Firmengeflecht & Fußballer Wo sind in Wiesmoor 60.000 Euro Steuergeld gelandet?
Das Land fordert von Germania Wiesmoor wegen rechtlicher Verstöße Fördergeld zurück. Darüber, wo das Geld hingeflossen ist, schweigen sich alle Beteiligten aus.
Wiesmoor - Der VfB Germania Wiesmoor hat im vergangenen Jahr Duschkabinen und Umkleidemöglichkeiten sanieren lassen und dafür Geld von der Stadt Wiesmoor und dem Land Niedersachsen bekommen. 30.000 Euro an Steuermitteln haben beide Stellen dem Verein jeweils überwiesen. Ganz offensichtlich ist es dabei aber zu Unstimmigkeiten gekommen: Das Land habe die komplette Summe zurückgefordert, heißt es aus dem Innenministerium in Hannover. Und Sven Lübbers, Bürgermeister von Wiesmoor, schreibt auf Nachfrage: „Eine abschließende Prüfung des Verwendungsnachweises konnte seitens der Stadt Wiesmoor (…) noch nicht erfolgen.“
Der Redaktion liegt ein E-Mail-Verkehr zwischen Mitarbeitern der Wiesmoorer Stadtverwaltung und Christian Rademacher-Jelten aus dem Sommer 2017 vor. Damals war Rademacher-Jelten bereits unter anderem wegen Kreditbetrugs und Steuerhinterziehung vorbestraft, fungierte aber trotzdem noch als Germania-Geschäftsführer. Dieses Amt sollte er bis Ende 2021, also bis nach dem Abschluss der Bauarbeiten an Dusch- und Umkleidekabinen, behalten. Aus dem E-Mail-Verkehr zwischen Rathaus und ihm geht hervor, dass Rademacher-Jelten die Förderung durch die Stadt angestoßen hat.
Ausschuss nickt Förderung einstimmig ab
Eine Führungskraft aus der Stadtverwaltung schrieb dem Germania-Geschäftsführer unter anderem: „Vielleicht kannst Du mir den Antrag vorher per Mail kurz zusenden, um zu überprüfen, ob der so in Ordnung ist.“ Anschließend würde er dem Schulausschuss zur Beratung vorgelegt. Dazu kam es auch: Ende Oktober 2017 nickte der Ausschuss den Antrag einstimmig ab, später winkte auch der hinter verschlossenen Türen tagende Verwaltungsausschuss die Sache durch. „Per Ratsbeschluss ist die Veranschlagung der Haushaltsmittel erfolgt“, schreibt Bürgermeister Lübbers der Redaktion. Damit war die Finanzierung der ersten 30.000 Euro geritzt.
Zwei Jahre später legte das Land ein Sportstättensanierungsprogramm auf, um die teils marode Sport-Infrastruktur im Land auf Vordermann zu bringen. Gleich in der ersten Runde wurde auch Germania Wiesmoor berücksichtigt: 30.000 Euro sollten auf das Konto des ostfriesischen Sportclubs fließen. „Im Rahmen der Abwicklung dieses Zuwendungsverfahrens hat der LSB (Landessportbund, Anm. der Red.) als Erstempfänger die Zuwendung an die antragstellenden Sportvereine als Letztempfänger weiterzuleiten“, schreibt uns das Innenministerium. Heißt: Das Land überweist das Geld für alle Vereine an den LSB, der es dann wiederum aufteilt.
Geschäfte mit sich selbst?
Letztlich wurden die Räume erst im vergangenen Jahr saniert – unter Federführung des Vorstands, zu dem auch Rademacher-Jelten als Geschäftsführer gehörte. Die Staatsanwaltschaft Aurich ermittelt gegen den Mann aktuell wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung im Zusammenhang mit der Wiesmoorer Briefkastenfirma KS Consult, die unseren Recherchen zufolge auch mit den Hells Angels zusammenarbeitet. Zur KS Consult gehören auch Bauunternehmen – und einem anonymen Hinweis an die Redaktion zufolge soll das Steuergeld einem von ihnen zugeflossen sein.
So sieht das Wiesmoorer Firmengeflecht aus. Zum Vergrößern auf die Grafik klicken. Grafik: Malchus
Als Germania-Geschäftsführer soll Rademacher-Jelten bei der Sanierung also Geschäfte mit sich selbst gemacht haben, heißt es in dem Brief. Stimmt das? Ist das möglicherweise auch der Grund, warum das Land die Steuermittel zurückgefordert hat? Das Innenministerium schreibt, Germania habe „gegen die dem Verein bekannten Regelungen der ANBest-P“ verstoßen. ANBest-P steht für Allgemeine Nebenbestimmungen für Zuwendungen zur Projektförderung – für die Regeln also, nach denen Fördermittel verteilt werden. Was die Frage nach dem genauen Verstoß angeht, verweist das Land an den LSB.
„Werden uns nicht zu Ihren Fragen äußern“
Dort will man der Redaktion keine Auskunft geben – und teilt das sehr deutlich mit: „Wir befinden uns in einem internen Klärungsprozess mit dem Verein und werden uns deshalb nicht zu Ihren Fragen äußern.“ Um das zu untermauern, ruft eine Sprecherin auch extra in der Redaktion an – und sagt fast den gleichen Satz noch einmal persönlich. Auch der Hinweis, dass es um das Geld der Bürger gehe und daher ein besonderes öffentliches Interesse vorliege, bewirkt nichts. Wieso gibt es einen „internen Klärungsprozess“, obwohl das Land ganz klar von „zu Unrecht gewährten Landesmitteln“ schreibt, die zurücküberwiesen werden sollen?
Das Geld, das von der Stadt Wiesmoor im Juli 2019 überwiesen wurde, kann der Verein nach aktuellem Stand behalten. Lübbers schreibt, dass Nachfragen bei der Prüfung des sogenannten Verwendungsnachweises „zunächst kein ungewöhnlicher Vorgang“ seien. Leider habe der ehemalige Germania-Vorstand (um Rademacher-Jelten, Anm. d. Red.) die Fragen „bis zuletzt nicht vollständig beantwortet“. Der neue Vorstand müsse sich eigenen Angaben zufolge erst einmal in die Sanierungsthematik einarbeiten. „Die noch nicht beantworteten Fragen zum Verwendungsnachweis sollen nun zeitnah beantwortet werden“, schreibt er Bürgermeister.
Unsere Frage danach, welche/s Unternehmen mit der unter anderem aus Steuermitteln finanzierten Sanierung beauftragt worden sei, will Lübbers nicht beantworten. Das sei beim Germania-Vorstand anzufragen. Dort verschweigt man der Redaktion allerdings ebenfalls, welches Unternehmen das Steuergeld bekommen hat. Die Antwort des Vorstandes: „Wir bitten um Verständnis, dass wir uns zu vereinsinternen Angelegenheiten nicht äußern werden.“ Die Redaktion hat zudem versucht, Rademacher-Jelten telefonisch zu erreichen. Die Versuche blieben – wie auch in den vergangenen Wochen – ohne Erfolg.
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