Faktencheck Sorgen Corona-Impfungen für hohe Sterberate?
Nach einem Bericht über eine Zunahme von Sterbefällen in Ostfriesland meldeten sich Leser bei uns, die eine Begründung parat hatten: Die Corona-Impfungen töten. Ist das so? Ein Faktencheck.
Ostfriesland - In Teilen von Ostfriesland kam es, das bestätigten Verwaltungen gegenüber dieser Zeitung, im Dezember und zum Teil auch noch im Januar zu einer deutlichen Zunahme der Sterbefälle. Ein Bild, welches für ganz Niedersachsen und auch ganz Deutschland festzustellen ist. Über die Gründe war zunächst nicht viel bekannt. Außer bei Impfgegnern und „Aufgewachten“. Die meldeten nach dem Erscheinen des Artikels sofort zurück, dass es natürlich an den Impfungen liegt.
Was und warum
Darum geht es: Es gibt keine seriösen Hinweise darauf, dass Corona-Impfungen für einen deutlichen Anstieg der Sterbefälle veranmtwortlich sind.
Vor allem interessant für: diejenigen, die sich für die Hintergründe zu den deutlich gestiegenen Sterbezahlen interessieren.
Deshalb berichten wir: Wir berichteten darüber, dass vor allem im Dezember viele Ämter und Bestatter in Ostfriesland einen Anstieg von Sterbefällen beobachtet haben. Daraufhin erreichten uns „Begründungen“, die hier einem Faktencheck unterzogen werden. Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de
Diese Zeitung schaut sich deswegen ein paar der aufgebrachten Behauptungen an und hat zudem erneut noch gezielter bei den Kommunen sowie beim Land Niedersachsen nachgefragt.
Grundlage: Der statistisch besondere Dezember
Bevor es an die Überprüfung der Behauptungen geht: Die Wintermonate und vor allem der Dezember stechen seit Jahren in den Sterbefall-Statistiken hervor. Erklärt wird dies damit, dass der Körper im Winter allgemein geschwächter ist. Hinzu kommt, dass viele Menschen, die im Sterben liegen, besondere Momente noch erleben wollen – Weihnachten zum Beispiel –, sie kämpfen sich bis zu diesem Moment durch und lassen erst danach „los“.
Tatsächlich ist die Situation in den vergangenen Monaten aber besonders. Die Sonderauswertungen des Statistischen Bundesamtes/Destatis zu den Sterbefällen zeigt seit Oktober einen deutlichen Anstieg an Sterbefällen in ganz Deutschland. Allgemein lag die Sterblichkeit in Deutschland im vergangenen Jahr in den meisten Monaten höher als in den vorangegangenen Jahren. Dazu schreibt Destatis in einer Pressemitteilung unter anderem: „Die Sterbefallzahlen lagen im September 11 Prozent und im Oktober 20 Prozent über dem Vergleichswert der Vorjahre. Die COVID-19-Todesfallzahlen stiegen zwischen Anfang September und Mitte Oktober erneut an – allerdings nicht im gleichen Ausmaß wie die Gesamtsterbefallzahlen.“ Die Zahlen basieren allerdings zum Teil noch auf Rohdaten und Schätzmodellen, da nicht alle Kommunen und Länder gleich schnell ihre statistischen Daten weitermelden.
Viele Sterbefälle beschäftigen Bestatter und Ämter
Sterbefälle im November 20 Prozent über dem Durchschnitt
Zahl der Todesfälle 2020 auch wegen Corona gestiegen
Sterbefälle 2021: Welchen Effekt hat Corona?
Behauptung: Die Corona-Impfungen sind schuld (Falsch)
Als Reaktion auf den ersten Artikel dieser Zeitung kam es immer wieder zu der Behauptung, dass die Zunahme der Sterbefälle, nicht nur im Dezember, mit dem Start der Impfungen zusammenhänge. Als „Beleg“ wurden unter anderem Behauptungen der Alternative für Deutschland (AfD) ins Feld geführt. Die AfD hatte auf Grundlage von abgefragten Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) geschlussfolgert, dass es seit Beginn der Impfungen im Jahr 2021 einen drastischen Anstieg von ungeklärten Todesfällen in Deutschland gegeben habe. Das stimmt nicht. Wie mehrere Faktenchecks, unter anderem von Correctiv, dem MDR und der Tagesschau, zeigen, wurden unzureichende und nicht geeignete Daten genommen und dann interpretiert. Die Tagesschau betitelt eines der Probleme so: „Tote gehen nicht zum Arzt“. Zur Erklärung: „In dem Datensatz gibt es also keine Daten zu Versicherten, die vor 2021 gestorben sind - somit lassen sich auch keine Rückschlüsse ziehen, ob seit Anfang 2021 mehr Menschen sterben.“ Auch das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland stellte in einer Pressemitteilung klar: „Die Aufregung um möglicherweise gestiegene Todesfälle 2021 entbehrt jeder Grundlage.“ In einer eigenen Analyse der Daten bis zum Jahr 2012 kann das Zentralinstitut keine Auffälligkeiten erkennen; angewendet wurde hier das gleiche Analysevorgehen, welches auch von der AfD genutzt wurde.
