Mutmaßlicher Betrug Schon mehr als 40 Verdächtige im Fall der Wiesmoor-Connection
Der Kreis der Verdächtigen im mutmaßlichen Millionenbetrug wird größer. Welche Rolle spielen ein Hamburger Anwalt und ein Steuerberater aus Schleswig-Holstein?
Wiesmoor- Als Ende Mai mehr als 120 Beamte in Wiesmoor, Aurich und an vielen anderen Orten deutschlandweit zuschlugen, war von fünf Hauptverdächtigen die Rede: Der ehemalige Bürgermeisterkandidat Christian Rademacher-Jelten, die (inzwischen ehemaligen) Germania-Fußballer A. K. und H. P. S. sowie ein Anwalt aus Hamburg und ein Steuerberater aus Schleswig-Holstein sollen hinter dem mutmaßlichen Millionenbetrug der Wiesmoor-Connection stecken. Die Ermittler sammelten auch Computer und Smartphones ein – und so manch einer aus dem Umfeld der Verdächtigen dürfte anschließend schlaflose Nächte gehabt haben. Zu Recht, wie sich nun herausstellt: Die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelt inzwischen gegen mehr als 40 Beschuldigte – und die Liste ist noch nicht abgeschlossen.
„Wir können nicht ausschließen, dass noch weitere verdächtige Personen hinzukommen“, sagt auf Nachfrage Staatsanwalt Thorsten Stein, Pressesprecher der Oldenburger Strafverfolger. Die Ermittlungen dauerten aller Voraussicht nach noch sehr lange an. „Jeder Antrag auf Corona-Subventionen muss einzeln geprüft werden“, sagt der Staatsanwalt. Das nehme eine Menge Zeit in Anspruch. Dazu kommen noch eine ganze Reihe weiterer Beweismittel – die Polizei hatte zuletzt von insgesamt 60 Umzugskartons gesprochen. Dass deren Auswertung noch weitere Verdächtige zutage fördern könnte, klingt durchaus realistisch. Fest steht schon jetzt, dass sich das Geflecht um die KS Consult GmbH mit Sitz in einer Wiesmoorer Soccerhalle weit über Ostfrieslands Grenzen hinaus erstreckt.
„Kreative“ Arbeit im Finanzbereich
Wie kommen beispielsweise der Hamburger Anwalt und der Steuerberater aus Schleswig-Holstein ins Spiel? Unseren Quellen zufolge mehr oder weniger durch Zufall. CRJ, wie Rademacher-Jelten genannt wird, hat schon seit längerer Zeit Geschäftsbeziehungen nach Schleswig-Holstein unterhalten. Das Problem: Er durfte und darf offiziell nicht als Steuerberater auftreten – weil er durch die Prüfung gefallen war und folgerichtig kein Steuerberater ist. Über Kontakte lernte CRJ den Schleswig-Holsteiner Steuerberater kennen – einem Informanten zufolge bekannt für seine „kreative“ Arbeit im Finanzbereich. Der Steuerberater wiederum ist eng mit dem Hamburger Rechtsanwalt verbunden. Ein gutes Fundament für die Zusammenarbeit, denn in Deutschland dürfen auch Anwälte uneingeschränkt in Steuersachen beraten.
Die Vermutung liegt nahe – und unsere Quellen bestätigen das –, dass CRJ seine Mandate betreute und nur Berechtigte brauchte, um allem einen offiziellen Anstrich zu geben – mit Stempel und Unterschrift. Auch in Unterlagen des Amtsgerichts Aurich heißt es, dass CRJ nach dem Nichtbestehen seiner Prüfung „steuerrechtliche Mandate“ betreut habe, „ohne dafür berechtigt zu sein“. Unseren Informationen zufolge sind inzwischen auch einem ostfriesischen Finanzamt Ungereimtheiten aufgefallen. Mitarbeiter haben festgestellt hat, dass CRJs Unternehmen Dr. Rademacher / Jelten & Sinning GmbH keine steuerliche Hilfe leisten dürfe. Deren im Auftrag von Mandanten eingereichte Steuererklärungen seien daher unwirksam. Laut Thorsten Stein ermittelt die Staatsanwaltschaft Oldenburg in dieser Sache noch nicht. Er schließt aber nicht aus, dass das in Zukunft noch passiert.
