In Nationalelf Mitspieler von Havertz Das bewegte Fußball-Leben von Kickers-Zugang Ilyas Bircan
Der 23-Jährige gehörte einst zu den besten deutschen Spielern seines Jahrgangs. Vor dem Auswärtsspiel in Norderstedt gab er einen Einblick in seine spannende Vita und einen bitteren Moment im Herbst.
Emden - Die mit Wechseln und Transfers sehr aktive Winter-Vorbereitung beim BSV Kickers Emden ließ Stefan Emmerling in den vergangenen Wochen unzählige Telefonate führen. Doch an keinem Tag klingelt das Handy des Trainers und starken Mannes so häufig wie an diesem Freitag: Geburtstagsglückwünsche aus der ganzen Republik erreichen den nun 57-Jährigen. „Neben der Familie und Freunden haben sich auch viele Menschen aus meinen diversen Fußball-Stationen gemeldet. Das freut einen immer.“ Auch seine Regionalliga-Spieler gratulieren natürlich und wollen ihren Coach am Sonntag mit einem guten Regionalliga-Spiel beim Tabellensiebten Eintracht Norderstedt (14 Uhr) beschenken.
„Jeddeloh war nur ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, der uns aber in dieser Lage nicht weiterhilft. Deshalb müssen wir gegen Norderstedt noch einen drauflegen, auch wenn die Favoritenrolle klar verteilt ist“, sagt Winter-Neuzugang Ilyas Bircan. Der 23-Jährige stand beim 1:1-Achtungserfolg des Schlusslichtes gegen Jeddeloh direkt in der Startelf. Eine Überraschung, wenn man in der Hinserie noch für den FC Türk Gücü Helmstedt in der Bezirksliga Braunschweig gespielt hat. Keine Überraschung, wenn man sich die Vita und Veranlagungen des flinken Dribblers anschaut.
Bis in die Nationalmannschaft
Der Kicker mit einem türkischstämmigen Vater und einer deutschen Mutter machte schon in jungen Jahren in seinem Heimatort Herzberg am Harz auf sich aufmerksam und landete in der C-Jugend nach einem Jahr bei Eintracht Braunschweig bei Hannover 96. „Ich bin mit 14 Jahren dort ins Internat gezogen, habe dort viereinhalb Jahre gelebt.“ Sein Zimmer teilte er sich mit Linton Maina, der aus Berlin gekommen war. Sie wurden Mitspieler und Freunde – Maina ist inzwischen Bundesliga-Spieler beim 1. FC Köln.
Auch Ilyas Bircan träumte von so einer Karriere. In zwei U17-Saisons schoss er 21 Tore in 37 Bundesliga-Spielen und bereitete ebenso viele Treffer vor. Nach Lehrgängen beim DFB bei der U15 und U16 kam er in diesen Jahren auch zu drei U17-Länderspielen. „Da war auch Kai Havertz dabei. Man hat damals schon gesehen, dass er nochmal besser war als die anderen“, erinnert sich Bircan über den Ausnahmespieler, heutigen Nationalspieler und Chelsea-Profi.
Wilde Reise im Herrenbereich
Bircan selbst konnte den Profi-Weg nicht einschlagen. Damit steht er in Deutschland gewiss nicht alleine da. „Jugend und Herren ist ein Unterschied. Und es hängt auch von vielen Faktoren ab.“ Seine eigene Entwicklung wurde auch gebremst, als er in der U19 vom Spielmacher zum Rechtsverteidiger umgeschult wurde. Als der den 96-Nachwuchs verließ, begann eine wilde Herren-Reise im semiprofessionellen Bereich bei Wacker Nordhausen, HSC Hannover und Eintracht Northeim in der Regional- und Oberliga.
Und dann wurde er doch Profi: in der Türkei. „Die anderthalb Jahre in der 2. Liga dort bei Menemenspor und Sanliurfaspor waren sehr spannend und intensiv.“ Spiele vor 5.000 bis 20.000 Fans oder Flugreisen zu Auswärtsspielen gehörten dazu. Als es finanzielle Probleme gab, entschied er sich, nach Deutschland zurückzukehren und die Ausbildung zu beenden. „Deshalb bin ich nach Helmstedt. Mein Ziel war aber weiter die Regionalliga, weil das eine Liga ist, die ich sehr attraktiv finde und realistisch für mich halte.“
Doppelter Kieferbruch in Helmstedt
In Emden konzentriert er sich deshalb zunächst auf den Fußball, hat eine kleine Wohnung, Stadt und Verein in wenigen Wochen schon schätzen gelernt. „Mit gefällt es hier sehr. Ich wurde von allen super aufgenommen und die Fans haben im ersten Heimspiel auch schon eine geile Stimmung gemacht – trotz unseres Tabellenstandes. Das hat mich beeindruckt.“ Ihn freut es auch, dass er nun wieder offensiver eingesetzt wird als in manch anderer Station. Gegen Jeddeloh stürmte er neben Tido Steffens. „Vorne liegen auch meine Stärken.“Kickers Emden und Eintracht Norderstedt trennen sich torlos
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Seine Zeit in Helmstedt endete mit der unangenehmsten Verletzung seiner Laufbahn. Im Frühherbst bekam er in einem Spiel das Knie eines Torwarts ins Gesicht, zog sich einen doppelten Kieferbruch. Er verlor auch einige Zähne, erhielt rund 20 Kronen. „Ich bin früh wieder angefangen, mich fit zu machen.“
Kapitän erst gesperrt, nun erkrankt
So war Bircan direkt eine Option für Trainer Stefan Emmerling, der mit seinem Team am Sonntag auf einen ambitionierten Gegner trifft. Die Norderstedter sind Siebter, streben eine Top-5-Platzierung an – der laut Hamburger Abendblatt auf 500.000 Euro bezifferte Etat untermauert das. Das Hinspiel gewann die Eintracht mit dem ostfriesischen Torwart Lars Huxsohl in Emden mit 3:0.
Doch mit neuem Elan und teils neuem Personal will Kickers die Partie nun enger gestalten, punkten. Milad Faqiryar wird weiter verletzt fehlen. Die Gelbsperre von Kapitän Bastian Dassel ist zwar abgesessen. Nun lag er aber krank im Bett. Samstag entscheidet sich, ob er mit zum 20-Mann-Kader gehört, der Sonntag um 8 Uhr Richtung Norderstedt aufbricht.
Norderstedt - Emden 1:1. Das 1:1 gegen Jeddeloh wird die Konkurrenz noch nicht in Angst und Schrecken versetzt haben. Darin liegt genau die Chance für den BSV: Mit Einstellung, Engagement und teils Fußball-Klasse wie gegen Jeddeloh könnte Kickers auch in Norderstedt den Gastgeber und die Liga überraschen. Dann muss aber vieles stimmen.Tipp
Vielleicht kann das Kickers-Team seinen Trainer nachträglich mit Punkten zum 57. Geburtstag beschenken. Stefan Emmerling tritt Freitagabend nach dem Training jedenfalls in Vorleistung, lud Mannschaft, Funktionsteam, Vorstand und einige Jugendtrainer zum Currywurstessen und zu Kaltgetränken ins Clubheim ein.