Neuer Weltrekord Schief, schiefer, am schiefsten – Suurhusen oder Gau-Weinheim?
Am Sonntag wurde in Rheinland-Pfalz der Rekord für den „schiefsten Turm der Welt“ überreicht. Doch mit dem Suurhuser Rekord im Guinnessbuch hat das erstmal nichts zu tun.
Suurhusen/Gau-Weinheim - Am Montag steht das Telefon bei Pastor Frank Wessels nicht still. Wirklich Zeit für ein Gespräch hat er nicht. Wessels ist zuständig für die evangelisch-reformierte Kirchengemeinde Suurhusen-Marienwehr – und hat einen rekordverdächtigen Turm fast direkt vor der Haustür stehen. Seit 2007 ist der Kirchturm des Suurhuser Gotteshauses laut Guinnessbuch der Rekorde der „schiefste Kirchturm der Welt“, eine Plakette vor der Kirche bestätigt dies seitdem.
Was und warum
Darum geht es: Suurhusen bleibt Weltrekordhalter, zumindest erstmal und zumindest im Guinnessbuch der Rekorde.
Vor allem interessant für: diejenigen, die sich für Weltrekorde, Architektur und die „Konkurrenz“ aus Rheinland-Pfalz interessieren
Deshalb berichten wir: Nachdem am Sonntag ein neuer „schiefster Turm“ gekürt wurde, blieben noch einige Fragen offen. Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de
Konkurrenz gab es in den vergangenen Jahren häufiger, doch bislang hatte der Rekord Bestand. Doch nun heißt es überall: Der schiefste Turm der Welt steht in Gau-Weinheim in Rheinland-Pfalz. Doch wie so oft steckt der Teufel im Detail – und in voneinander unabhängigen Firmen. Während die eine Firma den neuen Weltrekord feiert, bleibt die andere gelassen.
Wer ist schiefer? Das sagen die Zahlen
Der Turm in Gau-Weinheim hat nach offiziellen Messungen einen Neigungswinkel von 5,4277 Grad – an der schiefsten Seite. Tatsächlich ist der Turm, so ist es Medienberichten zu entnehmen, nirgends richtig gerade. Schiefer als der schiefe Turm von Pisa und schiefer als der Kirchturm in Suurhusen ist er damit definitiv. Der weltbekannte Turm in Pisa hate ursprünglich eine Neigung von 5,5 Grad. In den 1990er Jahren wurde diese Neigung durch Sanierungsarbeiten aber auf etwa vier Grad verringert.
Der Turm in Suurhusen hat laut Guinnessbuch eine Schieflage von 5,1939 Grad. Demnach ist der Weltrekord tatsächlich von Suurhusen nach Gau-Weinheim gewandert. „Bei der Messung in Gau-Weinheim handelt es sich um eine amtliche, fachmännische Messung – genau wie 2007 in Suurhusen“, so Olaf Kuchenbecker gegenüber dieser Zeitung. Er ist Geschäftsführer des „Rekordinstituts für Deutschland“ (RID), also der Stelle, die am vergangenen Sonntag den Weltrekord für den „schiefsten Turm“ in Gau-Weinheim verlieh.
Guinnessbuch und RID sind wie TÜV und Dekra
Aber: Es ist aus verschiedenen Gründen etwas komplizierter. Zunächst: Oft ist zu lesen, dass der Turm in Gau-Weinheim jetzt im Guinnessbuch der Rekorde steht und dort den Suurhuser Kirchturm abgelöst hat. Das stimmt aber nicht. Zertifiziert wurde die Schiefheit des Turms in Gau-Weinheim allein vom RID. Dieses Institut bezeichnet sich selbst als „das deutschsprachige Pendant zum international ausgerichteten Rekordbuch aus London“. Gemeint ist das Guinnessbuch. Verbindungen haben beide aber nicht. Das RID bringt selbst regelmäßig ein Buch der Rekorde heraus.