Gewinne auf Staatskosten
Unseren Recherchen zufolge werfen die Ermittler dem Hamburger und dem Schleswig-Holsteiner vor, die Wiesmoor-Connection bei den mutmaßlichen Betrugsdelikten nicht nur beraten, sondern bei den mutmaßlichen Taten auch selbst mitgewirkt zu haben. „Dazu können und möchten wir uns aktuell nicht äußern“, sagt Stein. Unseren Quellen zufolge ging es bei dem mutmaßlichen Millionenbetrug nicht nur darum, Geld durch die Erstattung angeblicher Einnahmeverluste zu bekommen, sondern auch darum, sich mit angeblich notwendigen Investitionen staatliche Subventionen zu ergaunern. Unternehmer seien dazu gebracht worden, beispielsweise Luftfilteranlagen zu bestellen, die sie gar nicht gewollt hätten – oder sogar Lieferfahrzeuge, heißt es von unseren Informanten.
Versprochen worden seien Gewinne auf Staatskosten – und auch zugunsten der Wiesmoor-Connection. Beispielsweise habe CRJ einen „Mandanten“ gehabt, über den man Luftfilter habe bestellen können. Ob diese tatsächlich ausgeliefert worden seien oder wie viel Geld sich die Beteiligten jeweils in die eigene Tasche gesteckt hätten, sei dann auch egal gewesen. Die Filter habe man ja gar nicht gewollt, sondern das Geld von den staatlichen Förderbanken. Thorsten Stein von der Staatsanwaltschaft bestätigt auf Nachfrage, dass Luftfilter in den sichergestellten Unterlagen eine Rolle spielten. Genauere Angaben macht der Staatsanwalt gegenüber der Redaktion allerdings nicht. Mit Blick auf mögliche Bestellungen von Fahrzeugen lässt sich sagen, dass zum Geflecht um die KS Consult GmbH auch ein Autohandel gehört.
Herr oder Frau Gesellschafter?
Apropos KS Consult GmbH: Im Herzen der Wiesmoor-Connection hat sich auf dem Papier etwas getan. Mit Wirkung und Eintragung im Handelsregister von diesem Montag ist C. H. H. keine Geschäftsführerin des Unternehmens mehr – womit die GmbH aktuell führerlos ist. Die Frau – vor allem bekannt für ihre Katzenliebe – war der Anstoß unserer Recherche. Die Staatsanwaltschaft Aurich wirft ihr vor, als offizielle Geschäftsführerin mit abgerechneten, aber nicht durchgeführten Corona-Tests den Staat um mehr als eine Million Euro betrogen zu haben. Unseren Recherchen zufolge ist die Frau aber nur ein kleines Licht im Konstrukt der Wiesmoor-Connection. Und auch die für den mutmaßlichen Subventionsbetrug zuständige Staatsanwaltschaft Oldenburg führt sie in ihren Ermittlungen nicht als Hauptverdächtige.
Was passiert jetzt mit der KS Consult GmbH? Das GmbH-Gesetz ist eindeutig: „Hat eine Gesellschaft keinen Geschäftsführer (Führungslosigkeit), wird die Gesellschaft für den Fall, dass ihr gegenüber Willenserklärungen abgegeben oder Schriftstücke zugestellt werden, durch die Gesellschafter vertreten“, heißt es in Paragraf 35. Der einzige Gesellschafter ist M. A. aus Schleswig-Holstein, der gleichzeitig einer der Geschäftsführer der Bordell-GmbH Joy Company ist, die wiederum Bremer Gerichtsunterlagen zufolge von einem führenden Mitglied der Hells Angels kontrolliert wird. C. H. H. scheint ihren Gesellschafter übrigens nicht besonders gut zu kennen: In dem uns vorliegenden Schreiben mit ihrer Amtsniederlegung bezeichnet sie den Mann gleich zweimal als „Frau“. Ob die vermeintliche Geschäftsführerin ihren Boss wohl jemals gesehen hat?
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