Greetsieler Marktplatz  430 Unterschriften wegen drohender Abholzung gesammelt

Michael Hillebrand Claus Hock
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Von Michael Hillebrand und Claus Hock
| 29.11.2022 12:46 Uhr | 2 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Der Marktplatz in Greetsiel soll neu gestaltet werden. Das sorgt für Widerstand im Fischerdorf, aber spricht hier die Mehrheit? Foto: Wagenaar/Archiv
Der Marktplatz in Greetsiel soll neu gestaltet werden. Das sorgt für Widerstand im Fischerdorf, aber spricht hier die Mehrheit? Foto: Wagenaar/Archiv
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Um eine Reihe Kastanien zu retten, haben Greetsielerinnen 430 Unterschriften gesammelt. Auch gegen die geplante Sanierung des Marktplatzes richten sie sich. Doch das Problem scheint tiefer zu gehen.

Greetsiel - Geht es nach Dr. Ingrid Jütting, Hilde Nägel und Käthi Ysker, so läuft vieles falsch in Greetsiel. Die Gemeinde Krummhörn nehme die Bevölkerung bei wichtigen Entscheidungen nicht mit und zeige keine Präsenz vor Ort, sagen Jütting und Nägel im Gespräch mit unserer Zeitung.

Konkreter Anlass für den Unmut: Das sei auch bei der geplanten Sanierung des Marktplatzes der Fall, ärgern sich die beiden, die sich selbst als „offene Bürger“ bezeichnen. Als dann auch noch darüber gesprochen wurde, im Rahmen der Sanierung alte Kastanien zu fällen, war für die Greetsielerinnen das Maß voll. Sie ergriffen die Initiative und sammelten monatelang 430 Unterschriften gegen die nach wie vor drohende Abholzung. Greetsiel zählt rund 1500 Einwohner.

Wie steht es um die Bäume?

Kürzlich seien sie mit dabei gewesen, als sich ein Landschaftsgärtner zusammen mit einem Mitglied des Gemeinderats die Kastanien ansah, sagen sie. Der Gärtner sei zu dem Schluss gekommen, dass lediglich eine Krone zu trocken ist und ein anderer Baum etwas verletzt ist, beide aber gesund gepflegt werden könnten. Problematisch sei die aufgehängte Beleuchtung, die die Bäume einschnüre und die teilweise schon eingewachsen sei. Allerdings spreche das alles nicht dagegen, die Bäume zu erhalten, betonen sie. Stattdessen müsse man sie mehr pflegen und Rohre für ihre Wasserversorgung verlegen, dass sie offenbar durch die Versiegelungen am Marktplatz unterversorgt sind. Sollten die Kastanien gefällt werden, so kündigt Jütting an, sich an sie festzuketten. „Immerhin bin ich eine alte Greenpeacerin“, sagt sie.

Hilde Nägel (links) und Dr. Ingrid Jütting sprechen sich gegen die Sanierungspläne für den Marktplatz in Greetsiel aus. Dafür wurden auch Unterschriften gesammelt. Foto: Hillebrand
Hilde Nägel (links) und Dr. Ingrid Jütting sprechen sich gegen die Sanierungspläne für den Marktplatz in Greetsiel aus. Dafür wurden auch Unterschriften gesammelt. Foto: Hillebrand

Die SPD, die die größte Fraktion im Krummhörner Rat bildet, schließt sich der Meinung der Frauen an. Am 17. November hat die Fraktion ihrerseits einen Antrag geschrieben, in dem es heißt, dass „die elf Kastanien am Marktplatz und an der Sielstraße in Greetsiel dringend einen Gesundheits- und Vitalitätsschnitt“ benötigen, „um deren Bestand langfristig zu sichern“. Auch das Totholz aus den Baumkronen müsse entfernt werden, wie es auch schon vor etwa acht Jahren gemacht worden sei. „Ebenfalls benötigen einige Kastanien eine professionelle kosmetische Behandlung, d. h. einige Hohlräume sind zu behandeln und dann zu versiegeln.“

Gespräche sind wohl dringend notwendig

Zur Verfügung gestellt hat uns den Antrag auf Nachfrage der Fraktionsvorsitzende Alfred Jacobsen, denn veröffentlicht wurde er bislang nicht. „Wir lassen ihn erst einmal ruhen, da uns gesagt wurde, dass die Kastanien stehen bleiben“, so Jacobsen. Laut ihm habe man sich darauf verständigt, dass der geforderte Beschnitt im kommenden Jahr erfolgen soll. Dahingegen teilte uns vor wenigen Tagen Gemeindesprecher Fritz Harders mit: „Die Markplatzumgestaltung – in welcher Form auch immer – ist von der Gemeinde noch nicht ad acta gelegt worden.“ Allerdings gebe es Gesprächsbedarf und die Gemeinde nehme die Vorbehalte ernst.

