Bildung in der Krummhörn  Ist es Zeit für Panik? Eine Analyse zur Bedarfsanalyse

| | 09.02.2023 17:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Werden die Grundschulen in Loquard (Bild) und Greetsiel geschlossen? Das ist zumindest ein mögliches Szenario. Foto: Wagenaar/Archiv
Werden die Grundschulen in Loquard (Bild) und Greetsiel geschlossen? Das ist zumindest ein mögliches Szenario. Foto: Wagenaar/Archiv
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Werden Grundschulen geschlossen, um die Kita-Situation in der Krummhörn zu verbessern? Ausgeschlossen ist das nicht.

Krummhörn - Bürgermeisterin Hilke Looden spricht schon von „gravierenden Einschnitten“, die auf die Krummhörn zukommen. Es geht um die Zukunftsfähigkeit der Grundschulen in der Gemeinde. Vor allem geht es aber auch um die Zukunft der Kitas, von denen es zwölf gibt. Und nicht allen sagt, das ist mittlerweile mehr als deutlich, die Firma Biregio in ihrer Bedarfsanalyse eine rosige Zukunft voraus. Viele Details zur Bedarfsanalyse sind bislang nicht offiziell bekannt gegeben worden, dieser Zeitung liegen aber einzelne Folien der Grundschulpräsentation vor. Zudem gab es auf Nachfrage in den vergangenen Tagen verschiedene offizielle Äußerungen seitens der Gemeindeverwaltung.

Klar ist daher: Die Entscheidungen, die die Politik zu treffen hat, wiegen schwer. Wäre die Krummhörn Ebenezer Scrooge aus Charles Dickens „Eine Weihnachtsgeschichte“, die Bedarfsanalyse wäre der Geist der künftigen Weihnacht. Dieser Geist zeigt, wie schlimm es wird, wenn man nichts tut. Wie wir zu dieser Einschätzung gelangen, zeigen wir anhand einer Analyse. Bei einer Analyse handelt es sich – ähnlich wie bei einem Kommentar – um einen Meinungsbeitrag.

Was ist die Ausgangssituation?

Durch Recherchen dieser Zeitung ist belegt, dass in Bezug auf die Grundschulen vier unterschiedliche Szenarien vorgeschlagen werden; Erhalt aller Grundschul-Standorte, Schließung aller Standorte bis auf Pewsum, Aufgabe der Standorte Loquard und Greetsiel, Aufgabe des Standortes Jennelt (siehe Kasten am Ende des Artikels).

Die wahre Herausforderung, das bestätigte auch die Gemeinde, sind aber die Kitas, vor allem im Bereich der Versorgung der unter Dreijährigen mit Kitaplätzen. Eine wichtige Erkenntnis, vor allem, weil der Blick auf die Kitas eigentlich nur ein „Anhängsel“ der Analyse der Grundschulen war. Offenbar hat die Gemeinde, das klingt auch bei Äußerungen der amtierenden Bürgermeisterin Hilke Looden durch, die am jetzigen Zustand keinerlei Schuld hat, über eine lange Zeit versäumt, die Kitas zukunftsfähig aufzustellen. Anspruch auf Ganztagsbetreuung, neue Anforderungen an den Raum- und Flächenbedarf sowie weitere Faktoren sorgen dafür, dass der Fokus plötzlich nicht mehr auf den Grundschulen, sondern auf der vorschulischen Bildungslandschaft in der Krummhörn liegt.

Was ist das Dilemma?

Klar ist, ein „weiter so“ geht nicht. Egal, für welches bekannte (oder gar bislang unerkannte) Szenarium sich die Politik ausspricht: Die Entscheidung wird Folgen haben. Lässt man alle Grundschulstandorte bestehen, muss perspektivisch in Jennelt und Pewsum massiv investiert werden und man kommt kaum um Neubauten und Erweiterungen für Kitas herum. Denn die Gemeinde erklärte bereits, dass nicht alle Kita-Gebäude den kommenden Anforderungen angepasst werden können. Mittlerweile ist auch bekannt, dass die Bedarfsanalyse davon ausgeht, dass die Einschulungszahlen – und damit auch die Zahlen für Krippen und Kindergärten – in den nächsten Jahren grundsätzlich steigen werden, aber eben nicht überall in der Krummhörn gleich. Vor allem Jennelt und Pewsum werden hier als Grundschulstandorte im Trend nach oben angenommen.

Aber will man Grundschulen zugunsten besserer Möglichkeiten für Kitas aufgeben? Kann es sich die Gemeinde Krummhörn überhaupt finanziell leisten, wenn man alle Grundschulen erhält – für Pewsum und Jennelt empfiehlt die Bedarfsanalyse eine Sanierung und vielleicht sogar einen Ausbau – und zusätzlich massiv in die Erweiterung der Kapazitäten der vorschulischen Bildung investieren muss? Es gibt keinen einfachen, schmerzfreien Weg aus der Situation heraus.

