.“ Am 24. Februar war der Speicher in Jemgum zu 38,85 Prozent gefüllt. An diesem Dienstag waren es nur noch 18,22 Prozent. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr lag der Speicherstand an diesem Tag ähnlich niedrig bei nur 15,96 Prozent. Am 19. April vor zwei Jahren lag der Füllstand bei 78,66 Prozent. Abrufen lassen sich die Daten im Internet unter https://agsi.gie.eu/.

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