Bauboom im Rheiderland ist zu Ende Für manche Familie platzt der Traum vom Eigenheim
Kreditzinsen schnellen in die Höhe, Kosten für Bauplätze und das Bauen selbst steigen. Da platzt so mancher Traum vom Eigenheim. Wir haben gefragt, wie Kommunen auf das Ende des Baubooms reagieren.
Rheiderland - Der Frust in Jemgum sitzt bei einigen offenbar tief. „Zutritt verboten! Baugebiet nur für Wohlhabende und Banken. Arme und junge Familien haften für ihre Kinder“, steht auf dem Schild am Toten Weg. Dort haben gerade die Erschließungsarbeiten für das Neubaugebiet begonnen. Bei einem Quadratmeterpreis von etwa 140 Euro ist der Traum vom Eigenheim angesichts hoher Zinsen, extrem gestiegener Baupreise und Lebenshaltungskosten für viele junge Familien in weite Ferne gerückt, wenn nicht gar geplatzt.
Was und warum
Darum geht es: Preise für Grundstücke und Baukosten steigen, Zinsen zur Finanzierung des Eigenheims haben sich verdoppelt. Für viele platzt der Traum vom Eigenheim.
Vor allem interessant für: alle, die ein Haus bauen möchten oder sich das jetzt abgeschminkt haben
Deshalb berichten wir: Die Kommunen bekommen das Ende des Baubooms zu spüren und reagieren. Die Autorin erreichen Sie unter: t.gettkowski@zgo.de
Das Schild wurde inzwischen von der Absperrbake entfernt. Erschlossen und vermarktet werden die Bauplätze in Jemgum und Ditzum von der Grundstücks- und Projektmanagementgesellschaft (GPL), die zur Sparkasse Leer/Wittmund gehört. Doch wie dramatisch ist die Lage wirklich? Müssen Erschließungsträger wie die GPL angesichts der Preisentwicklung fürchten, auf den Bauplätzen sitzenzubleiben? „Das wohl nicht, aber der Verkauf wird länger dauern und es wird Zeit brauchen, bis sich die Baugebiete füllen“, so die Prognose von GPL-Projektmanager Rolf Brauner. Die Frist, in der die Grundstücke bebaut werden müssen, wurde mit Rücksicht auf die Entwicklung in der Gemeinde Jemgum von zwei auf fünf Jahre verlängert.
Stadt Weener zieht Konsequenzen
Die schwierige Situation spürt man auch in der Stadt Weener. „Der Bauboom ist vorbei“, lautete die nüchterne Bilanz von Bauamtsleiter Andreas Sinningen in der jüngsten Sitzung des Bauausschusses. Die Stadt zieht daraus ihre Konsequenzen: Sie verabschiedet sich aus der Entwicklung neuer Baugebiete. Stattdessen könnten Baulücken gefüllt werden. Laut Sinningen gibt es in Weener 179 unbebaute Grundstücke, 72 davon allein im Innenstadtbereich. Die kann die Stadt aber nicht aktiv bewerben, weil sie sich in Privatbesitz befinden. Doch auch bei Baulücken sei das Bauinteresse nach Feststellung der Verwaltung geringer als angenommen. Die Stadt Weener hatte unlängst drei schwach frequentierte Spielplätze aufgelöst und als Baugrundstücke angeboten. „Wir haben bislang erst eine einzige Anfrage erhalten“, berichtete der Bauamtsleiter.
Hoffnung setzt der Verwaltungschef, Bürgermeister Heiko Abbas, auf Bauprojekte im Altbaubestand. Ein Beispiel ist das Vorhaben der Nordbau GmbH Wouter de Bruin und Johannes Voorma in der Westerstraße. Die beiden planen dort den Abriss der alten Wohn- und Geschäftshäuser. Sie haben vor, die Altbauten durch ein neues Mehrparteienhaus zu ersetzen. Abbas geht davon aus, dass die künftige Entwicklung dahin geht, dass Investoren verstärkt Mehrparteienhäuser und Doppelhaushälften anbieten werden.
Umdenken in Jemgum
In der Gemeinde Jemgum werden die Pläne für die beiden neuen Baugebiete in Ditzum und Jemgum aufgrund der Entwicklungen angepasst. Die Politik hat ganz aktuell beschlossen, in beiden Baugebieten auch Mehrfamilienhäuser zuzulassen. „Ich will da nicht von einem Trend sprechen, aber für solche Wohnungen gibt es eine große Nachfrage“, so Bürgermeister Hans-Peter Heikens. Die Nachfrage von Einheimischen nach Bauplätzen in Ditzum sei gut. „In Jemgum hätte ich mir mehr gewünscht, aber auch da gibt es Menschen aus unserer Gemeinde, die trotz aller Widrigkeiten Grundstücke kaufen und Häuser bauen wollen.“
Wo die Entwicklung mittelfristig hingehe, sei nach Einschätzung von GPL-Projektmanager Rolf Brauner schwer zu sagen. „Eine Prognose über die Marktsituation abzugeben ist von so vielen Faktoren abhängig, das wäre ein Blick in die Glaskugel“, sagt Brauner. Die GPL werde dennoch weiterhin Baugebiete erschließen. Als Beispiel nennt Brauner ein Projekt in Leerhafe im Landkreis Wittmund.
Auch dort seien durch Planänderungen nun Mehrfamilienhäuser ermöglicht worden. Neben der Feuerwehr sind in der Siedlung außerdem ein neues Feuerwehrgebäude und eine Pflegeeinrichtung geplant.
Optimismus in Bunde
„Der Bedarf nach Bauplätzen wird wiederkommen“, ist Uwe Sap, Bürgermeister von Bunde, überzeugt. Die Gemeinde werde die Entwicklung abwarten und auch weiterhin Baugebiete entwickeln, wie derzeit in Wymeer und Bunde. „Auch ein Aufstellungsbeschluss für die Erweiterung des Baugebiets in Ditzumerverlaat wurde gefasst“, so Sap.