Wegen Umweltauflagen  Bauern in den Niederlanden blockieren Supermarkt-Lager und Grenze

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Von Vera Vogt
| 06.07.2022 19:02 Uhr | 3 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Landwirte blockieren ein Supermarkt-Verteilzentrum in Zwolle. Die Bauern sind wegen Auflagen zur Reduzierung des Stickstoff-Ausstoßes verärgert. Foto: Jannink/dpa
Landwirte blockieren ein Supermarkt-Verteilzentrum in Zwolle. Die Bauern sind wegen Auflagen zur Reduzierung des Stickstoff-Ausstoßes verärgert. Foto: Jannink/dpa
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Mit Protestaktionen machen die Landwirte in den Niederlanden derzeit Schlagzeilen. Schwappt das herüber – und welche Auswirkungen haben die Proteste schon jetzt?

Niederlande/Rheiderland - Viele niederländische Bauern schäumen vor Wut. Seit mehr als zwei Wochen protestieren sie gegen geplante Umweltauflagen. Der Stickstoff-Ausstoß soll so drastisch reduziert werden, dass nach Einschätzung der Regierung etwa 30 Prozent der Viehbauern ihren Betrieb aufgeben müssen. Seit Anfang der Woche scheint sich die Lage zuzuspitzen. Nachdem zunächst Straßen mit Heuballen und Treckern blockiert worden sind, ist am Anfang dieser Woche dazu aufgerufen worden, auch Supermärkte und Häfen in die Proteste einzubeziehen. Hunderte Landwirte folgten dem Aufruf am Montag und blockierten die Zufahrten zu Großlagern der Supermärkte.

Was und warum

Darum geht es: Landwirte protestieren in den Niederlanden. Seit Anfang der Woche sind auch Supermärkte ein Ziel ihrer Wut. In der Grenzregion bleiben einige Regale leer. Die Proteste scheinen sich zuzuspitzen.

Vor allem interessant für: die, die sich für Landwirtschaft und das Nachbarland interessieren

Deshalb berichten wir: Am Mittwoch hielten die Proteste an.

Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de

Der Zentrale Verband des Lebensmittelhandels sprach bereits von ersten Versorgungsengpässen. Von den jüngsten Blockaden waren vor allem Marktführer Albert Heijn und Jumbo betroffen. Aber auch Coop, Plus, Aldi und Lidl spürten die Wut der Bauern. Marc Jansen, Direktor des Zentralen Lebensmittelverbandes, rief die Behörden zum Eingreifen auf. „Das kann nicht länger so weiter gehen“, sagte er im Radio. „Wir haben nichts mit dem Konflikt von Staat und Bauern zu tun.“ Regionale Medien berichteten bereits von leeren Regalen in einigen Supermärkten.

Eine Reihe von Aktivisten hat die Nacht vor dem Eingang zum Vertriebszentrum eines Supermarkts verbracht. Foto: Van Lonkhuijsen/dpa
Eine Reihe von Aktivisten hat die Nacht vor dem Eingang zum Vertriebszentrum eines Supermarkts verbracht. Foto: Van Lonkhuijsen/dpa

Auch Engpässe in Grenzregion

Die Proteste treffen auch Läden in der Grenzregion. So erklärt Coen Sba, der Marktleiter des Coop-Marktes in Bad Neuschanz, dass eine Lieferung von Gemüse und Fleisch am Montagmorgen noch angekommen sei. Dann war erst einmal Schluss: „Eigentlich bekommen wir am Abend Kuchen und Getränke“, sagt er. Aber die Lieferungen seien nicht durchgekommen. Den Dienstag über sei dann weiterhin nichts Frisches geliefert worden. „Nichts. Auch kein Vla, kein Joghurt.“ Am Dienstagabend kam die erste Fuhre wieder durch. „Es wird aber dauern, bis sich das Sortiment wieder ganz auffüllen lässt“, so Sba.

