Ein Zimmer, ein Bad  Ukrainer wohnen in Moormerland in Hotel ohne Vollpension

| | 20.07.2022 16:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Bis zu vier Personen können in einem solchen Zimmer untergebracht werden. Um die Reinigung müssen sich die Geflüchteten selbst kümmern. Foto: Lüppen
Bis zu vier Personen können in einem solchen Zimmer untergebracht werden. Um die Reinigung müssen sich die Geflüchteten selbst kümmern. Foto: Lüppen
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Ein Teil der Geflüchteten aus dem Kriegsgebiet in der Ukraine wird nach der Ankunft im Landkreis Leer in einem Hotel untergebracht. Wie sieht es dort aus?

Warsingsfehn - In der Rezeption sieht es beinahe aus wie in einem normalen Hotel. Der Pächter steht am Tresen, als wolle er zahlende Gäste begrüßen. Es riecht nach dem Mittagessen. Aber weit gefehlt: Der Hotelbetreiber empfängt zwar beinahe täglich neue Menschen – aber es sind keine Urlauber, sondern Geflüchtete aus der Ukraine.

Was und warum

Darum geht es: Der Landkreis Leer hat ein Hotel in Moormerland angemietet, um dort Flüchtlinge aus der Ukraine aufzunehmen

Vor allem interessant für: Menschen, denen die Schicksale der Kriegsflüchtlinge am Herzen liegen

Deshalb berichten wir: Wir wollten sehen, wie die Unterbringung in dem Hotel aussieht.

Die Autorin erreichen Sie unter: k.lueppen@zgo.de

Das Hotel ist schon einige Zeit außer Betrieb. „Es wurde in den vergangenen Jahren nicht mehr modernisiert, im Urlaubsgeschäft wäre es nicht mehr vermietbar“, sagt der Pächter. Aber alle Zimmer seien komplett eingerichtet, es gebe fließend Wasser und W-Lan. Er hatte die Räume dem Landkreis zur Miete angeboten, um darin Geflüchtete unterzubringen.

Eine Unterkunft auf Zeit

Das wurde angenommen, seit Anfang Juli quartiert der Landkreis Leer einen Teil der neu angekommenen Ukrainer dort vorläufig ein. Bis zu 87 Personen haben dort Platz, aber aktuell sind es 54. Es sei nicht daran gedacht, dass sie lange dort wohnen, sagt Michael Kläsener, Leiter des Zentrums für Arbeit (ZfA). Denn nach Erledigung der Formalitäten, wozu auch der Antrag auf Sozialleistungen beim ZfA gehört, werden sie den Städten und Gemeinden zugeteilt.

Die Möbel sind wie das ganze Hotel aus den 80er Jahren. Foto: Lüppen
Die Möbel sind wie das ganze Hotel aus den 80er Jahren. Foto: Lüppen

Bis dahin steht ihnen ein etwa elf Quadratmeter großes Hotelzimmer zur Verfügung, das mit bis zu vier Personen belegt werden kann. Es gibt ein Doppelbett sowie ein schlichtes Etagenbett, einen Kleiderschrank, einen Tisch mit Stuhl, zwei Sessel mit Tischchen und einen Fernseher. Dazu ein eigenes, kleines Bad mit Dusche. Der Pächter und Kläsener zeigen unserer Redaktion ein unbewohntes Zimmer – die Geflüchteten wollen sich weder äußern noch ihre Räume für ein Foto zeigen.

Menschen gehen kaum aus dem Haus

Die Zimmer sind zwar im Hotel, aber die Bewohner müssen alles selbst sauber halten. Dafür stehen in der Rezeption ein Staubsauger sowie Putzeimer mit Lappen und Wischmop zur Verfügung. Waschmaschinen, Trockner und Kühlschränke für eigenes Essen stehen im Keller. Darum müssen sich die Ukrainer selbst kümmern. „Das klappt gut“, sagt der Pächter.

Für die Wäsche stehen drei Maschinen und Trockner für alle zur Verfügung. Foto: Lüppen
Für die Wäsche stehen drei Maschinen und Trockner für alle zur Verfügung. Foto: Lüppen

Obwohl quasi vor der Tür das Zentrum mit Einkaufsmöglichkeiten und ein Wanderweg liegen, verließen die Menschen das Hotel nicht oft. „Die sind meistens im Zimmer“, sagt er. Dieses sei zwar komfortabler als die etwa acht Quadratmeter großen Abteile in der Sporthalle, vor allem durch das eigene Bad. „Aber Luxus in dem Sinne ist das nicht“, macht der Hotelpächter deutlich.

Mehr Geflüchtete als 2015

Er habe dem Landkreis das Hotel als Erstunterkunft angeboten, „weil die Menschen mir einfach leidtun“. Von Vollpension kann keine Rede sein. Die Geflüchteten bekommen ein Frühstücksbuffet und mittags eine warme Mahlzeit. Eine ähnliche Verpflegung gibt es auch in der BBS, sagt Kläsener. Es habe durchaus Bedarf für die zusätzlichen Räume gegeben, versichert er: „Schon jetzt sind durch den Krieg in der Ukraine mehr Geflüchtete im Landkreis angekommen, als 2015/16.“

Alle Aushänge, wie der Speiseplan, sind ins Ukrainische übersetzt. Foto: Lüppen
Alle Aushänge, wie der Speiseplan, sind ins Ukrainische übersetzt. Foto: Lüppen

Die im Hotel untergebrachten Menschen bleiben nicht alle in Moormerland. Denn jede Kommune im Landkreis Leer muss Geflüchtete aufnehmen. „Es fehlt überall an Wohnraum“, sagt Kläsener. Zwar erreichten Angebote den Landkreis, aber häufig würden diese nur befristet angeboten. Gesucht würden abgeschlossene Wohnungen mit eigenem Zugang. Keiner wisse derzeit, wie lange die Ukrainer blieben. Häufig handelt es sich um Frauen mit Kindern, die Männer seien noch in der Heimat.

Übersetzung mit Digitalgerät

Im Hotel ist vom Feuermelder bis zur Hausordnung alles auf Ukrainisch verfügbar. Die Verständigung sei nicht ganz leicht, räumt der Hotelbetreiber ein. Er hat sich ein digitales Gerät beschafft, in das er Sätze auf deutsch hineinspricht, und das die Übersetzung ausgibt. Komplizierte Sachverhalte könne man damit jedoch nicht verhandeln. Bisher komme er mit seinen Gästen gut klar. Probleme habe es nur gegeben, nachdem es bei Gesprächen im Waschraum etwas lauter wurde.

Die Feuermelder haben eine Übersetzung bekommen. Foto: Lüppen
Die Feuermelder haben eine Übersetzung bekommen. Foto: Lüppen

Nachbarn hätten sich über diese nächtliche Geräuschentwicklung beklagt. Aber das habe er den Ukrainern vermitteln können, seither werde die Nachtruhe eingehalten. Für ihn ist die Nutzung des Hotels abgehakt: „Wenn die Flüchtlinge hier raus sind, wird das Gebäude abgerissen“, sagt er. Es weiche dem Neubau der Lidl-Filiale.

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