„Wir sind unabhängig vom Guinnessbuch“, bestätigt auch Kuchenbecker im Gespräch mit dieser Zeitung. Man könne sich das so vorstellen: „Wenn das Guinnessbuch der TÜV ist, dann sind wir die Dekra“, so Kuchenbecker. Man sei in der gleichen Branche tätig, habe aber ansonsten nichts miteinander zu tun. Neben dem RID und dem Guinnessbuch gebe es noch zahlreiche andere Stellen und Unternehmen, die Weltrekorde zertifizieren. Auch das Guinnessbuch bestätigt auf Nachfrage, dass man in Gau-Weinheim nicht beteiligt gewesen sei. Mit der Weltrekordbranche kennt Kuchenbecker sich derweil aus: Mehrere Jahre lang war er, bevor er das RID gründete, als Weltrekordrichter für das Guinnessbuch unterwegs. Tatsächlich war es Kuchenbecher, der 2007 das Zertifikat für den Weltrekord in Suurhusen übergeben hat.
„Weltrekord ist Weltrekord“
Die Gau-Weinheimer hatten auf Ankündigungen zur Verleihung sowohl mit dem Logo des Guinnessbuchs als auch mit dem Logo vom RID geworben. Wie Erwin Gottschlich, Ortschronist und Initiator des Weltrekordversuchs, aber gegenüber des SWR am Sonntag erklärte, ist eine Eintragung ins Guinnessbuch nicht erfolgt. Zumindest noch nicht. „Weltrekord ist Weltrekord. Da kann man nicht sagen so oder so. Ich gehe davon aus, dass wir auch in das Guinnessbuch kommen“, so Gottschlich in einem SWR-Interview.
Kuchenbecker, der am Sonntag die RID-Verleihung selbst übernommen hat, geht nach Erfahrungen und Gesprächen mit den Weinheimer davon aus, dass vielleicht zum Jahresende hier noch etwas passieren könnte. „Weltrekord ist Weltrekord“, sagt auch er.
Der Guinness-Weltrekord-Halter ist...
Aber dadurch, dass RID und Guinnessbuch nicht zusammenhängen, wird der Suurhuser-Rekord nicht automatisch gelöscht. Die Antwort auf eine Nachfrage dieser Zeitung beim Guinnessbuch ist eindeutig: Der aktuelle Weltrekordhalter im Guinnesbuch der Rekorde für den schiefsten Kirchturm ist Suurhusen. („The current Guinness World Records record title holder for the Farthest leaning church tower is the Church in Suurhusen.“)
Schiefster Turm steht nicht mehr in Suurhusen, aber...
Bye-bye, schiefster Turm der Welt!?
Gemeinde Hinte will mehr in den Tourismus investieren
In der Antwort des Guinnessbuchs, das sich ansonsten auf unsere Nachfragen eher bedeckt hält, steckt ein wichtiges Detail. Zwar ist die Neigung des Turmes in Gau-Weinheim größer als die Schieflage des Turmes in Suurhusen. Aber: Laut Guinnessbuch wird Suurhusen mittlerweile in der Kategorie „schiefster Kirchturm der Welt“ (farthest leaning church tower) gelistet. Im Turm in Rheinland-Pfalz hängen zwar auch Glocken, aber es handelt sich um einen bürgerlichen Glockenturm. Die nahegelegene Kirche hat einen eigenen Kirchturm. Die feine Unterscheidung zwischen Turm und Kirchturm macht das Originalzertifikat vom Guinnessbuch zwar nicht. Dort heißt es nur: „der Turm mit der größten Neigung“ („the tower with the highest degree of tilt“) sei der Kirchturm in Suurhusen. Aber einen Grund, jetzt sofort die Plakette vor der Kirche abzubauen, gibt es wohl nicht.
Stimmen zum neuen Weltrekord
Wie auch immer die Debatte um die „Schiefigkeit“ der Türme in Suurhusen und Gau-Weinheim ausgehen wird: Auch in den kommenden Jahren wird Suurhusen weiter vom 15 Jahre lang unangefochtenen Weltrekord profitieren. Davon waren und sind verschiedene Gesprächspartner dieser Zeitung überzeugt.
