Heizen in Jemgum In diesen Baugebieten könnte der Gaspreis egal sein
Zwei Baugebiete sind in Jemgum geplant. Für beide will man bei der Energie neue Wege gehen. Oder doch lieber nicht?
Jemgum - Kaum ein Tag vergeht ohne schlechte Nachrichten für Leute mit einer Gasheizung. In Jemgum überlegt man, bei den beiden geplanten Baugebieten neue Wege einzuschlagen. Weg vom Gas. Deshalb habe es in den vergangenen Wochen laut Verwaltung viele Gespräche gegeben. Dabei sei auch der Erschließungsträger, die GPL (Sparkasse), eingebunden gewesen.
Was und warum
Darum geht es: Häuslebauer in Jemgum sollen sich in den neuen Baugebieten keine Sorgen um Gaspreise machen müssen. Die EWE stellte Ideen vor.
Vor allem interessant für: junge Familien und jeder, der über einen Hausbau nachdenkt
Deshalb berichten wir: Energiepreise sind Thema. Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de
Die EWE hat angekündigt, in künftigen Neubaugebieten keine – oder nur noch in begründeten Ausnahmefällen – Gasleitungen mehr zu verlegen. Es lohne sich nicht mehr, da sich kaum noch Haushalte für Gasheizungen entschieden, außerdem wolle man Klimaneutralität erreichen.
Was bedeutet das für Häuslebauer?
Generell gibt es laut Verwaltung zwei Varianten, wenn man sich ganz unabhängig machen will vom Gas.
Erstens: Man überlasse es jedem Bauherrn selber, sich darum zu kümmern. Das bedeute höhere Investitionen und längere Wartezeiten. „Die Frage, die die Verwaltung hierbei gestellt hat, ist, ob sich das angesichts der enormen Baukosten und stark steigenden Kreditzinsen die Bauherren noch leisten können.“ (Stichwort: eigene Wärmepumpen, PV-Anlagen).
Zweitens: Es wird eine zentrale Lösung geschaffen: In Ditzum am Schöpfwerkstief wäre die für 40 Haushalte, Am Toten Weg in Jemgum für 25 vorgesehen. Wie das aussehen könnte, stellte Claas Marquardt von der EWE am Dienstag im Ausschuss vor. Ein kaltes oder mittelwarmes Nahwärmenetz käme für die Gebiete infrage, sagte Marquardt.
Wie funktioniert diese Versorgung?
Zu den Vorteilen gehöre laut Marquardt, dass die Hausbauer bei beiden Varianten keinen Erdgasanschluss, keinen Schornstein mit dazugehöriger Wartungen sowie kein Vergleichen der Gaslieferpreise bräuchten. Außerdem spare man sich die Wartezeiten für die privaten Anlagen und insgesamt viel CO2 ein.
Beim kalten Nahwärmenetz ist der Plan grob vereinfacht, dass mit Sonden der Erde Wärme entnommen wird und damit die Häuser beheizt werden. „Kalt“ heißt das Prinzip, weil in den Leitungen zu den Häusern nur bis 15 Grad herrschen. Jedes Haus bekommt eine Wärmepumpe und man braucht am besten eine PV-Anlage dazu. Im Winter wird es so warm im Haus, im Sommer soll man es kühlen können. Bei der mittelwarmen Variante fließen 40 bis 45 Grad zu einer Energiezentrale mit einer Wärmepumpe und von dort zu den einzelnen Häusern – dabei ginge etwas Wärme verloren. Dafür braucht man keine eigene Pumpe.
Wie sollen die Häuser sonst aussehen?
Abgesehen von der Heizungsvariante gibt es noch weitere Anforderungen an das „neue Bauen“. Zum Beispiel in Sachen Dämmung und Verglasung. Das alles beschreibt man mit sogenannten Energiestandards, beschreibt die Verwaltung in den Unterlagen zur Sitzung. Für energiesparende Gebäude gebe es einen Orientierungsmaßstab: die Effizienzhaus-Stufe.
Die gesamte KfW-Förderkulisse sei „über Nacht“ gestrichen und neu geordnet worden. Zum Januar 2023 bereite das Bundeswirtschafts- und Klimaschutzministerium ein neues umfassendes Programm „Klimafreundliches Bauen“ vor. Auch diese Ansprüche sollten in den neuen Baugebieten Beachtung finden.
Was passiert jetzt?
Der Verkauf der Grundstücke sollte bald beginnen. Vorher muss aber geklärt werden, ob eine der vorgestellten Versorgungen von der EWE für Jemgum in Frage kommt, denn: „95 bis 100 Prozent“ der Bauwilligen müssen dann auch dabei mitmachen, so Marquardt. Entweder werde das im Grundbuch eingetragen, im Grundstücksvertrag festgehalten oder über die Preise geregelt, erklärte er. So oder so: Am Ende müssen die Häuslebauer sich anschließen lassen, sonst ist es für die EWE nicht lohnenswert.
Die Ausschussmitglieder waren sich am Dienstag einig: Sie brauchen Zeit, um sich die Möglichkeiten genauer anzusehen. Man möchte möglichst schnell zu einer Entscheidung kommen, damit die Grundstücke verkauft werden können. Gefallen sind die Würfel allerdings noch nicht.
Was wird sich noch verändern?
Durch die neuen Standards und den Weg ohne Gas stellen sich noch mehr Fragen. In anderen Kommunen bespreche man derzeit mehrere Themen, heißt es in der Vorlage zur Ausschusssitzung: Luft-Wasser-Wärmepumpen auf Grundstücken können ziemlich laut sein. Die Frage wäre, wo man sie überhaupt platzieren darf.
Auch Verbrennungsanlagen zur Wärmegewinnung mit Holz, Hackschnitzel, Pellets gehörten laut Verwaltung auf den Prüfstand – besonders vor dem Hintergrund der kommunalen Klimaneutralität. Nicht zuletzt die Optik müsse überdacht werden. So gebe es Vorschriften zu Material- und Farbgestaltungen in den Neubaugebieten: Sind zum Beispiel schwarze PV-Anlagen auf einem roten Dach zulässig? Sollten Klinkerfassaden weiter Zwang sein?