Totgesagte leben länger  Postkarten – macht das überhaupt noch einer?

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Von Vera Vogt
| 07.03.2023 18:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Gudrun Bruns ist Mitarbeiterin der Tourist-Info Leer. Foto: Ortgies
Gudrun Bruns ist Mitarbeiterin der Tourist-Info Leer. Foto: Ortgies
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Blutrote Sonnenuntergänge, Schafe auf’m Deich: Schöne Motive gibt es im Rheiderland und umzu genug, die zur Postkarte taugen. Aber will die überhaupt noch wer?

Rheiderland - In der vergangenen Woche leuchtete der Himmel über dem Rheiderland und anderen Teilen des Kreises Leer blutrot. Wunderschön. Locker schön genug für eine Postkarte. Genauso die Kutter in Ditzum, der Alte Hafen in Weener, das Rathaus in Leer, die Mühle im Wynhamster Kolk und und und. Das finden nicht nur die Einheimischen, sondern auch die Touristen und Tagesgäste. So meldete sich eine Ferienwohnungs-Vermieterin bei der Redaktion. Sie suchte verzweifelt nach neuen Exemplaren, denn ihr „Altbestand“, wie sie es nannte, war weggeschmolzen und ihre Gäste wollten so gern Rheiderländer Motive haben.

Was und warum

Darum geht es: „Schöne Grüße aus dem Rheiderland“: Wo kriegt man dann Postkarten? Das fragte uns eine Dame, die in Weener eine Ferienwohnung anbietet. Wir gingen der Frage nach, ob es sich bei der Postkarte um eine aussterbende Art handelt.

Vor allem interessant für: diejenigen, die gern noch zum Stift greifen

Deshalb berichten wir: Die Urlaubssaison geht bald los.

Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de

Also haben auch wir uns auf die Suche gemacht. Sicherlich ist die Ferienhaus-Betreiberin nicht die einzige, die Postkarten schätzt. „Das ist so. Die Postkarten laufen sehr gut“, erklärt eine Mitarbeiterin der Touristinformation Weener. Allerdings warte man derzeit auf eine neue Fuhre. „Es sind Neuauflagen geplant. Es kommen neue Motive aus Ditzum oder Weener. Collagen aus dem Rheiderland“, sagt sie. Sie werde von Kunden derzeit auch nach Karten gefragt.

Die Konkurrenz aus dem Digitalen

Genauso geht es Gunnar Blank. Er leitet die Edeka-Märkte in Jemgum, Ditzum und Leer. Bei ihm ist allerdings kein Nachschub in Sicht, denn der Verlag, der ihn belieferte, macht keine Karten mehr. „Wir hatten Postkarten, aber wir kommen derzeit nicht wirklich an welche heran“, sagt er. Gerade die klassischen Ansichtskarten mit Motiven aus der Region seien nachgefragt. „Wir haben im Betrieb kürzlich noch drüber geredet, dass es nicht so einfach ist, welche zu kriegen“, sagt er. Das sei natürlich schade, wenn der Enkel der Oma eine Karte schicken möchte, aber keine bekomme.

Fotogene Lämmchen wie dieses können locker auf eine Postkarte. Foto: Kiefer/Archiv
Fotogene Lämmchen wie dieses können locker auf eine Postkarte. Foto: Kiefer/Archiv

Die Nachfrage nach Postkarten ist kein Rheiderländer Phänomen. „Viele Gäste suchen noch immer nach einem Andenken. Und die Postkarte ist weiter sehr beliebt“, bestätigt Kurt Radtke, Geschäftsführer der Tourismus-Gesellschaft Südliches Ostfriesland. Es gehe natürlich schnell, ein Foto mit dem Smartphone zu verschicken, ein kleiner Gruß dazu und fertig: „Es ist allerdings weitaus langlebiger, wenn man eine Postkarte mitnehmen und daheim selber aufhängen kann. In der Flut der Fotos kann der Urlaub schneller in Vergessenheit geraten“, so Radtke. So sähen das auch viele Gäste. In der Tourist-Info in Leer wurden so im vergangenen Jahr mehr als 1440 Postkarten verkauft. Viele mit Briefmarken. „Die werden weiter ganz klassisch verschickt. Das kommt immer noch gut an, es ist sehr persönlich“, sagt er.

Kreativer und persönlicher

„Es ist nach wie vor eine sehr gute Werbung für die jeweilige Region“, sagt Radtke. Andenken und Karten liefen an sich gut, aber: „Das Format der Postkarte ist einfach eine gute Sache: handlich und praktisch. Deshalb werden auch andere Dinge damit beworben“, sagt er. Die Postkarte habe trotz der Digitalisierung ihren Stellenwert behalten. „Und sie wird wohl auch weiter ein Teil der Medienlandschaft bleiben.“

Die Mühle im Wynhamster Kolk ist beliebt für Ausflüge und Fotos. Foto: Ortgies/Archiv
Die Mühle im Wynhamster Kolk ist beliebt für Ausflüge und Fotos. Foto: Ortgies/Archiv

Die Geschichte der Postkarte reicht weit zurück: Die Einführung der „Correspondenzkarte“ im Juli 1870 gilt als Geburtsstunde der Postkarte in Deutschland, teilt die Deutsche Post mit. In Zeiten von WhatsApp und Co., sei die Postkarte immer noch ein beliebtes Kommunikationsmedium für Urlaubsgrüße, Glückwünsche, Danksagungen sowie humorvolle aber auch aufmunternde Botschaften: „Allein 2019 hat die Deutsche Post rund 147 Millionen Postkarten befördert.“ Und nach wie vor gelte: Urlaubszeit ist Postkartenzeit. „Einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom aus dem letzten Jahr zufolge schreibt mehr als jede(r) Zweite (55 Prozent) im Urlaub eine Postkarte oder einen Brief an die Daheimgebliebenen“, so die Post. Dabei kämen die meisten Ansichtskarten nach eigenen Erhebungen der Deutschen Post aus Italien, gefolgt von Frankreich, Österreich, Spanien und der Türkei. Auch aus dem Rheiderland werden sicherlich wieder welche verschickt.

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