Schon im Vorfeld, als der Weltrekordversuch aus Gau-Weinheim bekannt wurde, zeigten sich sowohl Suurhusens Pastor Frank Wessels als auch Touristiker aus der Region sportlich. „Wenn es denn offiziell ist, gratulieren wir von Herzen“, sagte Frank Wessels, Pastor der Kirchengemeinde Suurhusen-Marienwehr, in der vergangenen Woche auf Nachfrage. „Wir haben den Titel ‚Schiefster Turm der Welt‘ seit 15 Jahren mit stolz und Würde getragen“, so der Pastor weiter. Und auch ein neuer Rekordhalter werde die Beliebtheit der Kirche sicher nicht empfindlich beeinträchtigen.
Auch Wiebke Leverenz von der Ostfriesland Tourismus GmbH fand es am gleichen zwar „sehr schade“. „Das war immer ein Superlativ, der schiefste Turm der Welt“, sagte sie. Aber auch sie war sich sicher, dass der Suurhuser Turm weiter Anziehungspunkt bleiben wird. Wie die Recherche unserer Zeitung aber zeigte, ist Weltrekord zwar Weltrekord, aber es hängt auch vom Verleiher ab. Das hat auch Frank Wessels bemerkt.
Trotz aller Sportlichkeit: Wenn es eine Möglichkeit gibt, den Guinnessbuch-Rekord noch etwas zu halten, sagt man auch in Suurhusen nicht Nein. Das wurde in einem kurzen Austausch mit Wessels deutlich. Am Montag wollte sich der Pastor gegenüber dieser Zeitung dennoch nicht allzu ausführlich äußern. Zu viele Fragen seien aufgrund dessen, dass der Weltrekord vom Rekordinstitut für Deutschland und nicht vom Guinnessbuch der Rekorde verliehen wurde, noch offen. „Wir werden uns aber äußern, wenn wir etwas klarer sehen“, so Wessels.
Olaf Kuchenbecker, Geschäftsführer vom Rekordinstitut für Deutschland, sieht in der möglichen Unterscheidung zwischen Turm und Kirchturm eher eine Spitzfindigkeit. „Aber so oder so, ich glaube nicht, dass Suurhusen durch den neuen Rekord irgendeinen Schaden nimmt“, so Kuchenbecker. Allein die jetzige Situation zeige, dass eigentlich sowohl Suurhusen als auch Gau-Weinheim gerade gewinnen. „Suurhusen ist jetzt wieder in aller Munde und wird überall erwähnt“, so Kuchenbecker.
Seit 2007, als der Suurhuser Kirchturm als schiefster Turm ausgezeichnet wurde, kommen jährlich Tausende Besucherinnen und Besucher in den Ort in der Gemeinde Hinte, um den schiefen Kirchturm zu bestaunen. Auch wenn die touristische Infrastruktur der Gemeinde nicht sio ausgebaut ist wie beispielsweise in der Krummhörn: Mit dem schiefen Turm konnte 15 Jahre lang gut gepunktet werden.
Ähnliches erhofft man sich auch in Gau-Weinheim, wie Kuchenbecker bei Gesprächen vor Ort erfahren hat. Der kleine Ort im Landkreis Alzey-Worms in Rheinland-Pfalz zählt etwas unter 700 Einwohnern, ist etwas mehr als halb so groß wie Suurhusen. Offizielle Vertreter des Ortes waren am Montag nicht zu erreichen.
Großartige Hoffnungen, dass der Suurhuser Kirchturm den Wehrturm in Gau-Weinheim bei der Neigung nochmal überholen könnte, gibt es derweil nicht. Die Neigung wird regelmäßig von Studierenden der Hochschule Magdeburg-Stendal untersucht. Dies dient den Studierenden als Übung und bringt der Kirchengemeinde Sicherheit. Eine Verstärkung der Neigung konnte bisher nicht festgestellt werden. Das freut Wessels, wie er früher gegenüber dieser Zeitung sagte. Eine weitere Neigung sei nicht gut für das Kirchengebäude.