Handel
Mehl aus Moormerland hat gerade Hochkonjunktur
Im Supermarkt ist das Mehlregal leer gefegt. In der Mühle Bohlen in Warsingsfehn dagegen läuft das Mahlwerk. Dort wird Getreide aus der Region verarbeitet – die Nachfrage danach steigt.
Warsingsfehn - Wer eine Galerie-Holländerwindmühle in Ostfriesland sieht, erwartet darin vielleicht eine Teestube oder ein kleines Museum. In Warsingsfehn ist das nicht so: Wenn das Mahlwerk auch nicht mehr vom Wind angetrieben wird, sondern von Strom, produziert der Familienbetrieb Bohlen dort nach wie vor eigenes Mehl. Gegenwärtig ist die Nachfrage groß, denn in den Supermärkten sind die Mehlregale meistens leer.
Was und warum
Darum geht es: Alte Mühle ganz modern – in Warsingsfehn stellt die Mühle Bohlen derzeit eine gesteigerte Nachfrage fest.
Vor allem interessant für: Menschen, die Mehl verwenden
Deshalb berichten wir: Wir wollten wissen, wie sich der Krieg in der Ukraine auf die Verarbeitung von Weizen in einem ostfriesischen Familienbetrieb auswirkt. Die Autorin erreichen Sie unter: k.lueppen@zgo.de
„Im ersten Lockdown 2020 war es genauso“, erzählt Wolfgang Bohlen, Inhaber in vierter Generation. Damals, zu Beginn der Corona-Pandemie, war Mehl genauso häufig ausverkauft wie jetzt infolge des Kriegs in der Ukraine. In dieser Situation besinnen sich die Menschen auf den Laden in der Mühle, wo es neben Weizen-, Roggen- und Dinkelmehl auch Backmischungen aus eigener Produktion gibt. Die Mühle Bohlen ist eine von wenigen noch arbeitenden Mühlen in Ostfriesland wie die Mühle Vosberg in Aurich oder Erks in Horsten.
Getreide kommt aus der Region
Abnehmer sind neben Privatleuten eine Bäckerei sowie Pizza- und Dönerstuben. „Viele Leute backen selbst und verwenden dafür gerne unser Mehl“, sagt Bohlen. Der Rohstoff dafür, das Getreide, kommt aus landwirtschaftlichen Betrieben in der Region. Weizen aus Riepe, Roggen aus Ihlow und Dinkel aus dem Rheiderland. „Darauf legen wir großen Wert“, sagt Wolfgang Bohlen.
Allerdings ist der Weizen aus Riepe bereits verarbeitet. „Über unseren Großhändler haben wir nun Ware aus Brandenburg bekommen“, sagt Bohlen. In der Mühle hört man das Geräusch der Motoren. Es ist eng in dem Raum zwischen den Maschinen und Leitungen. Müller Frerich Bohlen öffnet eine Klappe, greift hinein und zeigt das frisch gemahlene Mehl. Es enthält noch Teile des Korns, denn es wird noch gesiebt.
Drei Durchgänge sind nötig, bevor aus Weizenkörnern das feine Auszugsmehl, Type 550, oder, mit vier Durchgängen Type 1050, wird. Der Planrichter, eine Siebmaschine, rattert im Obergeschoss, darin werden die Bestandteile des Korns voneinander getrennt. Mit jedem Durchgang werden die Siebe feiner. Die harten Schalen bleiben zurück, sie kommen als Kleie in Tierfuttermischungen, die in der Mühle Bohlen ebenfalls vermarktet werden. „Bei uns kommt nichts um“, versichert Wolfgang Bohlen.
Roggen wird auf Stein gemahlen
Nach dem Sieben wird das Mehl direkt abgefüllt. „Wenn die Mühle den ganzen Tag läuft, kommen so 50 Säcke Mehl heraus“, sagt Frerich Bohlen. Aus dem Roggen wird Roggenschrot für das ostfriesische Schwarzbrot gemahlen, und zwar auf einem richtigen Mühlstein, ebenfalls oben in der Mühle. „Es wird gemahlen wie von alters her, nur mit elektrischem Antrieb statt mit Wind“, sagt der Müller.
