Interview Krummhörner Bürgermeisterin  Pilotprojekt zu Wirtschaftswegen so nicht umsetzbar

| | 27.11.2022 15:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Hilke Looden, hier kurz vor der 50-Jahrs-Feier der Gemeinde im Sommer, blickt auf ein Jahr voller „Altlasten“ zurück. Zeit für eigene Schwerpunkte habe sie bislang kaum gehabt. Foto: Hock/Archiv
Hilke Looden, hier kurz vor der 50-Jahrs-Feier der Gemeinde im Sommer, blickt auf ein Jahr voller „Altlasten“ zurück. Zeit für eigene Schwerpunkte habe sie bislang kaum gehabt. Foto: Hock/Archiv
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Seit etwas mehr als einem Jahr ist Hilke Looden Bürgermeisterin in der Krummhörn. Im Interview hat sie gute Nachrichten zu Poppinga‘s Alte Bäckerei und nicht so gute zum Thema Wirtschaftswege.

Krummhörn - Seit dem 1. November vergangenen Jahres ist Hilke Looden parteilose Bürgermeisterin der Krummhörn. Die 55-jährige ist die erste Frau an der Spitze der Verwaltung und auch die erste, die nicht der SPD angehört.

Lodden, die zuvor bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen gearbeitet hat und in ihrem Heimatdorf Greetsiel lebt, hat durchaus ein schwieriges Erbe angetreten. Gleich mehrere Themen drängen in der Krummhörn, von Schulen bis Wirtschaftswegen. Im Gespräch mit dieser Zeitung spricht sie über diese „Altlasten“, über eigene Schwerpunkte und das erste Jahr ihrer Amtszeit.

Frau Looden, Sie sind jetzt etwas mehr als ein Jahr im Amt. Wie läuft‘s?

Hilke Looden: Gut! Unterm Strich ist es fast immer grün.

Schaut man auf die vergangenen Wochen zurück, könnte man einen anderen Eindruck bekommen. Da kamen immer wieder Themen zur Sprache, die Sie „geerbt“ haben, die aber noch nicht abgearbeitet sind...

Looden: Das war auch zu erwarten. Ich bin ja in einen laufenden Betrieb eingestiegen. Dass es da immer offene Themen, Projekte und Aufgaben gibt, an denen gegebenenfalls eine Nachfolgerin weiterarbeiten muss, war klar. Das ist nicht immer schön, aber so ist es.

Da müssen wir genauer einsteigen. Das Thema innerörtliche Straßen: Sehen Sie da Land oder brauchen Sie wirklich mehr Geld?

Looden: Wir haben die Prioritätenliste und arbeiten diese ab. Da werden wir aber, so denke ich, in Zukunft mehr Geld benötigen. Oder wir müssen weniger Straßen auf die Liste schreiben, was nicht mein Ansinnen ist. Es führt nämlich zu verständlichem Unmut, wenn immer mehr Straßen auf der Liste stehen, als in dem jeweiligen Jahr abgearbeitet werden können und im nächsten Jahr dann schon wieder weitere hinzukommen.

Ich glaube, ich habe von Seiten der Verwaltung in politischen Sitzungen noch nie so oft den Satz „Dann brauchen wir mehr Geld“ gehört wie von Ihnen. Gleichzeitig wurden in der Krummhörn ja auch Steuern erhöht...

Looden: Das passt doch genau zusammen. Die Erhöhung ist erfolgt, weil wir mehr Geld benötigen. Dass ich den Satz ein ums andere Mal in Sitzungen wiederholt habe, hat den Hintergrund, dass ich die Politik genau darauf aufmerksam machen will und muss. Es ist immer gut, Anträge zu stellen und Wünsche zu äußern. Aber es muss für alle ersichtlich sein, dass das auch bezahlt werden muss. Wir haben einen beschlossenen Haushalt, in dem das Geld im Grunde verteilt ist. Wenn neue Wünsche hinzukommen, muss nicht nur gesagt werden ‚wir wollen‘, sondern es muss auch dargestellt werden, woher das Geld kommen soll. Wir können das uns anvertraute Geld der Bürger nur einmal ausgeben und sind gehalten – bei allem Verständnis für die Wünsche – sparsam damit umzugehen.

Ebenfalls auffällig war, dass stärker von Verwaltungsmitarbeitern betont wird, dass man schon genug zu tun habe. Brauchen Sie mehr Personal oder kann man das anders lösen?

