Regionales Gemüse  Gärtner stehen durch Gaspreise mit dem Rücken zur Wand

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Von Vera Vogt
| 08.08.2022 19:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Sebastian Bürger bewirtschaftet mit seiner Frau Jantje Schoenmaker einen Gurkenbetrieb Gärtnersiedlung in Halte. Foto: Ortgies
Sebastian Bürger bewirtschaftet mit seiner Frau Jantje Schoenmaker einen Gurkenbetrieb Gärtnersiedlung in Halte. Foto: Ortgies
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Gurken, Tomaten und Kräuter werden im Rheiderland und umzu angebaut: Die Betriebe stehen durch die Gaspreise vor dem Aus, daran hängen nicht nur tausende Arbeitsplätze.

Weener - „Wir machen uns wirtschaftlich nackig“, sagt Gärtner Sebastian Bürger. Nicht alle Zahlen, die der Gartenbauer am Freitag über den Familienbetrieb offenlegt, sind für die Zeitung bestimmt. Vielmehr für die Bundestagspolitiker, die ihm beim Runden Tisch in Halte gegenübersitzen. „Wir wirtschaften wegen der Gaspreise seit sechs Monaten in einer Krise“, so Bürger. Er managt mit seiner Frau Jantje Schoenmaker einen Gurkenbetrieb in Halte. Die beiden sind in der vierten Generation im Gartenbau tätig. Die Gas-Krise fordert ihren Tribut: „Wir stehen dabei mit dem Rücken zur Wand“, erklärt er. Statt 23 Prozent brauche es nun 44 Prozent vom Umsatz, um die Energiekosten zu decken. Fracht, Strom, Verpackung, Löhne, Dünger – das alles komme noch dazu und auch die Preise dafür stiegen.

Was und warum

Darum geht es: Der Gartenbau ist in der Region eine wichtige Branche. Sie schlägt nun Alarm: Durch die Gaspreise stehen die Gärtner mit dem Rücken zur Wand. Sie brauchen Hilfe aus Berlin, sonst werden die Betriebe den Winter kaum überstehen.

Vor allem interessant für: die, die gern regionales Gemüse kaufen wollen, und die, die wirtschaftlich vom Gartenbau abhängig sind

Deshalb berichten wir: Bei einem runden Tisch gab besonders ein Gärtner Einblick in die brenzlige Situation der Betriebe.

Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de

Die Kosten weiterzugeben, gehe nicht mehr. „Das wäre für die Kunden nicht mehr tragbar. Familien haben derzeit kaum noch etwas übrig. Dann vergammelt unser Gemüse in den Regalen, das wird uns ganz klar so mitgeteilt“, sagt er. Tomaten, Kräuter, Gurken, Paprika: Die Preissteigerungen seien dem Kunden nicht mehr zu vermitteln. Den Energieverbrauch habe man schon so weit heruntergefahren, wie die Pflanzen es zuließen. „Mein Schwiegervater ist da geschickt. Er weiß genau, was man den Pflanzen antun kann.“ Trotz des Sparkurses trieben die Erdgaspreise die Betriebe in den Ruin. Fast ein Drittel Erdgas habe man dennoch eisern eingespart. „Das bremst den Ertrag und schadet der Pflanzengesundheit. So braucht man mehr Pflanzenschutz und das will ja auch keiner.“

Man will keinen Schritt zurück

Das Bittere: „Wir haben vor einigen Jahren unseren Kohlekessel verschrottet“, so Bürger. Für den Klimaschutz hatte man umdisponiert auf Gas, auch Photovoltaik werde genutzt. „Kohle ist ein Energieträger, den ich nicht mehr will. Ich habe Kinder“, sagt er. Trotzdem wäre es betriebswirtschaftlich die sicherere Bank, denn auch wenn die Preise auf dem Kohlemarkt anzögen, seien sie kalkulierbarer im Gegensatz zu Gas. „Wir brauchen eine Perspektive“, sagt Bürger. Er wolle wissen, wann den Betrieben das Gas abgedreht werde. Der Gartenbau sei weitestgehend hinten heruntergefallen, wenn es um die Pläne für die Landwirtschaft der Bundesregierung gehe.

Die Familie Schoenmaker-Bürger bauen Gurken unter Glas an. Foto: Ortgies
Die Familie Schoenmaker-Bürger bauen Gurken unter Glas an. Foto: Ortgies

Das bestreiten die Bundestagsabgeordneten am Freitag nicht: Gitta Connemann (CDU), Anja Troff-Schaffarzyk (SPD) sowie Micha Halfwassen aus dem Büro des Abgeordneten Julian Pahlke (Grüne) versprachen unisono, den Hilferuf der Gartenbauer mit nach Berlin zu nehmen. Neben ihnen war auch der Vorstand der Gartenbauzentrale, eine Vertreterin des Wirtschaftsverbandes Gartenbau Norddeutschland, der Weeneraner Bürgermeister Heiko Abbas (CDU), Papenburgs Bürgermeisterin Vanessa Gattung (SPD) und Rolf Hüser von der Gemeinde Westoverledingen beim Runden Tisch dabei. Kam dabei noch mehr Greifbares heraus?

Tausende Arbeitsplätze

Eine schnelle Hilfe ohne ein Zurückfallen auf Kohle und Öl sieht Gärtner Bürger in Steuersenkungen. „Wir brauchen die Entlastung. Es geht nichts mehr“, sagt er. Dem stimmte Oppositionspolitikerin Gitta Connemann zu: „Steuern machen einen großen Kostenblock aus. Der muss sinken, damit die Betriebe durch den Winter kommen.“ Andere EU-Staaten hätten da schon vorgelegt. Mittelfristig müsse man sich zum Gartenbaustandort Deutschland bekennen. Auf eine kleine Anfrage habe die Bundesregierung das noch im Mai laut Connemann nicht getan. Sofern die Versorgung mit wärmebedürftigen Gemüsearten aus dem EU-Raum weiter gegeben sei, dürfte sich der Ausfall der deutschen Gemüseproduktion unter Glas vor allem in Preissteigerungen äußern, hieß es da.

An den Preisen für die Gurken aus der Region lässt sich nichts mehr machen, sagt Sebastian Bürger. Foto: Ortgies
An den Preisen für die Gurken aus der Region lässt sich nichts mehr machen, sagt Sebastian Bürger. Foto: Ortgies

Aber nicht nur Steuersenkungen sind am Freitag besprochen worden. „Es wird derzeit auch an Hilfspaketen gearbeitet“, so Anja Troff-Schaffarzyk. Ob die in ihrer Höhe ausreichen, den Unterglas-Betrieben aus der Klemme zu helfen, sei noch offen. „Wir befinden uns in einer Situation, die niemand so hat kommen sehen können. Natürlich ist es auch eine Fahrt auf Sicht. Aber auch die Gartenbaubranche darf nicht vergessen werden“, sagt sie. „Sie ist aus dem Blickfeld geraten, das muss sich ändern“, sagt Halfwassen.

Die Gartenbauzentrale, so wurde am Freitag erklärt, ist ein Zusammenschluss von 45 Betrieben, von denen in Halte, Völlen, Herbrum, Aschendorfermoor, Wiesmoor, Geeste und Cloppenburger Raum rund 2000 Arbeitsplätze direkt und indirekt abhängen. Der Anbau von Millionen regionaler Gurken, Tomaten und Kräuter wird von den Betrieben gestemmt.

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