Nicht nur die Nachfrage steigt in dem Familienbetrieb, sondern leider auch der Einkaufspreis – eine weitere Folge der Ukrainekrise. Könnte es aber sein, dass damit der Getreideanbau für einheimische Betriebe wieder attraktiv wird? Wolfgang Bohlen ist skeptisch. „Nicht jeder Boden eignet sich für Weizenanbau“, sagt er. Der Landwirt in Riepe baue sein Getreide auf den ehemaligen Spülfeldern an, auch die Böden im Rheiderland seien nährstoffreich genug.
Böden in Ostfriesland oft zu mager
Der Boden entscheidet beim Weizen darüber, wie hoch der Eiweißgehalt ist. Für Mehl, das in Bäckereien verarbeitet werden kann, ist ein hoher Eiweißwert notwendig. Bei niedrigerem Gehalt kann der Weizen noch für Tierfutter genutzt werden. Allerdings könne ein Landwirt nicht einfach mal eben von Mais auf Weizen wechseln, weil der Preis steigt sagt Wolfgang Ehrecke, Pressesprecher der Landwirtschaftskammer Niedersachsen: „Auf Marschboden an der Küste lässt sich das mit entsprechender Erfahrung machen, anderswo eher nicht.“
Anhand der Zahlen der EU-Förderung beziffert Ehrecke die Getreidemengen, die im vergangenen Jahr in Ostfriesland angebaut wurden auf etwa 29.000 Hektar (ha), davon rund 16.000 ha Weizen und rund 1.500 ha Winterroggen. Der durchschnittliche Ertrag an Winterweizen lag ihm zufolge im Kammergebiet bei gut 8,5 Tonnen pro Hektar. Der Wert wird jedoch davon beeinflusst, dass auf den leichten Böden so gut wie kein Winterweizen angebaut wird, sondern vorwiegend auf den ertragsreicheren Marschenböden. Bei der Ernte handele es sich überwiegend um Futtergetreide – „typisch für den Nordwesten Niedersachsens mit seiner leistungsfähigen Tierhaltung“, sagt Ehrecke. Brotweizen werde überwiegend von den Spezialistinnen und Spezialisten in der Börderegion (Braunschweig, Hildesheim, Helmstedt) erzeugt.
Dünger wird ebenfalls teurer
Der Mais, der in Ostfriesland angebaut wird, werde für Rinder oder Biogasanlagen benötigt. „Viele Betriebe haben Liefervereinbarungen zu erfüllen, entsprechend langfristig ist die Anbauplanung“, so Ehrecke. Außerdem gehen mit den höheren Preisen für Getreide gleichzeitig steigende Kosten für Düngemittel einher, sagt Rudolf Bleeker, Geschäftsführer des Landwirtschaftlichen Hauptvereins in Leer. Für den Anbau von Weizen werde viel Mineraldünger benötigt, aber der sei deutlich teurer geworden und schwieriger zu bekommen.
„Für den Anbau von Weizen braucht man auch Erfahrung“, weiß Wolfgang Bohlen. Dennoch sieht er eine gute Zukunft für seine Produkte, die komplett regional erzeugt werden: „Das setzt sich immer mehr durch.“ Die Windmühle aus dem Jahr 1885 ist somit ganz auf der Höhe der Zeit. Die Flügel waren übrigens schon mal verschwunden. Der Großvater hatte sie abmontieren lassen, weil sie nach dem Umstieg auf elektrische Maschinen nicht mehr nötig waren. In den 90er Jahren wurde ein Mühlenverein in Warsingsfehn gegründet – mit dessen Unterstützung bekam das Baudenkmal seine Flügel zurück.
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