Im Interview  Milva Iderhoff erste Vorsitzende der Krummhörner Landwirte

| | 21.02.2023 19:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Milva Iderhoff (von links) ist die neue Vorsitzende des Zweigvereins Krummhörn des Landwirtschaftlichen Hauptvereins Ostfriesland. Zum Vorstand gehören außerdem Marten Hiemstra, Gerd Saathoff, Gerd-Udo Heikens und Jacco van Stee. Foto: Wagenaar
Milva Iderhoff (von links) ist die neue Vorsitzende des Zweigvereins Krummhörn des Landwirtschaftlichen Hauptvereins Ostfriesland. Zum Vorstand gehören außerdem Marten Hiemstra, Gerd Saathoff, Gerd-Udo Heikens und Jacco van Stee. Foto: Wagenaar
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Die 44-jährige meinungsstarke Pewsumerin Milva Iderhoff wurde zur Vorsitzenden des Zweigvereins Krummhörn des LHV Ostfriesland gewählt. Im Interview spricht sie über ihre Ziele.

Pewsum/Krummhörn - Wer in der Krummhörn mit Landwirtschaft zu tun hat, kennt sie wahrscheinlich: die Landwirtin Milva Iderhoff. Die 44-Jährige ist, im positiven Wortsinn, streitbar: Sie setzt sich gerne, oft und stark für die Landwirtschaft ein. Und das nun auch mit einem entsprechenden Posten.

Die Pewsumerin wurde nämlich zur Vorsitzenden des Zweigverbands Krummhörn des Landwirtschaftlichen Hauptvereins Ostfriesland (LHV) gewählt – und ist damit neben LHV-Geschäftsführerin Maren Ziegler die einzige Frau in den oberen Reihen des Hauptvereins. Dem Vorstand des Zweigvereins gehören außerdem noch an: Der ehemalige Vorsitzende Gerd-Udo Heikens, Gerd Saathoff, Marten Hiemstra und Jacco van Stee.

2011 hat Iderhoff den landwirtschaftlichen Betrieb mit seinen rund 180 Hektar in Pewsum übernommen. Studiert hat sie Landwirtschaft in Göttingen.

Frau Iderhoff, Sie sind die einzige Frau unter den Zweigverbandsvorsitzenden. Wie kam es dazu und ist das überhaupt etwas Besonderes?

Milva Iderhoff: Als ich gefragt wurde, ob ich die Nachfolge von Gerd-Udo Heikens als Vorsitzende antreten will, ist mir auf der Internetseite des Landwirtschaftlichen Hauptvereins das erste Mal aufgefallen, dass ich dann die einzige und auch erste Frau in dieser Position wäre. Das fanden dann einige ziemlich gut, weil die Krummhörn schon immer in der Verbandsgeschichte etwas anders war, immer etwas lauter. Aber dass ich eine Frau bin, war nicht der Grund. Frauen in der Landwirtschaft sind nicht mehr exotisch, es war klar, dass das irgendwann kommt.

Was macht eine Zweigverbands-Vorsitzende eigentlich?

Iderhoff: Der Landwirtschaftliche Hauptverein ist die größte politische Interessenvertretung der Landwirte in Ostfriesland. Die Zweigvereine haben vor allem die Aufgabe, bei Entscheidungen in der Gemeinde mitzureden. Da wird man einbezogen oder man sagt auch ungefragt etwas, zum Beispiel bei Ratssitzungen. Aber im Endeffekt geht es dann auch über die Gemeinde hinaus, wenn es um landwirtschaftliche Themen geht. Da muss ich mich auch noch fortbilden, ich halte ja zum Beispiel keine Tiere. Deswegen habe ich mich bei Tierfragen immer rausgehalten, aber das muss und werde ich jetzt ändern.

Klingt nach einem hohen Zeitaufwand...

Iderhoff: Deswegen war meine Antwort auch erst: Nein, ich kann das nicht machen. Ich bewirtschafte meinen Hof fast ohne Hilfe, habe drei Kinder, bin Geschäftsführerin der Erzeugergemeinschaft. Gerd-Udo Heikens hat da gute Überzeugungsarbeit geleistet. Es war auch irgendwie naheliegend, mich zu fragen: Ich habe mich immer eingemischt, habe ihn immer wieder unterstützt und auch gesagt, wenn wir hinter Themen hinterher mussten. Streng genommen fehlte mir nur die Legitimation. Irgendwann kommt der Punkt, da muss man auch Verantwortung übernehmen.Also habe ich gesagt: Okay, ich mache es.