Auch Bürgermeisterin Hilke Looden (parteilos) betonte jüngst in einem Interview mit dieser Zeitung: „Wir werden jetzt Gespräche suchen und herausfinden, ob da wirklich die Mehrheit der Greetsieler spricht. Wenn das so ist und der Wille ist, dass der Marktplatz so bleibt, wie er ist, dann werden wir dem Rechnung tragen.“ Der Gesprächsbedarf ist offensichtlich, denn aus den Reihen der kritischen Greetsieler hört man immer wieder, dass man schon davon ausgehe, dass gar nichts mehr am Marktplatz gemacht wird.

Die Kritik ähnelt sich...

Das ist nämlich der nächste Punkt: Nicht nur die drohende Fällung der Bäume steht in Greetsiel in der Kritik, sondern auch die Marktplatzpläne als Ganzes. Jütting und Nägel bestätigen das und schließen sich den Kritikern an. Zwar soll der Marktplatz durch die Sanierung auch barrierefrei werden. In den Augen der Frauen wird er dann aber auch so „hässlich und steril“ aussehen, wie die 08/15-Marktplätze, die man auch andernorts finde. Eine Aussage, die fast wortgetreu auch Alfred Jacobsen gegenüber dieser Zeitung schon getroffen hat. Auch hielten sich die Behinderungen für Rollstuhlfahrer und Personen mit Kinderwagen in Grenzen, finden sie. Nur ein Stein stehe ein bisschen aus der Pflasterung heraus. Was bringe zudem ein barrierefreier Platz, wenn die Toiletten in den angrenzenden Gaststätten nur über eine Treppe erreichbar sind, fragen sie – wie ebenfalls zuvor auch schon Jacobsen.

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Angedacht ist, in dem gesamten Gebiet neuen Pflasterklinker zu verlegen, der das bisherige Kopfsteinpflaster ersetzen soll. Auch der Zugang zum Wasser soll erleichtert werden und neue Sitzgelegenheiten und Bepflanzungen sind vorgesehen. Umgestaltet werden soll die etwa 2800 Quadratmeter große Fläche mit Mitteln der Städtebauförderung. Im gleichen Zuge sollen die Obere und Untere Sielstraße saniert werden. Die Umgestaltung des Marktplatzes und der Sielstraße sollte, so eine Kostenschätzung von vor einem Jahr, rund 820.000 Euro kosten. Über die Städtebauförderung würden zwei Drittel der Kosten übernommen, hieß es bei der Vorstellung der Pläne.

Beschließen „die da oben“ einfach so?

Der Marktplatz ist laut Jütting und Ysker aber nur einer von vielen Punkten, bei denen die Bevölkerung nicht mitgenommen werde. Gerade die älteren Menschen würden abwinken und sagen, dass man es nichts daran ändern könne, was „da oben“ beschlossen werde. Die beiden Greetsielerinnen hätten auch selbst schon versucht, Kontakt aufzunehmen. Von Bürgermeisterin Hilke Looden (parteilos) sei dann aber nur ein „Danke für Ihr Engagement“ als Reaktion zurückgekommen, ohne dass sich etwas änderte. Sie habe sich auch noch nicht mit den Bewohnern zusammengesetzt, um sich einmal anzuhören, wo der Schuh drücke. Auch regelmäßige Befragungen von Einheimischen und Urlaubern vermissen die beiden Frauen, die sich zudem fragen, wann und wies mit dem „Masterplan Greetsiel“ weitergeht. Von dem hieß es zuletzt seitens der Gemeinde, dass sein Ziel „noch inhaltlich zwischen Politik und Verwaltung im Detail abgestimmt werden“ müsse.

Was die Befragung der Bürger angeht, so gibt es diese allerdings bereits. Darauf weist auf Nachfrage Benjamin Buserath hin, der der neue Geschäftsführer der Touristik GmbH Krummhörn-Greetsiel ist. „Wir führen in Zusammenarbeit mit der Firma Benchmark Services seit vielen Jahren eine wissenschaftlich begleitete und fortlaufende Gästebefragung durch, die in jedem Jahr, neben den Standardfragen, auch einen anderen Schwerpunkt hat.“ Was die Idee von Jütting und Nägel angeht, kostenlose Taschenaschenbecher an die Gäste zu verteilen, habe man dies bereits gemacht, so Buserath.