Bis Jahresende  Flüchtlingsunterkunft statt Events in der Emder Nordseehalle

Claus Hock Heiko Müller
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Von Claus Hock und Heiko Müller
| 18.08.2022 18:40 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Mitten im Neustart der Veranstaltungen muss die Stadt Emden die Nordseehalle anders nutzen. Die gesamte Halle soll zu einer Unterkunft für Geflüchtete werden. Foto: Ortgies/Archiv
Mitten im Neustart der Veranstaltungen muss die Stadt Emden die Nordseehalle anders nutzen. Die gesamte Halle soll zu einer Unterkunft für Geflüchtete werden. Foto: Ortgies/Archiv
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Viermal mehr Geflüchtete als sonst kommen seit rund zwei Wochen in Emden an. Gleichzeitig gibt es keine freien Wohnungen mehr. Deswegen muss die Stadt eine große Sammelunterkunft einrichten.

Emden - Die Aufnahme von Geflüchteten stellt die Stadt Emden weiterhin vor große Herausforderungen. Weil passende Wohnungen gerade „nicht mehr zu finden“ seien und die Kapazitäten des Ankunftszentrums in der ehemaligen Barenburgschule nicht mehr ausreichen, wechselt die Stadtverwaltung ihre Strategie. Sie richtet in den kommenden Wochen eine große Sammelunterkunft in der Nordseehalle ein. Dort sollen vor allem Geflüchtete aus der Ukraine unterkommen.

Die Sammelunterkunft soll ihren Betrieb am 12. September zunächst auf zwei Dritteln der insgesamt etwa 3000 Quadratmeter großen Fläche der Halle aufnehmen, teilten Stadtrat Volker Grendel und der stellvertretende Leiter des Fachbereichs Gesundheit und Soziales, Martin Schabler, am Donnerstag bei einer Pressekonferenz mit. Die Vorbereitungen beginnen bereits am 26. August, einen Tag nach der Einschulungsfeier für die künftigen Fünftklässler des Johannes-Althusius-Gymnasiums und des Max-Windmüller-Gymnasiums.

Grammel, Sasha und Popolski finden statt

Der Veranstaltungsbetrieb auf dem verbleibenden Hallendrittel läuft noch bis 25. September weiter, dies betrifft aber nur noch zwei Versammlungen und eine Tagung, keine Konzerte. Das ausverkaufte Gastspiel des Bauchredners und Comedian Sascha Grammel an diesem Sonntag sowie die für den 3. beziehungsweise 10. September geplanten Auftritte von „Sasha & Band“ sowie des Musikkabarettisten Pawel Popolski finden noch in drei beziehungsweise zwei Hallenteilen statt. Ab dem 25. September ist dann vorerst bis zum Jahresende Schluss mit Veranstaltungen.

Damit steht auch fest, dass die Fußball-Stadtmeisterschaften nach Weihnachten nicht in der Halle ausgetragen werden können. Über die Emder Eiszeit, die Ende Januar starten und etwa sechs Wochen lang dauern soll, sei bislang nicht entschieden worden. Wie es nach dem 31. Dezember dieses Jahres weitergeht, das müsse man abwarten. Die Einnahmeverluste des städtischen Kulturbetriebs Kulturevents Emden aufgrund der Veranstaltungen, die jetzt ausfallen, bezifferte Grendel auf 300.000 Euro. Damit ist der Strategiewechsel zunächst ein Minus-Geschäft, weil Bund und Land diese Verluste erst einmal nicht ausgleichen. Geld gebe es nur für die Beherbergung und Versorgung der Geflüchteten, so Grendel. Was hier über den normalen Satz, der sich nach der Unterbringung in Wohnungen richtet, hinausgehe, werde aber ebenfalls aufgefangen. Grendel rechnet damit, dass die Stadt hier zusätzliche Beihilfen um die 500.000 Euro erhält. Ein Kassen-Plus bedeute das aber nicht: „Das Geld geben wir auch aus, mindestens.“

In der Nordseehalle entsteht ein Zeltdorf für mindestens 300 Menschen

Die Zuweisung weiterer Geflüchteter werde, solange die Nordseehalle vorbereitet wird, für zwei Wochen ausgesetzt, dann aber nachgeholt. In den ersten beiden Wochen nach Inbetriebnahme der Sammelunterkunft am 12. September rechnet die Stadt daher mit bis zu 200 Menschen, die in die Halle einziehen werden. Danach rechne man zunächst wieder mit 50 Geflüchteten pro Woche. In der Halle sollen Zelte aufgestellt werden, die so angeordnet werden, dass eine Art Dorf entsteht. Mindestens 300 Menschen sollen hier dann auf unbestimmte Zeit leben. So soll auch die Intimsphäre von Familien gewahrt werden. So könnten zwar etwas weniger Menschen untergebracht werden, es sei aber besser für das Sozialgefüge.