Looden: Die Arbeitsbelastung, gerade im Bauamt, ist enorm. Die Politik hat im Haushalt daher eine neue Stelle bewilligt, die wir jetzt ausschreiben. Wenn das nicht ausreicht, müssen wir weiter schauen. Denkbar sind hier Maßnahmen, wie Umstrukturierung, mehr Fremdvergabe oder auch eine weitere Aufstockung.

Warum ist gerade im Bauamt die Belastung so groß?

Looden: Bei den allermeisten Themen ist das Bauamt beteiligt, besonders bei den kostenträchtigen. Zum Beispiel bei Bebauungsplänen, Flächennutzungsplänen, Straßenbau, Unterhaltungsmaßnahmen an gemeindeeigenen Gebäuden Schulen, Kindergärten, Dorfgemeinschaftshäusern, aber auch bei Neubauten der Feuerwehr. Hinzu kommen laufende Projekte wie die Dorferneuerungsprogramme.

Bevor wir uns dem Thema Feuerwehr widmen, einmal kurz zurück zu den Straßen: Was gibt es denn Neues beim Thema Wirtschaftswege?

Looden: Wir sind froh, dass wir im nächsten Jahr mit zehn Kilometern Wirtschaftswege in Eilsum/Grimersum, als Teil der Flurbereinigungsmaßnahmen beginnen können und zudem die Aussicht besteht, anschließend auch im Bereich Jennelt/Uttum ins Flurbereinigungsprogramm aufgenommen zu werden.

Was ist mit dem Pilotprojekt zur Sanierung, das ihr Vorgänger Frank Baumann vorangetrieben hat?

Looden: Ich habe seit meinem Amtsantritt viele Gespräche diesbezüglich geführt. Die Ergebnisse werde ich in Kürze vorstellen. Auf Fördergelder dürfen wir in der Tat wohl kaum mehr hoffen, leider. Bedingung des Rates war, mit dem Pilotprojekt erst zu beginnen, wenn es dafür Geld aus externen Fördertöpfen gibt. Die Frage ist nun, wie sich das anderweitig stemmen lässt. Das ist ein schweres Erbe. Wir werden das entwickelte Pilotprojekt auf jeden Fall weiter nutzen und schauen, welche Teile wir davon in ein neues Konzept einbauen können. Fest steht, dass wir definitiv endlich anfangen müssen, aber wir werden es wohl nur in kleinen Schritten tun können.

Das von Loodens Vorgänger erdachte Pilotprojekt zur Sanierung der Wirtschaftswege wird wohl an den Fördermitteln scheitern. Foto: Archiv
Das von Loodens Vorgänger erdachte Pilotprojekt zur Sanierung der Wirtschaftswege wird wohl an den Fördermitteln scheitern. Foto: Archiv

Wie viel Zeit nehmen diese Altlasten, diese „schweren Erben“, die Abarbeitung ein?

Looden: Es hat einen großen Teil meiner bisherigen Amtszeit eingenommen, mich in alles einzuarbeiten und einiges zum Abschluss zu bringen. Da blieb wenig Zeit für meine eigenen Schwerpunkte, was ich bedaure. Im kommenden Jahr wird sich das ändern.

Welche Schwerpunkte wollen Sie denn setzen?

Looden: Bei den Schulen werden wir einen Schwerpunkt setzen. Bisher wurde im Grunde vermieden, hier eine Entscheidung zu treffen. Da müssen wir uns aber für einen Weg entscheiden und diesen dann auch zusammen gehen. Ansonsten möchte ich eine Strategie für Pewsum entwickeln. Der Ort hat viel Potenzial, was aber größtenteils brach liegt, zumindest im Ortskern. Da brauchen wir eine Strategie zur Belebung, eine Strategie für mehr Gewerbe und auch für das Thema Verkehr.

...und für ein Ärztehaus?

Looden: Da sind wir in Gesprächen. Wir sind in konkreten Planungen und auch die Ärzte sind weiter dabei. Das wird was!

Schauen wir in den Norden der Gemeinde: Wie zuversichtlich sind Sie, dass es nach der aktuellen Gegenwehr noch eine Sanierung des Marktplatzes in Greetsiel geben wird?