Auch das Landesgesundheitsamt Niedersachsen äußert sich auf Nachfrage dieser Zeitung zur Behauptung, dass die Impfungen zu einer Zunahme der Todesfälle geführt haben. „Impfschäden, die über das übliche Maß einer Impfreaktion hinausgehen“, müssen an das zuständige Gesundheitsamt gemeldet werden, betont das Landesgesundheitsamt. Die Ämter würden die Meldungen unter anderem an das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) weiterleiten, das bundesweit die Meldungen erfasst und bewertet. „Bei insgesamt mehr als 180 Millionen durchgeführten Corona-Schutzimpfungen hat das Paul-Ehrlich-Institut 3.023 Verdachtsmeldungen mit einem tödlichen Verlauf untersucht. Davon wurden 120 Fälle vom Paul-Ehrlich-Institut als konsistent mit einem ursächlichen Zusammenhang mit der Gabe des jeweiligen COVID-19-Impfstoffs bewertet (synonym: wahrscheinlicher oder möglicher ursächlicher Zusammenhang)“, zitiert das Landesgesundheitsamt aus dem PEI-Sicherheitsbericht aus dem September vergangenen Jahres. Im PEI-Sicherheitsbericht aus dem Dezember, der Daten bis einschließlich Oktober 2022 enthält und damit in dem Zeitraum liegt, in dem Destatis bereits einen deutlichen Anstieg der Sterbefälle verzeichnet, kommt das PEI zu dem Schluss: „Auch wenn Todesfälle in zeitlicher Nähe zur der COVID-19-Impfung weltweit berichtet wurden, wurde in mehreren Studien gezeigt, dass COVID-19-Impfungen insgesamt und insbesondere auch bei älteren Personen nicht zu einer Übersterblichkeit führen.“ Auch das Landesgesundheitsamt Niedersachsen schlussfolgert, dass „schwere Nebenwirkungen der Corona-Impfstoffe sehr selten sind und sich keine Hinweise daraus ableiten lassen“, dass die noch selteneren Todesfälle, „die in einem wahrscheinlichen oder möglichen ursächlichen Zusammenhang mit der Corona-Impfung stehen, die Sterbefallzahlen maßgeblich beeinflusst“ haben. „Daher ist die Theorie nicht plausibel.“
Behauptung: Die Impfung selbst ist nicht verantwortlich, führt aber zu einer Art AIDS (falsch)
Im Internet findet sich genau eine Pressemitteilung, die behauptet, dass die Corona-Impfungen zu einer Immunschwäche, vergleichbar mit AIDS, führen können. Verbreitet wurde sie von einer deutschen Anwaltskanzlei, die das „Impf-Aids“ als „V-Aids“ bezeichnet hat.
Die Behauptung ist falsch. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass Corona-Impfungen das Immunsystem langfristig schwächen oder gar zerstören. Es kann nur in Einzelfällen dazu kommen, dass das Immunsystem kurz nach der Impfung etwas geschwächt ist. Das stellt unter anderem Correctiv in einem Faktencheck fest.
Was ist der Grund für die hohen Sterbezahlen?
„Aus vergangenen Grippewellen ist bekannt, dass diese zu einer erhöhten Übersterblichkeit geführt haben. Insofern muss auch für den Dezember davon ausgegangen werden, dass die große Anzahl an Atemwegsinfekten maßgeblich zu der erhöhten Übersterblichkeit beigetragen hat“, schreibt das Landesgesundheitsamt auf Nachfrage. „In Niedersachsen wurde im Dezember eine der schwersten Erkältungswellen der vergangenen Jahre verzeichnet“, heißt es weiter. Das komme daher, dass gleichzeitig mehrere Erreger stark im Umlauf waren. Neben Corona gab es auch eine gestiegene Zahl an Influenza und TS-Fällen. „Seit Beginn der Datenerhebung zu Atemwegserkrankungen im Jahr 2007 wurden nie so hohe Krankenstände in den Kindertageseinrichtungen registriert. Auch der Anteil der Influenzaviren in den Laboruntersuchungen des Landesgesundheitsamtes von Patient*innen mit Atemwegsinfekten war mit mehr als 50 Prozent sehr hoch“, nennt das Landesgesundheitsamt als Beispiel.
Auch beispielsweise der Landkreis Wittmund schreibt auf Nachfrage: „Die Influenza als Todesursache hatte einen überdurchschnittlichen Anteil“ im Dezember vergangenen Jahres. Auch eine Zunahme der Lungenentzündungen habe man registriert. Anzumerken ist, dass nicht alle Verwaltungen einen signifikanten Anstieg an Sterbefällen verzeichnet haben. In der Stadt Emden gibt es beispielsweise laut Auskunft der Verwaltung keine Auffälligkeiten. Der Landkreis Aurich trifft gar keine Aussage, sondern verweist auf das Statistische Landesamt. Wie hoch die Zahl der Sterbefälle in Ostfriesland in den vergangenen Monaten tatsächlich war, lässt sich noch nicht mit Bestimmtheit sagen. Die Auswertung durch das Landesamt liegt noch nicht vor.
Hinzu kommt, dass die direkten Kriegs- und Nachkriegsgenerationen zunehmend statistisch relevant werden. Ein Großteil der im vergangenen Jahr verstorbenen Menschen waren 75 Jahre oder älter – 76.789 von 108.182 Sterbefällen 2022 im Land Niedersachsen. Das bedeutet, die Verstorbenen wurden 1947 oder früher geboren. „Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren in Deutschland durch hohe Geburtenzahlen geprägt. Ab 1947 wurden deutlich mehr Geburten als Sterbefälle registriert“, schreibt dazu die Bundeszentrale für politische Bildung. Eine Steigung der Sterbefälle hängt also auch mit der durchschnittlichen Lebenserwartung der Generationen bis zum „Baby-Boom“ zusammen.