Projekt gegen das Vergessen  „Unglaublich, dass ich das noch erleben darf“

| | 22.10.2022 17:46 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Auch im Gehweg an der Bremer Straße 14a verlegte Gunter Demnig im Beisein von Albrecht Weinberg (im Hintergrund mit Partnerin Gerda Dänekas) vier Stolpersteine. Foto: Gettkowski
Auch im Gehweg an der Bremer Straße 14a verlegte Gunter Demnig im Beisein von Albrecht Weinberg (im Hintergrund mit Partnerin Gerda Dänekas) vier Stolpersteine. Foto: Gettkowski
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Der Holocaust-Überlebende Albrecht Weinberg (97) hat sich ins Goldene Buch der Stadt Leer eingetragen. Vorausgegangen war ein historisches Ereignis, das viele Menschen anlockte.

Leer - In Leer weiß fast jedes (Schul)kind, wer Albrecht Weinberg ist. Mit seinen 97 Jahren wird er nicht müde, Schulklassen von der Verfolgung seiner Familie und der Ermordung seiner Eltern zu berichten. „Ihr müsst wachsam sein, damit sowas nie wieder passiert“, bläut der gebürtige Rhauderfehner Jugendlichen immer wieder ein. Die Erinnerung wach zu halten an die Menschen, die Opfer des Nazi-Terrors wurden, ist zu seiner Lebensaufgabe geworden. Viele Jahre hat Weinberg dafür gekämpft, „einen Platz der Erinnerung für diejenigen zu schaffen, die keinen Grabstein haben“. Jetzt zahlte sich seine Beharrlichkeit aus. In der Leeraner Innenstadt hat der Kölner Künstler Gunter Demnig am Sonnabend die ersten 15 Stolpersteine verlegt: in der Bremer Straße und in der Reimersstraße.

Was und warum

Darum geht es: In Leer wurden die ersten 15 Stolpersteine verlegt.

Vor allem interessant für: alle, die sich für die Geschichte der Stadt Leer und die Schicksale der früheren jüdischen Bewohner interessieren.

Deshalb berichten wir: Jahrelang wurde in Leer kontrovers über die Verlegung von Stolpersteinen diskutiert. Nun wurden die ersten verlegt – ein historischer Moment.

Die Autorin erreichen Sie unter: t.gettkowski@zgo.de

„Danke, dass ich diesen wunderbaren Abschluss meines Lebens hier erleben darf. Das ist unglaublich für mich“, sagt Albrecht Weinberg vor dem Haus Nummer 6 in der Reimersstraße in Leer. Es ist ein versöhnlicher, vor allem aber berührender Moment, den rund 200 Teilnehmer miterleben, darunter viele Schüler. Manch einer verspürt einen Kloß im Hals, nicht wenige kämpfen mit den Tränen an diesem „Ort der Erinnerung und gegen das Vergessen“. Albrecht Weinberg verfolgt das zwar im Rollstuhl, er steckt aber voller Energie, besitzt einen klaren Geist und viel Humor. Am Sonnabend vergangener Woche erst ist er von einer Israelreise mit einer Schülergruppe zurückgekommen. Die Verlegung der Stolpersteine in Leer ist für ihn aber ein besonderes Ereignis. „Er freut sich innerlich sehr“, sagt seine Partnerin Gerda Dänekas. „Es ist für ihn eine große Freude und Genugtuung, dass so viele Menschen zur Stolpersteinverlegung gekommen sind.“

Im Beisein seiner "WG-Mitbewohnerin" Gerda Dänekas trug Albrecht Weinberg sich ins Goldene Buch der Stadt Leer ein. Foto: Gettkowski
Im Beisein seiner "WG-Mitbewohnerin" Gerda Dänekas trug Albrecht Weinberg sich ins Goldene Buch der Stadt Leer ein. Foto: Gettkowski

Ein Ort der Erinnerung

Gunter Demnig als Initiator des Stolpersteine-Kunstprojekts hat in den zurückliegenden Jahren mehr als 90.000 Stolpersteine in 30 Ländern ins Gehwegpflaster eingebettet. „Das reine Einsetzen der Steine könnte ich inzwischen auch im Dunkeln“, sagt er. Routine sei es auch nach all den Jahren für ihn nicht. „Man wird immer wieder aufs Neue mit menschlichen Schicksalen konfrontiert“, sagt er, am Freitag bei einem Vortrag im Sparkassenforum.