„Wir bauen eine komplett neue Infrastruktur in der Nordseehalle auf“, sagte Grendel. So will die Stadt alle Dienstleitungen der Verwaltung und des Jobcenters sowie Beratungsangebote für Geflüchtete, die bisher in der Barenburgschule und an der VHS angeboten wurden, in der Nordseehalle bündeln. Barenburg wird dann zur Unterkunft und wird nicht mehr als Ankunftszentrum genutzt.

Auch Sporthalle der BBS II war im Gespräch

Grendel warb um Verständnis für die am Dienstag vom Verwaltungsvorstand getroffene Entscheidung, die Nordseehalle als Unterkunft für Geflüchtete zu nutzen. „Wir hätten uns gewünscht, die dezentrale Unterbringung fortsetzen zu können“, sagte er. Diese Strategie sei bislang erfolgreich gewesen, ließe sich aber nicht aufrecht erhalten. Die Nutzung der Nordseehalle sei „annähernd alternativlos“, so der Stadtrat.

Als Alternative hatte die Stadt die Sporthalle der Berufsbildenden Schulen II am Steinweg in Betracht gezogen. Deren Nutzung hätte aber unter anderem unmittelbare Auswirkungen auf den Schul-, Spitzen- und Breitensport in der Stadt. Gegen die Sporthalle spreche auch, dass sie nicht komplett barrierefrei ist. Die Barrierefreiheit sei aber notwendig, weil seit jüngster Zeit auch zunehmend Kriegsversehrte aus dem Osten der Ukraine in Emden aufgenommen werden, sagte Schabler. Zu Anfang habe man es vor allem mit Geflüchteten zu tun gehabt, die nicht direkt aus dem Kriegsgebiet geflohen sind.

100 statt 25 Geflüchtete pro zwei Wochen

Nach Angaben der Stadt steigt die Zahl der Geflüchteten in Zusammenhang mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine gegenwärtig sprunghaft an. Musste die Stadt bislang alle 14 Tage 25 Geflüchtete aufnehmen, sei die Zuweisungsrate seit zwei Wochen erst auf 25 Menschen und dann auf 50 Menschen pro Woche gesteigert worden. Hinzu komme, so Grendel und Schabler, dass das Land Niedersachsen viele Städte und Landkreise wegen besonderer Belastungen von der Aufnahme weiterer Menschen ausgenommen hat, wenn diese ihre Quote schon erfüllt haben. Emden hatte zunächst gehofft, auch zu diesen Kommunen zu zählen.

Seit dem Kriegsbeginn in der Ukraine hat die Stadt Emden allein 591 Geflüchtete aus diesem Land aufgenommen. Diese Zahl übertreffe die der Menschen, die die Stadt während des Flüchtlingsstroms in den Jahren 2015 und 2016 innerhalb von anderthalb Jahren registrierte, so Grendel.

Er und Schabler gehen davon aus, dass diese Zahlen angesichts der Zerstörungen in ukrainischen Städten und deren Versorgungsstrukturen sowie des nahenden Winters weiter steigen werden. Man könne nicht von einer Entspannung ausgehen. Die Stadt müsse deshalb langfristig über anderen Möglichkeiten der Unterbringung nachdenken und die weitere Entwicklung abwarten.

Mitten im Neustart der Veranstaltungen muss die Stadt Emden die Nordseehalle anders nutzen. Die gesamte Halle soll zu einer Unterkunft für Geflüchtete werden. Foto: Ortgies/Archiv
Mitten im Neustart der Veranstaltungen muss die Stadt Emden die Nordseehalle anders nutzen. Die gesamte Halle soll zu einer Unterkunft für Geflüchtete werden. Foto: Ortgies/Archiv

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