Zeitreise ins Jahr 2011  Bei Johann wird geknobelt, gefiebert und gefeiert

| | 12.01.2023 17:13 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Der Tresen bei Johann Germann Rieken vor 12 Jahren. Noch bis Ende März kann man hier sitzen, dann ist Schluss für immer. Foto: Archiv
Der Tresen bei Johann Germann Rieken vor 12 Jahren. Noch bis Ende März kann man hier sitzen, dann ist Schluss für immer. Foto: Archiv
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Eine Zeitreise mit dem Gasthof Germann in Westerende-Kirchloog ins Jahr 2011: Wir landen bei Fußball, Würfelspielen und Boßeln. Die Dorfkneipe lebt und ihre Amtssprache ist Platt.

Vor fast zwölf Jahren hat Reporterin Karin Lüppen bei Johann Germann Rieken am Tresen gesessen und verstanden, was den Gasthof Germann in Westerende-Kirchloog so besonders macht. Den Text vom 16. Februar 2011 haben wir aus dem Archiv geholt:

Was und warum

Darum geht es: Karin Lüppen hat im Februar 2011 einen Abend bei Johann Germann Rieken gefeiert. Diesen Text hat sie darüber geschrieben.

Vor allem interessant für: Alle, die wissen wollen, was Kneipen und Landgasthöfe für Ortschaften bedeuten.

Deshalb berichten wir: Wir haben mit vielen Menschen gesprochen, denen der Ort sehr fehlen wird. Das Gasthof soll abgerissen werden.

Die Autorin erreichen Sie unter: k.lueppen@zgo.de

Westerende-Kirchloog - Würde die Musikbox im Gasthof Germann noch laufen, dann müsste der Titel „Die kleine Kneipe“ von Peter Alexander darin in einer Dauerschleife dudeln. Aber die Nadel ist kaputt, und an dieser Theke ist sowieso alles andere wichtiger als Musik.

Totgesagte leben länger

Hat jemand gesagt, dass die Dorfkneipe tot ist? Nun, dann leben Totgesagte wieder einmal länger. Der Gasthof Germann an der Auricher Straße in Westerende-Kirchloog jedenfalls – vis-à-vis der Kirche und in Sichtweite vom Sportplatz – ist quicklebendig. Und dieses Leben ist wie in dem Lied von Peter Alexander noch lebenswert. „Da fragt dich keiner, was du hast oder bist“, sang der Österreicher, und so ist es an dieser Theke. „Du kannst mit noch so schlechter Laune hierherkommen“, sagt Kalle, der seinen Platz ganz an der Wand hat, „wenn du wieder gehst, hast du bestimmt gute Laune.“

Darauf gibt es eine Runde Kümmerling. Eisgekühlt, die spitzen Flaschen sind beschlagen. Kurz liegengelassen, kopfüber auf die Theke geklopft, aufgedreht, ausgetrunken, zugedreht, wieder hingelegt. Draußen regnet es seit Stunden, Autos rauschen nur ein paar Meter vom Tresen entfernt auf dem nassen Asphalt vorüber. Wetter ist drinnen kein Thema – da gibt es Interessanteres zu besprechen.

Eichenholz und Leidenschaft

Es muss nicht immer Fußball sein. Obwohl – bei drei Bayern-Fans, die sich einer Werder- und Dortmund-Fraktion gegenüber sehen, kann der letzte Spieltag entscheidend sein. „Wenn Bayern verloren hat, ist gute Stimmung“, sagt Michael. Sonnabends wird in der Gaststube natürlich Fußball geguckt. Es kann schließlich kein Zufall sein, dass die Biegung der Theke „Ostkurve“ heißt (obwohl sie nach Westen zeigt). Ein schwarzer Flachbildfernseher von beachtlicher Größe hängt über den Tischen. Er wirkt in der Umgebung aus Eichenholz, als hätte man ihn vom Raumschiff Enterprise heruntergebeamt. Die Männer vorm Tresen haben für das Prachtstück gesammelt, damit sie über „Sky“ alle Spiele sehen können.

Die alte Musikbox geht nicht mehr. Die Nadel ist kaputt. Aber es achtet eh niemand auf die Musik. Foto: Archiv
Die alte Musikbox geht nicht mehr. Die Nadel ist kaputt. Aber es achtet eh niemand auf die Musik. Foto: Archiv

Dabei gehört zum Sonnabendnachmittag im Gasthof Germann ebenso eine andere Leidenschaft: Knobeln. Die Becher stehen in einem Schränkchen, das ausgangs der Ostkurve an der Wand hängt. Auf der Tür stehen Namen, dahinter der jeweilige Knobelbecher. Manche sehen aus, als hätten sie viele Schlachten geschlagen, zerknautscht, faltig. Um Geld wird nicht mehr gespielt, sagt Erich, der Einsatz kommt in eine Kasse.