Steckt in der Situation eine Chance?

Das bedeutet aber nicht, dass die Situation, so wie sie sich aktuell darstellt, keine Chancen bereit hält. Erstmals hat man in der Gemeinde einen Überblick über die Herausforderungen im Bereich Kinderbetreuung und Schulen. Das hatte man 2014, als Biregio im Rahmen einer landkreisweiten Analyse bereits die Schließung der Grundschulen Loquard und Greetsiel empfahl, noch nicht. Damit bietet sich die Chance, mit Weitblick eine nachhaltige Lösung anzusteuern. Vertan hat man hier vielleicht die Chance, auf einer breiteren Ebene auch die Eltern zu befragen. Zumindest wurde dieser Punkt am Donnerstagabend auf der Sitzung der Bürgerinitiative (BI) zum Erhalt des Grundschulstandortes Jennelt bemängelt. Hier muss die Politik aufpassen, kommende Beschlüsse entsprechend zu kommunizieren.

Angst davor, dass es zu Protest kommt, darf man dabei aber nicht haben. Jede der Varianten hat das deutliche Potenzial für Protest aus der Bevölkerung. Selbst der „Erhalt aller Grundschulstandorte“, denn der trifft noch keine Aussagen darüber, wie es mit den Kindergärten weitergeht. Es braucht jetzt eine Lösung, eine Entscheidung, die möglichst viele der aktuellen und sich abzeichnenden Probleme löst, leistbar löst.

Wieso eigentlich nur Jennelt?

Was tatsächlich erstaunt: Bislang steht die Jennelter BI gefühlt allein auf weiter Flur. Der Zusammenschluss spricht sich zwar auch für den Erhalt aller Grundschulstandorte aus, hat aber seit der Gründung vor nunmehr gut einem halben Jahr kaum Unterstützung von Lehrkräften oder Eltern anderer Grundschulstandorte erhalten. Das betonte die BI-Mitbegründerin und ehemalige Jennelter Schulleiterin Jutta Lerche-Schaudinn beim Treffen erneut.

Tatsächlich liefen auch bisherige Anfragen unserer Zeitung bei Schulen und Kitas in der Gemeinde eher ins Leere. Man wolle die Ergebnisse der Bedarfsanalyse abwarten, hieß es – wenn überhaupt eine Antwort kam. Doch auch hier scheint langsam Bewegung zu entstehen: In dieser Woche meldete sich plötzlich die Elternvertretung der Grundschule Loquard. Man lade „jetzige und zukünftige Grundschuleltern, Freunde und Förderer der Schule ein“, um am Freitag, 17. Februar, ab 19 Uhr darüber zu sprechen, wie der Standort der Grundschule in Loquard gestärkt werden kann. Ist es dafür schon zu spät?

Wie sehr drängt die Zeit?

Das könnte durchaus so sein. Am 4. März soll es einen weiteren nicht-öffentlichen Vorstellungs- und Gesprächstermin zur Analyse geben. Hier soll dem Vernehmen nach auch schon weitestgehend die politische Richtung für die notwendigen Beschlüsse ergehen. Bürgermeisterin Hilke Looden will ein zeitnahes Ergebnis, will möglichst schnell, dass die Politik sich auf eine Richtung festlegt. Ein Wille, der an der Realität scheitern könnte. Nicht nur tut sich die Krummhörner Politik, das zeigt sich insbesondere an der jahrelangen Diskussion zu Neubau oder Kernsanierung der Grundschule Jennelt, schwer mit dem Thema Grundschulen. Jetzt muss sie sich auch noch dem Thema Kitas widmen. Während es bei der jahrelangen Diskussion um Jennelt an sich nur um eine Schule ging, geht es jetzt um einen Entschluss mit ungleich gravierenderen Folgen. Denn keines der Szenarien zu den Grundschulen kommt ohne hohe, heute noch gar nicht in ganzer Bandbreite zu erfassende Folgekosten aus. „Es wird viel Geld kosten“, sagte Looden jüngst.

Es ist darüber hinaus nicht auszuschließen, dass es, sollte sich eine Schließung der Grundschulen Loquard und Greetsiel ankündigen, doch noch zu stärkerem Druck auf die Politik durch die jeweiligen und angrenzenden Ortschaften kommt. Wie wird sich das auf die Entscheidung oder den Entscheidungswillen der Politik auswirken? Die Zeit drängt. Nicht nur für diejenigen, die noch auf die Politik einwirken wollen, sondern für alle, denn: Selbst wenn noch vor April, wie die Bürgermeisterin es hofft, eine Entscheidung getroffen wird, braucht die Umsetzung Zeit. Viel Zeit.

Was muss jetzt passieren?

