71-Jähriger erlebt 20-tägiges Abenteuer  Ein Leeraner sieht Freitag sein elftes WM-Spiel in Katar

| | 08.12.2022 18:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Fans aus dem Senegal hinterließen bei Thomas Ciesielski bleibenden Eindruck. Er sah die Partien gegen Ecuador (2:1) und England (0:3). Foto: DPA
Die Fans aus dem Senegal hinterließen bei Thomas Ciesielski bleibenden Eindruck. Er sah die Partien gegen Ecuador (2:1) und England (0:3). Foto: DPA
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Thomas Ciesielski genießt die Atmosphäre und kurzen Wege bei der ersten WM im arabischen Raum. Manchen Berichten aus der deutschen Heimat muss er widersprechen.

Leer - Nach Südafrika 2010 und Russland 2018 erlebt ein Leeraner in Katar sein drittes großes WM-Abenteuer über mehrere Wochen. Seit dem 22. November und noch bis Sonntag ist der 71-jährige Thomas Ciesielski beim ersten WM-Turnier im arabischen Raum vor Ort. Ein Fazit kann er schon vor dem Rückflug von Doha über London nach Hamburg ziehen. „Ich habe die Reise nicht bereut. Es war ein Fußballfest, vor allem in den Stadien mit vielen Fans und Gästen aus der ganzen Welt. Und genau deshalb wollte ich auch dabei sein.“

Zehn Spiele sah der Leeraner bisher. Freitagabend folgt sein letztes: Niederlande gegen Argentinien. Foto: Privat
Zehn Spiele sah der Leeraner bisher. Freitagabend folgt sein letztes: Niederlande gegen Argentinien. Foto: Privat

Der pensionierte Gymnasial-Lehrer (UEG Leer) hatte sich für den ersten Teil seines Katar-Trips seinen Aufenthalt ein Zwei-Raum-Appartement in der Altstadt von Doha gemietet, sah nach seiner Ankunft einen Tag vor dem ersten deutschen Gruppenspiel gegen Japan (1:2) fast jeden Tag ein Vorrundenspiel. Darunter waren alle drei deutschen Spiele und sechs weitere Partien. Am torreichsten war das 3:3 zwischen Serbien und Kamerun. „Normalerweise hätte ich bei einem Weiterkommen auch noch ein deutsches Achtel- und Viertelfinale gesehen.“

Letzte Tickets auf dem Schwarzmarkt

Bei der Vergabe für die Endrundenspiele ohne deutsche Beteiligung war er im Ticketportal der FIFA im Vorfeld leer ausgegangen. Doch auf dem Schwarzmarkt hatte er von einem „netten Russen“ noch eine Karte für Englands 3:0-Achtelfinalsieg gegen den Senegal erhalten. Und nun, kurz vor dem Ende seines Katar-Abenteuers, erwartet den 71-Jährigen noch ein Höhepunkt, sein elftes WM-Spiel, und das im Endspielstadion. „Ich habe über einen mir bekannten Ticket-Händler aus Frankreich noch eine Karte für Argentinien gegen Niederlande erhalten, gegen einen stattlichen Aufpreis. Aber die Argentinier garantieren hier die beste Stimmung.“

Thomas Ciesielski vor der Skyline von Doha. Foto: Privat
Thomas Ciesielski vor der Skyline von Doha. Foto: Privat

Thomas Ciesielski bekam im Vorfeld und zu Beginn der WM die enorme Kritik am Gastgeberland Katar und Diskussionen um die One-Love-Binde natürlich auch einige tausend Kilometer entfernt mit. „Die Kritik am Gastgeber und der FIFA ist in Ansätzen in Ordnung, aber sehr überzogen und hat einigen Deutschen den Appetit auf die WM genommen, auch mir ein wenig.“ Berichte über manche „gekaufte Fans“, um künstlich Stimmung zu erzeugen, ärgern ihn besonders, weil sich für ihn die Realität ganz anders darstellte. „Die WM ist ein großes Fest mit Fans aus der ganzen Welt. Da acht Stadien in Doha sind, kamen auf engem Raum so viele Nationen zusammen wie noch bei keiner WM. Wir Europäer waren mit einigen Nationen eben nicht gut vertreten.“

