Bremen gelang historische Aufholjagd So erlebten einige Ostfriesen den Werder-Wahnsinn in Dortmund
Unter den 8500 Werder-Fans in Dortmund waren auch einige Ostfriesen. Sie genossen den 3:2-Sieg mit späten Toren und ärgerten sich über ein Bahn-Chaos.
Ostfriesland - Jens Drieschner hat mit Werder Bremen schon viel erlebt. Der Leeraner besitzt seit 1998 eine Dauerkarte für das Weserstadion, reiste der Mannschaft auch in weit mehr als 100 Spielen hinterher. „Aber so etwas wie Samstag war auch noch nie dabei. Das war Wahnsinn, einfach Wahnsinn“, sagt der 40-Jährige. Er war einer von Dutzenden Ostfriesen unter den 8500 Werder-Fans, die die historische Bremer Aufholjagd bei Borussia Dortmund live miterlebten. 0:2 bis zur 89. Minute und dann noch 3:2 gewonnen – das gab es noch nie in der fast 60-jährigen Bundesliga-Geschichte. Unsere Zeitung hat mit drei ostfriesischen Augenzeugen gesprochen.
Die magische Schlussphase in Dortmund mit Werder-Toren von Lee Buchanan (89.) zum 1:2, Niklas Schmidt zum 2:2 (90. + 3) und Oliver Burke (90. + 5) zum 3:2 wirkt beim Leeraner Jens Drieschner noch nach. „Ich hatte nach dem 3:2 wirklich Tränen in den Augen. Es war verdammt emotional. So eine Lautstärke wie nach dem 2:2 und Siegtreffer habe ich in den mehr als 25 Jahren als Stadionfahrer ganz selten nur erlebt.“
Nur zwei Partien waren emotionaler
Drieschner gehört zum Leeraner Fanklub Werder-Ossis, der aber keine gemeinsame Fahrt nach Dortmund organisiert hatte. Er fuhr mit dem Auto nach Bremen, wo er gemeinsam mit weiteren Fans und der Initiative „Werder-Fanfahrt“ vor der Ostkurve in vier Doppeldeckern nach Dortmund aufbrach. Vor Ort traf er noch vier weitere Mitglieder des Fanklubs, die in Dortmund übernachtet hatten – der Rest der mehr als 60 Kollegen und Kolleginnen fieberte vor dem Fernseher mit.
Als Dortmund gegen stark aufspielende Bremer nach 77 Minuten mit dem zweiten Fernschuss-Tor das 2:0 erzielt hatte, hatte Drieschner das Spiel schon abgehakt. „Ich dachte: Gutes Spiel für einen Aufsteiger, Punkte holen wir gegen die anderen.“ Doch es sollte noch ganz anders kommen. Der Werder-Wahnsinn in Dortmund hat es bei Drieschner in die persönliche Top-Drei der Stadionerlebnisse geschafft. Davor stehen nur noch der 3:1-Sieg beim FC Bayern München 2004, der Werder zum Deutschen Meister machte. Und das 1:0 am letzten Spieltag 2016 gegen Frankfurt, als Bremen durch ein Tor in der 88. Minute den Klassenerhalt schaffte.
Chaotische Bahnfahrt für Ostfriesen
Der historische 3:2-Sieg beim Titelanwärter Dortmund war für viele Bremen-Fans, die mit dem Zug angereist waren, auch eine Entschädigung für eine chaotische An- und Abreise. „Das war eine Katastrophe“, sagt Nico de Boer. Der 18-jährige Werder-Fan aus der Krummhörn startete mit ein paar Kumpels um 8.52 Uhr am Emder Bahnhof. Nach dem Umstieg in Münster erfuhren die Ostfriesen dann wie die weiteren Fahrgäste, dass der Hauptbahnhof in Dortmund wegen eines beschädigten Stellwerkes gesperrt ist und nicht angefahren werden kann.
So stieg man wie viele weitere Werder-Fans außerhalb Dortmunds aus und nutzte einen Schienen-Ersatzverkehr. „In einem kleinen Ort stand der Bus aber einfach dann zwischendurch 50 Minuten. Dann ging es erst weiter zum Hauptbahnhof, von dort mit der U-Bahn zum Stadion.“ Statt wie geplant um 13.30 Uhr erreichte die Gruppe um 15.15 Uhr den Gäste-Block auf der Nordtribüne. 15 Minuten vor dem Anstoß.
„Eine unglaubliche Stimmung“
Die Werder-Aufholjagd ließ dann die nervige Anreise vergessen. „Das war der absolute Wahnsinn. Es war eine unglaubliche Stimmung. Wir Fans haben auch noch bis 18 Uhr im Stadion gefeiert, zu Beginn auch lange mit der Mannschaft“, berichtet Nico de Boer, für den auch die Rückreise nicht nach Plan verlief. Nach einem Durcheinander beim Schienen-Ersatzverkehr am Hauptbahnhof und Fehlinformationen fuhr die Gruppe mit dem Taxi zum Bahnhof nach Lünen, setzte sich dort um 21 Uhr in den letzten Zug, der Emden noch erreichte. Um 1 Uhr kam dieser dann an.
Zwei Stunden zuvor erreichte Bezirksliga-Fußballer Janek Swyter mit drei seiner Mitspieler von Germania Wiesmoor wieder den Bahnhof in Leer – auch eine Stunde später als ursprünglich angedacht. Auch die Anreise verlief wie bei den Emdern komplizierter, aber etwas besser. „Wir waren um 14.30 Uhr im Stadion“, sagt der Student. Der Dortmund-Fan aus der Runde hatte über den BVB für sich und die drei Werder-Fans die Karten geordert. Er war nach dem 2:2 genau so geschockt wie der Rest der Dortmunder. „Wir dagegen waren in kompletter Ekstase, haben getanzt, gesungen, einfach gefeiert“, erzählt der 24-jährige Swyter. „Der Punkt wäre nach dem 0:2 ja schon Wahnsinn gewesen. Nach dem 3:2 sind dann alle Jubel-Dämme gebrochen.“
Während die Bremer noch lange im Stadion feierten, zeigten sich die Dortmund-Fans als faire Verlierer, gratulierten den Bremern zu einem verdienten Sieg. Der hat es im persönlichen Werder-Erlebnis-Ranking von Swyter nicht ganz auf Platz eins geschafft. Dort steht für ihn ein Achtelfinalsieg im DFB-Pokal, als Werder an einem kalten Februar-Tag 2019 in der Verlängerung auswärts zweimal einen Rückstand zum 3:3 aufholte und im Elfmeterschießen gewann – bei Borussia Dortmund.