OZ-Serie „Nachgezählt“ Museen Weißer Elefant trifft Schützenpapagei
Wer das Ostfriesische Landesmuseum in Emden besucht, kann vom Schwert über Gemälde und weiße Elefanten alles sehen. Auch Dinge, um die es lange erschreckend still war.
Emden - Concordia res parvae crescunt, zu deutsch: Durch Eintracht wachsen kleine Dinge. Das steht in goldenen Lettern über dem einstigen Hauptportal des Rathauses am Delft in Emden. Dieser Wahlspruch Emdens stand dort seit 1576. Auf 2880 Quadratmetern ist etwas gewachsen, das alles andere als klein ist. Es geht in der Dauerausstellung des Ostfriesischen Landesmuseums um die großen Themen: Leben, Taufe, Tod, Recht, Freiheit, Kampf.
Es ist kaum möglich, in wenigen Sätzen zu erklären, was die Besucherinnen und Besucher im Landesmuseum erwartet. Wie auch? Das Ostfriesische Landesmuseum Emden ist das kultur-, kunst- und landesgeschichtliche Museum Ostfrieslands. Aber eben auch ein europäisches Regionalmuseum. Emden, Ostfriesland, Europa – zehntausende Objekte. Darunter teils 30 Kilo schwere Rüstungen, ein Olifant und nicht nur ein Papagei – aber dazu später mehr.
Sechs Bürger und ein Traum
Angefangen hat alles mit sechs Emdern. Sie haben am 26. März 1820 die „Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer zu Emden“ gegründet. Sie wollten Schätze aus Privathaushalten bewahren und ausstellen. Denn schon länger wurden ostfriesische Kulturgüter ohne Rücksicht auf Verluste in andere Regionen verkauft. 1832 und 1833 richtete der Verein eine öffentliche Bibliothek ein, 1869 wurden die Exponate zum ersten Mal dauerhaft ausgestellt. Der Grundstein für das spätere Landesmuseum.
So ist es die älteste museale Einrichtung in Ostfriesland. Zum Namen Landesmuseum kam sie aber erst 1934. Man schaffte es, fast den gesamten Bestand durch den Zweiten Weltkrieg zu retten, indem man ihn auslagerte. Das Rathaus wurde nach fast völliger Zerstörung durch die Luftangriffe auf Emden wieder aufgebaut.
Rüstungskammer außer Konkurrenz
Die Wiedereröffnung erfolgte am 6. September 1962 – genau 18 Jahre nach der Zerstörung. Die Bestände der „Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer“ wurden mit jenen der Stadt Emden zusammengeführt und seither ausgestellt – bis heute.
Darunter sind nun also auch die Rüstungen, der Olifant und die Papageien. Von vorn: Es gibt nicht nur einige Rüstungen, Schwerter und Musketen. Emdens Rüstkammer ist in Norddeutschland einzigartig: Stadtordnungen belegen seit 1562 das Bestehen eines Waffenarsenals für die Ausrüstung von Bürgerwehren und Stadtsöldnern. 1582 fand es seinen Platz unter dem Dach des neuen Rathauses am Delft. Unter den Stücken ist ein Trabharnisch von 1570 bis 1600, der fast 30 Kilo wiegt. Die Rüstung gehört zu den aufwendigeren, die den Emdern quasi auf den Leib geschneidert – oder besser gefertigt wurden. Es gab ebenfalls die Rüstung von der Stange.
Papagei und Olifant
Ähnlich silbrig kommt auch ein Papagei – oder Sittich – daher. „Schützenpapagei“ heißt das Tierchen. Es stammt aus der Zeit um 1550. Der Schützenkönig bekam das edle Federvieh als Trophäe. Viel mehr weiß man nicht über ihn.
Anders ist das bei einem anderen tierischen Bewohner des Museums: Der Olifant. „De witte Olifant“, um genau zu sein, also „der weiße Elefant“ also. Er ziert einen Hausstein aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Ohne Hausnummern und Co. sollten sie einst verraten, was in den Häusern los war. Der witte Olifant war das Markenzeichen des Tabakhändlers Thomas Payne. Man munkelt übrigens, dass der kleine Otto Waalkes vielleicht beim Anblick des Olifanten eine Inspiration abgespeichert hat, durch die er später auf den Ottifanten kam. Wer weiß.
Ohrenbetäubende Stille
Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen Esterrollen (hebr. „Megillat Ester“). Sie liegen in einer Glasvitrine. Die Rollen werden zum Purims-Fest verlesen – eigentlich. Weil eine Esterrolle ein rituell genutzter Gegenstand in der Synagoge ist, muss man davon ausgehen, dass es sich um Raubkunst handelt. Ein Sofer, also ein Spezialist für kunstvolles Schreiben religiöser Texte im Judentum, hat die nun ausgestellte Esterrolle im August 2021 begutachtet. Nur eine kann noch ausgerollt werden, die andere würde das wohl nicht unbeschadet überstehen. Durch ihr Dasein in der Sammlung des Museums ist der konservatorische Zustand nicht gut. Im Normalfall werden die Rollen, wenn sie nicht mehr koscher sind, auf einem jüdischen Friedhof begraben. Um die Emder Esterrollen wurde es still. Ohrenbetäubend still. Das ändert sich mit der Ausstellung, aber das soll nicht alles sein: Es werden Bürgerinnen und Bürger gesucht, die mitwirken wollen, einen adäquaten Umgang mit den Stücken zu finden.
Drei Fragen an...
Frage: Frau Alley, was verbindet Sie mit dem Museum?
Jasmin Alley: Es ist meine Arbeitswelt. Ich bin seit dem 1. Dezember 2021 die Leiterin. Die Stellenausschreibung klang sehr ansprechend. Ich dachte mir sofort, dass es eine Stelle ist, auf die ich Lust habe.
Frage: Und, hat sich der Eindruck bestätigt?
Alley: Ja, auf jeden Fall. Es gibt sehr viele schöne Aspekte an der Arbeit und auch am Museum. Wenn ich ein bestimmtes Detail nennen müsste, würde mir der Turm einfallen. Gerade, wenn man denkt, „puh“, es wird einem zu viel, ist es ein wunderbarer Perspektivwechsel. Der Blick von oben lässt die Dinge anders erscheinen.
Frage: Gibt es Pläne für die Zukunft des Landesmuseums?
Alley: Ja. Als Museum kann man nicht so tun, als ob man eine neutrale Welterklärungs-Maschine wäre. Wenn wir etwas in die Sammlung aufnehmen, ordnen wir es ein. Das ist eine machtvolle Position. Dem müssen wir Rechnung tragen und es sichtbar machen. Ein Museum gehört mitten in die Gesellschaft und darf niemanden ausschließen. Wir müssen uns den Bürgerinnen und Bürgern öffnen. Müssen zum Ort für viele Menschen werden, weil sie sich wiederfinden, Fragen haben, mitdiskutieren und etwas beitragen wollen.