Am 7. März soll die Bedarfsanalyse in einer zusätzlich anberaumten Sitzung des Bildungsausschusses der Gemeinde erstmals öffentlich vorgestellt werden. „Wir werden gegebenenfalls nach dem 7. März dann eine zusätzliche Ratssitzung einberufen“, hieß es seitens der Gemeinde. Das signalisiert schon, wie schnell die Gemeinde eine Entscheidung herbeiführen will.

Anders als Ebenezer Scrooge bei Charles Dickens, der durch den Blick in die Zukunft von seinem Weg abgebracht wird, ist es in der Krummhörn nicht ganz so einfach. Keine der sich abzeichnenden Alternativen ist perfekt. Bei jeder Entscheidung droht ein immenser Kraft- und Finanzaufwand. Das bedeutet nicht, dass man in Panik verfallen muss. Es bedeutet aber, dass man vor Panik nicht vor Entscheidungen zurückschrecken darf. Die Politik muss nun sachorientiert und ruhig die Möglichkeiten abwägen.

Krummhörn - Nach Unterlagen aus den nicht-öffentlichen Informationsveranstaltungen, die dieser Zeitung vorliegen, werden die vier Szenarien zu den Grundschulen unterschiedlich durch die Firma Biregio bewertet. Nachfolgend ist aufgelistet, wie sich danach die Szenarien in ihren Pro- und Contra-Argumenten unterscheiden (alles direkte Zitate aus der Präsentation). Manche Punkte, beispielsweise zur Bewertung besonderer pädagogischer Wunschkonzepte, wurden ausgelassen.

Variante 1: Erhalt aller Standorte; Sanierung/Neubau in Jennelt und Pewsum

Pro-Argumente:

  • Die liebgewonnenen Strukturen bleiben erhalten
  • Es gäbe weiterhin „familiäre“ Schulstandorte

Kontra-Argumente:

  • Hohe Kosten: Schätzung für Sanierung/Neubau Jennelt 2021 (sic!): Sanierung 4,8 Mio., [...] Neubau 8,3 Mio [...]
  • Die organisatorischen Nachteile der kleinen Standorte bleiben bestehen (eingeschränktes Unterrichtsgebot, schwer einzurichtender Ganztagsbetrieb, hohe Anfälligkeit bei Ausfällen)

Variante 2: Erhalt der Standorte Greetsiel und Loquard, Sanierung/Neubau des Standorts Pewsum, Aufgabe des Standorts Jennelt

Pro-Argumente:

  • Langfristig tragfähige und flexible Lösung
  • Die deutliche Mehrheit der einzuschulenden Kinder in allen Schuljahrgängen bis 2027/28 lebt heute in Pewsum
  • Rein auf die Grundschulen bezogen: mutmaßlich günstigste Variante

Kontra-Argumente:

  • Mit der Aufgabe des Gebäudes in Jennelt ginge wertvolle Bausubstanz verloren

Variante 3: Aufgabe der Standorte Greetsiel und Loquard, Neubau einer 3-zügigen Grundschule in Pewsum und Sanierung/Erweiterung des Standorts Jennelt auf 2 Züge

Pro-Argumente:

  • Langrfristig tragfähige und flexible Lösung
  • Die Übergangszeit wäre mit weniger Aufwand und zu niedrigeren Kosten für Zwischenlösungen zu bewältigen
  • Mit der Sanierung des Baus in Jennelt bliebe wertvolle Bausubstanz erhalten

Kontra-Argumente:

  • Hohe Investitionskosten

Variante 4: Aufgabe aller Standorte, Neubau einer 5-zügigen Grundschule in Pewsum (Schulzentrum)

Pro Argumente:

  • Langfristig tragfähige Lösung
  • Die Schule könnte ohne teure Zwischenlösungen bezogen werden, wenn sie fertig ist [...]
  • Je größer die Schule, desto breiter das Angebot für Unterricht und Betreuung, zudem hohe Ausfallsicherheit
  • Die schukzentrische Lage würde die Angebotsvielfalt nochmals verbessern (Sport, Schwimmbad)
  • Die bisherigen Schulgebäude stünden ggf. für Kita-Nutzungen zur Verfügung

Kontra-Argumente:

  • Große („anonyme“) Schulen schrecken manche Eltern ab
  • Ein Schulzentrum dieser Größe erfordert eine besonders gute Verkehrsplanung

Biregio gibt aber eindeutig zu bedenken, dass es vielleicht auch nur dann Lösungen geben kann, wenn man „die Schulen und die Kindertagesstätten klug in ein Handlungspaket“ einbindet. Auch empfiehlt Biregio die Aufgabe der bislang nur 1-zügigen (also nur aus einer Klasse pro Jahrgang bestehenden) Grundschulen – und empfiehlt hier auch eine Umnutzung zur Kindertagesstätte. Aber: Sofern es „wirtschaftlich machbar scheint“, seien mehrere Grundschulstandorte in der Gemeinde „wünschenswert“.

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