Albrecht Weinberg hat sich ins Goldene Buch der Stadt Leer eingetragen. Foto: Gettkowski
Albrecht Weinberg hat sich ins Goldene Buch der Stadt Leer eingetragen. Foto: Gettkowski

Die Stolpersteine wurden immer wieder kontrovers diskutiert – auch in Leer. Kritiker stoßen sich an der Vorstellung, dass die Opfer des Naziregimes durch die Stolpersteine im Pflaster von Passanten buchstäblich mit Füßen getreten werden. Während in Aurich und Emden bereits hunderte von Stolpersteinen verlegt wurden, verstrich in Leer einige Zeit, bis sich die Politik zu dieser Form der Erinnerungskultur durchringen konnte.

Auch der Kölner Künstler Gunter Demnig trug sich im Beisein von Bürgermeister Claus-Peter Horst bei einer Feierstunde im Ratssaal ins Goldene Buch der Stadt Leer ein. Foto: Gettkowski
Auch der Kölner Künstler Gunter Demnig trug sich im Beisein von Bürgermeister Claus-Peter Horst bei einer Feierstunde im Ratssaal ins Goldene Buch der Stadt Leer ein. Foto: Gettkowski

100. Stolperstein in Weener verlegt

Dass das nun geschehen ist, dafür ist Albrecht Weinberg dankbar. In der Amtszeit von Bürgermeisterin Beatrix Kuhl (CDU) hatte er es zwar abgelehnt, Ehrenbürger der Stadt Leer zu werden. Als ihn Bürgermeister Claus-Peter Horst aber bat, sich gemeinsam mit Künstler Gunter Demnig ins Goldene Buch der Stadt Leer einzutragen, zögerte er keine Sekunde. „Ich bin stolz, dass wir das hingekriegt haben, und dass dies der erste Eintrag unter meiner Amtszeit ist“, sagte Bürgermeister Claus-Peter Horst bei der Feierstunde im Festsaal des Leeraner Rathauses.

Bernd-Volker Brahms von der Leeraner Initiative Stolpersteine (von links), der Holocaust-Überlebende Albrecht Weinberg und Richard Ernest Gilbert, dessen Großvater einst in der Reimersstraße 6 lebte. Mit Ehefrau Susan und Sohn Miles war er eigens aus Kanada nach Leer gereist. Foto: Gettkowski
Bernd-Volker Brahms von der Leeraner Initiative Stolpersteine (von links), der Holocaust-Überlebende Albrecht Weinberg und Richard Ernest Gilbert, dessen Großvater einst in der Reimersstraße 6 lebte. Mit Ehefrau Susan und Sohn Miles war er eigens aus Kanada nach Leer gereist. Foto: Gettkowski

„Die Initiative muss aus den Orten kommen – auch, wenn das mal ein paar Jahre dauert“, sagte Gunter Demnig, nachdem er sich ins Goldene Buch eingetragen hatte. In Weener hat er schon seit 2016 fast jedes Jahre Stolpersteine verlegt. 75 davon halten inzwischen die Erinnerung an die ehemaligen jüdischen Weeneraner wach. Am Freitag wurden 25 weitere verlegt, diesmal nicht nur in der Innenstadt, sondern erstmals auch in einem Ortsteil: an der Hauptstraße in Stapelmoor.

In Weener wurde der 100. Stolperstein verlegt. Foto: Gettkowski
In Weener wurde der 100. Stolperstein verlegt. Foto: Gettkowski

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