Looden: Wir waren von der plötzlichen Gegenwehr etwas überrascht, nachdem uns bei der öffentlichen Vorstellung einhellige Zustimmung signalisiert worden war. Wir werden sicher nicht über die Köpfe der Greetsieler hinweg entscheiden. Aber: Wir werden jetzt Gespräche suchen und herausfinden, ob da wirklich die Mehrheit der Greetsieler spricht. Wenn das so ist und der Wille ist, dass der Marktplatz so bleibt, wie er ist, dann werden wir dem Rechnung tragen. Es ist zum Glück nicht akut, das Projekt läuft noch ein bisschen. Das war wohl auch die Angst, dass jetzt schon im Winter Fakten geschaffen werden.

Hat einen neuen Besitzer: Poppinga's Alte Bäckerei in Greetsiel. Die künftige Nutzung soll ähnlich der vorherigen sein. Foto: Wagenaar/Archiv
Hat einen neuen Besitzer: Poppinga's Alte Bäckerei in Greetsiel. Die künftige Nutzung soll ähnlich der vorherigen sein. Foto: Wagenaar/Archiv

Apropos Fakten: Gibt es schon Neuigkeiten zu Poppinga‘s Alter Bäckerei?

Looden: Ja, dazu gab es am Donnerstag in einer nicht-öffentlichen Ratssitzung den einstimmigen Beschluss zum Verkauf. Das Gebäude wird nach dem vorgelegten Konzept ähnlich der Öffentlichkeit zugänglich sein wie zuvor.

Wie schätzen Sie Ihre Bürgernähe ein? Oft wird kritisiert, dass Sie nicht genug präsent sind in den Dörfern.

Looden: Das habe ich auch gehört und werde darauf im nächsten Jahr reagieren.

Reagieren ist ein gutes Stichwort: Unter Frank Baumann gab es Diskussionen darüber, wie gut das Rathaus beispielsweise auf einen längeren Stromausfall vorbereitet ist. Jetzt wird genau das überall in Deutschland stark diskutiert. Ist die Verwaltung vorbereitet?

Looden: Nein, aktuell noch nicht. Das muss ich so sagen. Aber wir haben jetzt insgesamt 100.000 Euro in den Doppelhaushalt für die Katastrophenvorsorge eingestellt. Als nächster Schritt wird ein Stab gebildet, der ermittelt, was benötigt wird, und was sinnvoll ist.

Wird die Feuerwehr mit in diesem Stab sein?

Looden: Auf jeden Fall. So etwas geht ohne die Feuerwehr gar nicht.

Hoffen Sie denn, dass Sie die Wogen speziell zwischen Gemeinde und der Feuerwehr Krummhörn-Nord glätten können? Dort wurde ja mit Massenaustritt gedroht.

Looden: Das hoffe ich gerade aktiv. Ich glaube, insgesamt sind wir da auch gar nicht so weit auseinander. Wir werden viele der verständlichen Befürchtungen ausräumen können. Ich gehe davon aus, dass wir diese interne Krise zusammen lösen werden.

Welche Frage haben Sie in diesem Interview befürchtet?

Looden: Befürchtet nicht, aber ich habe mit einer Frage nach dem Verhältnis zum Rat gerechnet.

Wie würden Sie das Verhältnis denn beschreiben?

Looden: Allgemein als gut. Es gibt unterschiedliche Meinungen und das soll ja auch so sein. Politik und Verwaltung eint jedoch, dass sie zum Wohle der Gemeinde zusammenarbeiten. Klar, der eine oder andere fremdelt offensichtlich noch mit mir. Aber meine Tür steht allen offen. Ich empfinde es als angenehm und zielführend, dass es keine eindeutigen Mehrheiten gibt. Da muss sich jeder mit jedem und zu jedem Thema immer wieder neu auseinandersetzen.

Glauben Sie, dass Sie es geschafft haben, etwas mehr Ruhe in die politischen Gremien zu bringen?

Looden: Ja, es ist jedoch nicht allein mein Verdienst. Auch die Zusammensetzung des Rates hat sich verändert. Das sind einfach andere Bedingungen als vorher.

Zum Abschluss: Was haben Sie falsch gemacht, wofür würden Sie sich eine Zeitmaschine wünschen?

Looden: Ganz aktuell bei der Feuerwehr. Da hätten wir anders agieren und kommunizieren und auch den berechtigten Unmut früher wahr- und ernstnehmen müssen.

Worauf sind Sie stolz?

Looden: Auf den gelungenen Klimawandel in der Politik und zwischen Politik und Verwaltung.

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