Brauchtum  Halloween? Von wegen! Ostfriesland liebt Martini

| | 10.11.2022 08:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Viele Eulen gibt es dieses Martini im Kindergarten Neue Heimat. Kinder haben die Laternen mit Kulleraugen und Federn beschmückt. Das Bild zeigt (von links) Sophie Schumann mit Yunes und Niya Carstens. Foto: Päschel
Viele Eulen gibt es dieses Martini im Kindergarten Neue Heimat. Kinder haben die Laternen mit Kulleraugen und Federn beschmückt. Das Bild zeigt (von links) Sophie Schumann mit Yunes und Niya Carstens. Foto: Päschel
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Das Martinisingen ist bei Kindern sehr beliebt. Es gibt Süßes und man läuft mit selbstgebastelten Laternen von Haus zu Haus. Laternen im Handel sind schnell ausverkauft.

Emden - Singend ziehen die Kinder auch dieses Jahr um die Häuser. Immer auf der Suche nach Spendierfreudigen, die ihre Taschen füllen – möglichst mit Süßem. Martini wird dieses Mal wieder für viele Lichter auf den Straßen von Emden und ganz Ostfriesland sorgen. Kindergärten und Supermärkte haben sich bereits wochenlang auf den Tag vorbereitet, um den Kindern einen schönen Martiniabend an diesem Donnerstag zu bieten.

Was und warum

Darum geht es: Der Gedenktag sorgt für helle Aufregung bei Kindern, Supermärkten und Martiniliebhabern.

Vor allem interessant für: Kinder, Eltern, Erzieher und jeden, denen Martini ein Lächeln auf die Lippen zaubert.

Deshalb berichten wir: Wir haben uns anlässlich des Martiniabends mit dem Thema beschäftigt.

Den Autor erreichen Sie unter: l.loeschen@zgo.de

Wie ist die Stimmung bei den Kindern? Marion Gornig, Erzieherin beim Kindergarten Neue Heimat in Emden, hat die Antwort: „Die Kinder freuen sich sehr auf Martini. Schließlich wollen sie ja auch ihre Laternen präsentieren.“ Bereits seit Wochen basteln die Erziehern gemeinsam mit den Kindern. Man soll am Ende immerhin nicht im Dunkeln durch Emden laufen. Letztes Jahr waren Laternen im Stil von Paw-Patrol, einer animierten Kinderserie, beliebt. „Jetzt haben wir viele Eulen“, sagt Gornig: „Kinder basteln gerne. Und daher können sich die Kinder an den Laternen mit Kulleraugen und Federn austoben.“ Im Geschäft Müller in Emden ist bereits jegliche Martiniausrüstung vergriffen. Dies sagt die Angestellte Insa Mühlhofer auf Nachfrage der Redaktion. Im Laternen-Sortiment waren Paw Patrol, Feuerwehrmann Sam und die Eiskönigin, aber auch gewöhnliche Mond- und Sternen-Motive. „Obwohl wir den Bestand im Vergleich zum letzten Jahr vergrößert haben, sind alle Laternen bereits weg“, sagt sie.

Müssen die Kinder weniger Süßigkeiten befürchten?

Die Gruppe des Kindergarten Neue Heimat lief bereits am Dienstagnachmittag. Der traditionelle Gang zur Kirche musste aber wegfallen, da Renovierungsarbeiten dies nicht zuließen. „Dafür trafen wir uns auf dem Spielplatz, um dort gemeinsam zu sitzen und zu singen“, so Gornig. Gesungen würde aber ausschließlich auf hochdeutsch. Man habe viele Kinder mit Migrationshintergrund, die mit hochdeutschen Liedern schon zu kämpfen hätten. Doch wo an Plattdeutsch gespart wird, wird an Süßigkeiten sowie Mandarinen, Äpfeln und Nüssen draufgepackt: „Auch wenn alle sparen, man will die Kinder nicht spüren lassen, dass sie auf irgendetwas verzichten müssen.“

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Merkt der Handel die Krise? Geht trotzdem weniger Süßes über die Ladentheke? Das Kaufverhalten der Kunden im Multi Emden hat sich kurz vor Martini nicht verändert. „Es ist analog zu den letzten Jahren“, sagt Inhaber Christian Brahms. Die meisten Käufer würden Schokoladentafeln und Ü-Eier für den Martiniabend bunkern. Aber auch für Multi ist es jedes Jahr „ein Saisonhöhepunkt“, nach Weihnachten und Ostern. Aus diesem Grund würde schon seit Wochen Werbung gemacht werden. Da könne Halloween hier im ostfriesischen Bereich nicht mithalten. Eine Erfahrung, die Brahms schon in seinen eigenen vier Wänden gemacht hat: „An Halloween kommt keiner. Dafür habe ich an Martini schonmal 80 Kinder vor der Tür stehen“.

Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne

Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne. Brenne auf mein Licht, Brenne auf mein Licht, aber nur meine liebe Laterne nicht.

Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne. Sperrt ihn ein, den Wind, Sperrt ihn ein, den Wind, er soll warten, bis wir alle zu Hause sind.

Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne. Bleibe hell, mein Licht, Bleibe hell, mein Licht, denn sonst strahlt meine liebe Laterne nicht!

300 Jahre alter Brauch in Ostfriesland

Hinter Martini stecken nicht nur Süßigkeiten. Der Brauch und vor allem die Geschichte dahinter sollten nicht in Vergessenheit geraten, findet Helmut Kroon. Er beschäftigt sich schon seit über 40 Jahren mit dem Gedenktag für Martin Luther. „Seit 1817 ist der Brauch auch hier in Ostfriesland vertreten“, sagt der Bagbander. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Martini-Lieder – wie wir sie heute kennen – im norddeutschen Raum gedichtet, teils schon auf Plattdeutsch. Als ehemaliger Realschullehrer hat Kroon viel mit seinen Schülern an Martini gesungen. „Ich habe immer wieder in Archiven gewühlt, um den Kinder auch unbekannte Lieder zu zeigen.“

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Dennoch rücke bei vielen Liedern Martin Luther in den Hintergrund. Dann werde mehr über die Laternen gesungen. „Das ist schade, denn das sind im Grunde genommen nichtsaussagende Lieder“, bedauert der 72-Jährige. Viel eher würde er „Martinus Luther war ein Christ“ oder plattdeutsche Gesänge wie „Mit de Kippkappkögels kom‘ wi weer an“ hören. Zudem sei es wichtig, dass an Martini in der Kirche die Hintergrundgeschichte erzählt wird und die Lieder erklärt werden. Dort solle dann auch erwähnt werden, wie das Evangelium nach Ostfriesland gekommen ist und wie wichtig es war, dass Luther die Bibel übersetzt hat.

Mien lüttje Lateern

Mien lüttje Lateern, ik hebb di so geern. Du danzt dör de Straten, du kannst dat neet laten, ik mutt mit di lopen, mutt singen un ropen: Mien lüttje Lateern, ik hebb di so geern.

Mien lüttje Lateern, ik hebb di so geern. Du, Wind, laat dat Susen, Kruup achter de Husen, kruup achter de Dieken, vandaag musst du wieken. Mien lüttje Lateern, ik hebb di so geern.

Mien lüttje Lateern, du gleihst as en Stern. Dor tinkelt kien Mantje, dor kreiht uns kien Hantje, Danz wieder ganz wieder, ick sing immer blieder Mien lüttje Lateern, ik hebb di so geern.

Wie Rüben zu Laternen wurden

Aber warum läuft man eigentlich an Martini mit Papierlaternen umher? Kroon: „Martin Luther wurde nach dem Bischof Martin von Tours benannt. Dieser trug immer eine Bischofsmütze, die, wenn man sie umdrehte, wie eine Runkelrübe aussah.“ Rüben und Laternen? Früher sei man mit Rübenlaternen herumgelaufen. Eine Runkelrübe wurde ausgehöhlt und an einem Stock befestigt. Eine Kerze brachte Licht in die Rübe. Die Papierlaternen hätten diesen Prototypen erst viel später abgelöst. Doch eines blieb gleich: Man „bastelt“ sich die Laterne eigentlich stets selbst.

Martini ist immer noch das „Ansingefest“ wie vor hunderten von Jahren. Es soll den Kindern bereits früh die kirchliche Reformation von 1517 durch Luther und damit die Entstehung der evangelischen Kirche darlegen. Und nebenher wird man für’s Singen auch süß belohnt, früher taten es da auch vermehrt die Nüsse.

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