Es geht um viel Geld

Am Ende eines Knobeljahres können da locker 1000 und mehr Euro drin sein. Von dem Geld wird eine Boßeltour bezahlt, bei der die Frauen dabei sind. „Die lassen uns ja schließlich hierher“, sagt Erich. Dafür müssten sie manchmal entschädigt werden. „Wir haben auch schon ein Schwein geschlachtet und Wurst gemacht“, erzählt Erich. Johann Rieken, der Wirt, hat für alle leckeren Braten gemacht, wie sich das bei einem Schlachtfest gehört. „Heel lecker, mit Muus un Kumnaatje“, prahlt ein Gast namens Aut. Darauf gibt es den nächsten Kümmerling.

Ach ja, „Amtssprache“ ist selbstverständlich Plattdeutsch. Nur Katja, die Lebensgefährtin von Wirt Johann, darf Hochdeutsch sprechen. Wer abends am Tresen sitzt, ist meist auch Mitglied im TuS Westerende oder im Boßelverein. Die Fußball-Pokale stehen über der Theke, an der Wand hängen Urkunden der Boßler. Eine große, goldverzierte Urkunde im schwarzen Rahmen zeugt vom Gewinn der FKV-Meisterschaften 1950. Schon damals kam Aut in den Gasthof. „Sogar als Kind“, sagt er. Früher hatten die Großeltern und Eltern von Johann Rieken nebenan außerdem ein Lebensmittelgeschäft, „da war auch die Post“, erinnert sich Aut. Wer in Westerende etwas kaufen wollte, ging dorthin.

Familienfeste und Vereine

Den Laden gibt es nicht mehr. Seit 1979 gehört die Gaststätte Johann Rieken. Sein Großvater Johann Germann hatte sie gegründet. Der Enkel hat Koch gelernt, in Spielbanken gearbeitet, in Frankfurt gelebt, kam aber dann zurück nach Westerende-Kirchloog. „Mit Gegier“, wie er sagt. Könnte man das einem Auswärtigen übersetzen? „Voller Tatendrang“, wäre ein guter Versuch. Mit diesem Tatendrang ist er nach wie vor am Werk. Die beiden Sportvereine, dazu der Gesangverein, sie sichern die Kundschaft. Im Saal werden Familienfeste gefeiert, auch kleinere Anlässe. Dafür steht Johann Rieken selbst in der Küche. „Wenn es eng wird, helfe ich ihm gerne mal“, sagt Rainer. Wer am Tresen so gut behandelt werde, der gebe gerne etwas davon zurück.

Dass sie ihren Wirt mögen, zeigten die Gäste noch auf andere Weise. Katja sammelte bei Gästen und Vereinsmitgliedern. Der Erlös reichte, um zu Johanns 50. einen Ford Capri zu kaufen. So ein Auto hatte Johann als junger Mann gefahren. „Dat weer woll ‚n Overraschung för hum“, freuen sich Erich, Kalle und Aut noch heute, während Johann beim Bierzapfen nur unauffällig lächelt. Keine Überraschung ist, dass nun der nächste Kümmerling fällig ist. Es ist noch keine acht Uhr, da zieht Johann einen Mülleimer unter dem Tresen weg, der randvoll mit den kleinen Fläschchen ist. Es handelt sich tatsächlich um die Ernte dieses Abends. Der Eimer wird im Hof in eine Tonne entleert – die ist auch schon fast voll.

Noch einen Kümmerling

Wie sang Peter Alexander? „Bei Korn und bei Bier findet mancher die Lösung für alle Probleme der Welt.“ Momentan geht es nur um Pläne fürs Wochenende, die nächste Geburtstagsfeier, um Piraterie oder ostfriesische Häuptlingsfamilien. Auch wenn es mal hitzig wird: „Hier kann jeder seine Meinung sagen“, sagt Aut. Wie das Gespräch auf einmal nach St. Pauli kommt, weiß man nicht so richtig. Jedenfalls geht es um einen Schnaps, der einen ferkeligen Namen hat. „Da wird auf Frauen keine Rücksicht genommen“, sagt Katja. Kurzes Schweigen.

„Kennst du Thomas Stahlberg?“, fragt Michael und zückt sein Handy. Den NDR-Mann aus Emden kennt Rainer wohl. Dessen Lachkrampf bei der Ansage einer Lesung mit einem Autoren, dessen Name ebenfalls zweideutig ausgelegt werden kann, aber nicht. Michael holt den Clip aus dem Internet: Stahlberg wiehert aus dem Telefon, die Männer lachen, und brauchen dann – klar, den nächsten Kümmerling.

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