Wie ist es denn gerade für die Landwirte?

Iderhoff: Es knallt gerade von allen Seiten. Es ist einfach zu viel. Aus Brüssel, aus Berlin, aus Hannover kommen immer neue Sachen. Und wenn dann niemand sich kümmert, dann kommen wir nicht weiter. Ich hoffe, dass das Einmischen, was ich immer getan habe, jetzt einfach Struktur und Legitimation bekommt. Das wird für mich auch ein sehr großer Lernprozess. Ich kann nicht mehr emotional nur von mir sprechen.

Es klingt, als wäre es gerade sehr schwierig, Landwirt zu sein.

Iderhoff: Das würde ich mit drei Ebenen beantworten. Das Emotionale, das Ökonomische, das Drumherum. Emotional: Wir haben einen tollen Beruf. Sonst würden wir, würde ich das nicht machen und auch nicht verteidigen. Wir haben auch einen wichtigen Beruf, wir sichern die Ernährung.

Ökonomisch sind wir gerade in einer Zeit, in der wir ein gutes Jahr hinter uns haben. Die Schweinehaltung nehme ich da explizit raus, die ist in einem extremen Strukturbruch. Es ist gut, dass die meisten Landwirte ein gutes Jahr hatten, das war auch schon anders. Aber wir haben natürlich steigende Kosten.

Und das Drumherum?

Iderhoff: Wir haben in Brüssel eine ganz schwierige GAP-Verhandlung hinter uns [GAP = Gemeinsame Agrarpolitik; Anmerkung der Redaktion] hinter uns. Die ist auch noch nicht abgeschlossen. Wir konnten vieles abwenden, aber es sind noch ganz viele Fragezeichen da – obwohl wir schon vieles auf dem Acker umsetzen müssen, ohne dass es Gesetze und Verordnungen gibt. Brüssel, Berlin, Hannover: Alle machen ihre eigenen Gesetze und Verordnungen. Aber die passen nicht zusammen. Wir haben den Niedersächsischen Weg, aber der passt weder zum Insektenschutzprogramm aus Berlin noch zur GAP, wobei die GAP freiwillig ist, da muss nicht beigetreten werden. In Brüssel kennt man vieles nicht, was für uns in Ostfriesland wichtig ist.

Welche Folgen hat diese „Unkenntnis“ aus Ihrer Sicht?

Iderhoff: Es wird versucht, Entscheidungen herbeizuführen, die nicht auf die heterogene Landwirtschaft passen. Manches kann für mich und meinen Hof gut sein, während es für den nächsten Landwirt völlig falsch ist, weil der mit einem anderen Boden arbeitet. Nehmen wir Gülle fahren über Frost: Den Landwirten, die ihre Fläche auf Sand haben, ist das egal. Aber für mich auf Marschboden? Es wäre für mich viel einfacher auf angefrorenem Boden als auf dem angetauten, matschigen Boden. Aber diese Unterschiede kennt Brüssel nicht. Jeder Landwirt organisiert seinen Betrieb anders und hat andere Voraussetzungen. Gerade droht aus Brüssel ein komplettes Verbot von Pflanzenschutzmitteln in Schutzgebieten. Wenn das folgt, können wir hier die Segel streichen!

Wie stehen Sie persönlich denn zu Veränderungen im Allgemeinen?

Iderhoff: Ich stelle mich nicht gegen Veränderungen. Ich will nicht an Altem festhalten, wir verändern uns ständig. Auch dieser Betrieb sieht nicht mehr so aus wie der, den mein Vater mir übergeben hat. Es wird oft so getan, als würden wir Landwirte uns immer gegen Veränderungen wehren. Aber nicht alle Entscheidungen lassen sich wirklich umsetzen. Und dann kommt hinzu: Wenn wir uns verändern, was wir laufend tun, wird das nie anerkannt. Immer Bauern-Bashing, immer die gleichen Erzählungen.

Welche Prioritäten setzen Sie für Ihre Arbeit im Zweigverein?

Iderhoff: Intern möchte ich erstmal den Kontakt zur Landjugend stärken. Wir haben da eine große Lücke, wenn es darum geht, den Übergang von der Landjugend hin zur weiteren Interessenvertretung zu gestalten – und wir haben eine wirklich tolle Landjugend. Weitere Prioritäten werden die Themen Windenergie, die Umsetzung Niedersächsischer Weg, die Wirtschaftswege, das Gänseproblem, die Moorschutzstrategie des Landes und das Thema Wolf.

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