Aber nicht nur die Auswirkungen auf die Lebensmittelversorgung nehmen zu. Immer wieder kommt es zu Krawallen: Laut Medienberichten würden Politiker bedroht, Polizeiautos beschädigt und Brände gelegt. Zuletzt habe die niederländische Polizei nach eigenen Angaben Warnschüsse abgegeben und auch gezielt geschossen. Bauern hatten am späten Dienstagabend auf einer Autobahnauffahrt bei Heerenveen im Norden des Landes Straße mit Treckern blockiert. Als sie auf die Polizisten und deren Autos zusteuerten, hätten die Beamten zur Schusswaffe gegriffen und mindestens einen Traktor getroffen. Die Landwirte bestritten die Darstellung der Polizei. Die Polizei sei nicht bedroht worden. Die Kriminalpolizei untersucht den Vorfall.

Polizisten stehen neben Traktoren bei einer Protestaktion. Foto: Engelaar/dpa
Polizisten stehen neben Traktoren bei einer Protestaktion. Foto: Engelaar/dpa

Blockaden auch vor Bunde

Nicht nur die, die in den Niederlanden gerne einkaufen, dürften von den Protesten etwas mitbekommen haben. Von den Blockaden der Straßen war der Grenzübergang in Bunde in der vergangenen Woche ebenso betroffen wie andere entlang der Grenze. Der Weg ins Nachbarland blieb versperrt. Das Groninger „Dagblad van het Noorden“ schrieb von etwa 50 Traktoren, die zwischen Winschoten und der deutschen Grenze auf der A 7 standen. Beim erneuten Aufruf an diesem Montag blieb es aber ruhig: „Die Kollegen in Bunde haben keine Staus oder Blockaden erkennen können“, sagt Ralf Löning, Sprecher der zuständigen Bundespolizei Bad Bentheim.

Worum geht es überhaupt? „Die Regierung ist durch das höchste Gericht dazu verpflichtet worden, etwas zu tun, damit der Eintrag von Stickstoff-Verbindungen verringert wird“, erklärt Rudolf Bleeker, Geschäftsführer des Landwirtschaftlichen Hauptvereins (LHV) für den Kreis Leer. Bei Naturschutzgebieten um rund 70 Prozent. Das kann nach Schätzungen der Regierung zum Aus von rund 30 Prozent der Viehbetreibe führen. „Seit Jahrzehnten überschreiten die Niederlande europäische Normen“, so Bleeker.

Viel mehr Großvieh

Von den Niederlanden ins Rheiderland ist es nur ein Katzensprung. Könnte sich so etwas auch hier anbahnen? „Am ehesten vergleichbar sind die derzeitigen Proteste mit denen nach der Änderung der Düngeverordnung 2019“, so Bleeker. Es gebe aber entscheidende Unterschiede. So habe es in Deutschland keinen gerichtlichen Zwang gegeben, etwas an der Düngeverordnung zu ändern.

Ein noch größerer Unterschied: „Man muss sich vor Augen führen, wie verschieden die Voraussetzungen sind. Die kleinen Niederlande sind weltweit eine der größten Exportnationen von Agrar-Produkten“, erklärt Bleeker. Im vergangenen Jahr betrug das Ausfuhrvolumen rund 105 Milliarden Euro. Während der Viehbesatz im Kreis Leer bei unter zwei liege, käme man in den Niederlanden auf einen Wert von über vier pro Hektar. Mehr als doppelt so viele Großvieheinheiten (ein Rind oder ein Pferd ist eine Einheit) tummeln sich demnach also in den Niederlanden, erklärt Bleeker. „Die Regierung musste nun eingreifen, auch wenn das nicht in ihrem Interesse lag“, sagt er. Diese Zwänge gebe es hier nicht. „Für den einzelnen Landwirt in den Niederlanden ist das natürlich unglaublich bitter.“ Es sei sicherlich lange suggeriert worden, dass alles so weitergehe. „So kann man die Proteste schon ein Stück weit nachvollziehen.“

Mit Material von dpa

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