Herausragende Südamerikaner

Besonders die Südamerikaner hätten für eine herausragende Atmosphäre gesorgt, allen voran die Argentinier. Bei zwei Spielen von Ecuador gegen die Niederlande und Senegal beeindruckten ihn die Ecuadorianer, die eine enorme Lebensfreude ausgestrahlt hätten. Ebenso wie der Anhang aus Senegal. „Die Afrikaner haben nach dem Achtelfinal-Einzug auf der Tribüne gefeiert, als seien sie gerade Weltmeister geworden.“ Auch die Asiaten seien stimmungsvoll gewesen.

Im Fanblock sah Thomas Ciesielski auch alle drei deutschen Vorrundenspiele. Foto: Privat
Im Fanblock sah Thomas Ciesielski auch alle drei deutschen Vorrundenspiele. Foto: Privat

Den bittersten Abend erlebte er beim deutschen Vorrunden-Aus. Nach dem 4:2-Sieg gegen Costa Rica, der angesichts des zeitgleichen Japan-Sieges gegen Spanien wertlos war, war Ciesielski von der Reaktion der deutschen Fans überrascht. „Die Mannschaft wurde mit Applaus verabschiedet. Sie hat ja auch engagiert gespielt, es ist einfach dumm gelaufen.“

Hotel nähe eines Basars

Manche der deutschen Fans hatten ein Quartier in Dubai, flogen zu den Spielen ein. Für den Ostfriesen kam das nicht infrage: „Ich will die Stimmung im WM-Land erleben.“ Bei seinem Appartement habe er auch keine „Mondpreise“ zahlen müssen. „Die Kosten lagen so wie in einer deutschen Großstadt.“ Vor ein paar Tagen zog er dann in ein Hotel in der Nähe des Souq Wagif, einem traditionellen und sehr lebhaften Basar mitten in Doha. „Da geht es zu wie auf dem Gallimarkt“, berichtet Thomas Ciesielski und lacht. So war er noch mehr mittendrin.

Der Enthusiasmus der Fans aus Ecuador begeisterte den Ostfriesen. Foto: Privat
Der Enthusiasmus der Fans aus Ecuador begeisterte den Ostfriesen. Foto: Privat

Der frühere Lehrer ist schon seit Jahrzehnten Fußball- (Hamburger SV) und Tennis-Fan, besuchte auch schon viermal Wimbledon. Auch bei der WM 1998 oder WM 2006 sah er Spiele, in Südafrika 2010 und Russland 2018 reiste er mehrere Wochen durchs Gastgeberland. Das Katar-Turnier punktet bei ihm vor allem wegen der guten Organisation und kurzen Wege. Gleich acht Stadien befinden sich in Doha. „Das ist für den Fan traumhaft. Ein Stadion ist sogar fast direkt am Strand. Auch alle drei Minuten fährt eine der neuen Metros. Das ist perfekt organisiert.“

Will er nochmal nach Katar?

Gewöhnungsbedürftig sei das Abkühlen der Stadien durch riesige Klima-Anlagen. Und als negativ empfindet der Ostfriese „die hupende Dominanz des Autoverkehrs“. „Oft fehlen Bürgersteige. Man muss genau aufpassen, wo man hintritt. Mehrere mehrspurige Stadtautobahnen, die man nur schwer überqueren kann, durchschneiden die Stadt.“

In Doha selbst werde viel gebaut. Überall sehe man auch Baustellen. „Hier passiert viel“, sagt der 71-Jährige, der trotz seines positiven WM-Fazits nicht nochmals nach Doha reisen würde. „Mir ist die Stadt zu futuristisch. Urlaub würde ich hier nicht machen wollen – da ist Spiekeroog schöner.“

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