Selbsthilfe
Ein Leben unter ständigem Anpassungsdruck
Frank Fahr aus Pewsum hat das Asperger-Syndrom. Er hilft anderen Betroffenen und Angehörigen, die Störung zu verstehen, zu akzeptieren und damit umzugehen.
Pewsum - Vogelgezwitscher, ein vorbeibrausender Bus, Stimmengewirr: Alltagsgeräusche wie diese können Menschen mit Autismus leicht aus dem Konzept bringen. Sie haben Probleme, Reize zu verarbeiten. Ihr Gehirn funktioniert einfach anders. Sinneseindrücke strömen ungefiltert auf sie herein. Ein Einkaufsbummel durch die Stadt kann Menschen aus dem Autismusspektrum schnell überfordern. Das kennt auch Frank Fahr. Der 59-jährige Pewsumer hat vor zehn Jahren die Diagnose Asperger Autismus erhalten. Für ihn war das eine Befreiung. Für die vielen Schwierigkeiten gab es nun plötzlich eine Erklärung. Viele Jahre hatte er sich verbogen, um in einer Welt, die von Nicht-Autisten geprägt ist, zurechtzukommen. So lange, bis es nicht mehr ging.
Was und warum
Darum geht es: Frank Fahr aus Pewsum hat das Asperger-Syndrom und hilft anderen Autisten sowie deren Angehörige.
Vor allem interessant für: Menschen mit Autismus, Angehörige sowie alle, die beruflich mit dieser Störung zu tun haben
Deshalb berichten wir: Nach langer Corona-Pause kann sich die Selbsthilfegruppe nun wieder regelmäßig treffen. Die Autorin erreichen Sie unter: s.tome@zgo.de
Die Folge war ein ausgeprägter Burnout. „Ich konnte letztlich nicht einmal mehr eine Tafel Schokolade aus dem Supermarkt nach Hause tragen“, berichtet Fahr an diesem Samstag in den Räumen der Grundschule Pewsum. Vor ihm sitzen andere Betroffene und Angehörige. Es ist nach langer Corona-Pause das erste Treffen der Autismusspektrum-Selbsthilfegruppe, die Fahr 2015 ins Leben gerufen hat. Er steht inzwischen mit rund 60 Familien und Betroffenen in Kontakt, von der Krummhörn bis Wilhelmshaven sowie von Norden bis Papenburg. Das Interesse ist groß, vor allem, weil die Pandemie es so lange verhindert hat, sich von Angesicht zu Angesicht auszutauschen.
Begleithund Adi ist ein Filter
Mit dabei ist auch Frank Fahrs Begleithund Adi. „Er ist mein Filter“, erklärt Fahr. Wenn es ihm mal zu viel wird, helfe das Tier ihn zu beruhigen. Fahr möchte in erster Linie über Autismus aufklären und Betroffenen helfen, mit dem Syndrom umzugehen. Asperger-Autismus gelte gemeinhin als eine leichte Form von Autismus. „Das ist er aber nicht. Es ist nur für die Außenwelt leichter, weil die Symptome nicht so auffällig sind.“ Vielen Asperger-Autisten gemein ist die Fähigkeit, sich anzupassen. Das gelingt ihnen mitunter so gut, dass ihre Störung Außenstehenden gar nicht auffällt. Gleichzeitig erfordert es den Betroffenen aber eine Menge Kraft ab. Das muss auch Fahr nach der Sitzung feststellen: „Es war anstrengend, aber ein schöner Nachmittag.“
Warum es ausgerechnet ihm so gut gelingt, zwischen den beiden Welten der Autisten und Nicht-Autisten zu vermitteln, darüber hat der 59-Jährige lange nachgedacht. Zugute kam ihm, so glaubt er heute, seine sehr strukturiertes und behütete Kindheit im Duisburger Stadtteil Beeck. Kindergarten, Grundschule und später auch die weiterführende Schule befanden sich im unmittelbaren Umfeld seines Elternhauses. Große Veränderungen gab es in dieser Phase seines Lebens nicht - alles in allem eine sehr autismus-freundliche Kindheit, für die Fahr heute dankbar ist.
Oft ein Kampf gegen Windmühlen
Sein Einsatz für die Aufklärung sei oftmals ein Kampf gegen Windmühlen, sagt Fahr. „Und die Windmühlen sind die Betroffenen selbst.“ Meist vergeht lange Zeit, bis sich Autisten dazu durchringen können, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. Die Kommunikation, die ihnen mit neurotypischen Menschen im Alltag schwerfällt, sei mit anderen Autisten sehr viel angenehmer. Und auch Angehörige profitieren von den Treffen, wenn sie merken, dass sie mit ihren Fragen und Problemen nicht alleine sind.
Auch wenn beispielsweise das Asperger-Syndrom durch Betroffene wie Tesla-Chef Elon Musk oder Klimaaktivistin Greta Thunberg immer bekannter wird, herrscht viel Unwissen darüber. Das kann auch Angela Pelz bestätigen. Die Psychologin leitet das Autismus-Therapiezentrum in Emden derzeit kommissarisch. Dem Vorwurf, Autismus sei eine Modeerkrankung, weil er immer häufiger diagnostiziert wird, widerspricht sie vehement: „Wir haben heute einfach eine viel feinere Diagnostik“, erklärt die Expertin. Da sei es leichter, der Störung auf die Spur zu kommen.
Nachfrage nach Therapieplätzen ist groß
Das Therapiezentrum betreut aktuell bis zu 300 Betroffene und bietet ihnen eine Therapie. Dabei geht es nicht darum, Autismus zu heilen. „Das ist auch gar nicht möglich“, sagt Pelz. Vielmehr gehe es darum, Angehörigen und Betroffenen Hilfen für den Alltag an die Hand zu geben. Die Nachfrage ist groß: Nicht allen Familien und Betroffenen kann unmittelbar nach der Diagnose Hilfe angeboten werden. Es gibt eine Warteliste, die unter anderem auch durch einen Fachkräftemangel in diesem Bereich schwer abzuarbeiten ist, wie Pelz sagt.
Der „Treffpunkt Pewsum“ trifft sich jeden zweiten Samstag von 14 bis 17 Uhr im Monat im Café Multi Kulti im Hermine-Edenhuizen-Haus. Bei größerer Teilnehmerzahl zieht die Gruppe in die Räume der Grundschule um. Um Voranmeldung wird gebeten unter 1962aspi@gmail.com oder 04923/2180143 oder 04923/2180144. Weite Infos gibt es auch unter www.autismus-ostfriesland.jimdo.com.