„Heimpulen“ verboten Der Weg der Krabbe – aus der Nordsee nach Marokko und wieder zurück
Wenn in Ostfriesland Nordseekrabben auf dem Teller landen, haben diese mitunter schon einen langen Weg hinter sich. Denn nur der kleinste, und dann auch teuerste Teil, der Krabben wird hier gepult.
Greetsiel/Norddeutschland - „Also 5 Euro ist günstig“, sagt der Kollege auf die Frage, was denn gerade so ein Krabbenbrötchen kostet. Um die 6 Euro sei aber auch noch normal. 100 Gramm abgepackte und gepulte Nordseekrabben kosten aktuell bei Combi 4,49 Euro (Marke: Küstengold). Der Kilopreis liegt entsprechend bei 44,90 Euro. Das geht auch höher, im Online-Handel finden sich Kilopreise von 80 Euro und mehr. Aber der Preis schwankt, abhängig von vielen Faktoren.
Was und warum
Darum geht es: In Marokko werden Krabben für 1,50 Euro Mindestlohn gepult (wenn denn Mindestlohn gezahlt wird).
Vor allem interessant für: diejenigen, die die aktuelle Diskussion um die Zukunft der Krabbenfischerei verfolgen – und diejenigen, die gerne Krabben(brötchen) essen.
Deshalb berichten wir: Wir beleuchten verschiedene Aspekte der hiesigen Krabbenfischerei. Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de
Nur eine Konstante, von Engpässen während der Corona-Pandemie mal abgesehen, bleibt: Die Nordseegarnelen (oder auch: Krabben, Granat, Nordseekrabben) haben einen weiten Weg hinter sich, bevor sie gepult und verzehrbereit im Kühlregal oder auf dem Krabbenbrötchen landen. Die meisten der entlang der Nordseeküste gefangenen Nordseekrabben werden in Marokko gepult, also von ihrer Schale befreit.
Von Greetsiel in die Niederlande und dann nach Marokko
In der Nordsee leben die Tiere in der Nähe des Meeresgrundes, sie werden mit Grundschleppnetzen gefangen, an Bord lebendig gekocht und von den Krabbenfischern an Land gebracht. Früher wurde der ungepulte Granat verkauft und Zuhause gepult oder von den Frauen der Fischer gepult und dann verkauft. Seit den 1990er-Jahren ist das „Heimpulen“ verboten.
Guter Rat war teuer, die Nordseegarnelen in Kühllaster zu laden, rund 3000 Kilometer nach Marokko, einem Staat im nordwestlichen Afrika, zu fahren, war billiger. Auf dem Weg kommen die gekühlten Krabben dem Wasser noch einmal nahe, bei der Überfahrt über die Straße von Gibraltar. In Marokko werden sie dann gepult. Der Markt wird dominiert von zwei niederländischen Unternehmen und Großhändlern: Klaas Puul und Heiploeg. Klaas Puul hat eine „Schälstation“ in Tanger, Heiploeg eine in Tétouan. Heiploeg beschreibt die Arbeit in der Schälstation auf der firmeneigenen Internetseite so: „Bei der Ankunft in Marokko werden die Garnelen entladen und vor dem Schälen bei einer Temperatur von 0°C gehalten. Das Schälen erfolgt in großen klimatisierten Räumen durch insgesamt etwa 2.500 Personen, meist Frauen, unter gut kontrollierten Bedingungen. Die Schälräume werden kühl gehalten. Alle Mitarbeiter tragen Handschuhe, Haarnetze und Mundschutz, um eine Verunreinigung der Garnelen zu vermeiden.“
Günstiger als Deutschland oder Polen
Nach dem Schälen wird das Nordseegarnelenfleisch wieder rund 3000 Kilometer mit dem Lkw zurück in die Niederlande oder zu den hiesigen Fischfabriken transportiert. Über den Einzelhandel, Restaurants und Imbisse landen die Krabben dann auf Tellern oder Brötchen und schlussendlich in den Mägen der Menschen.
Das alles ist billiger als Schälkräfte in Deutschland anzustellen. Das alles ist billiger, als alle Nordseekrabben in Polen pulen zu lassen. Das passiert im Nachbarland zwar schon, aber nur zu einem kleinen Teil. Auch in Deutschland wird noch gepult, im Regal oder auf dem Teller heißt das dann zum Beispiel „Premium-Krabbe“ und kostet deutlich mehr. Das Unternehmen de Beer in Greetsiel lasse, so hieß es 2020, beispielsweise wöchentlich etwa 200 Kilo Krabben von Hand schälen.
1 Kilo Krabbenfleisch = 3 Kilo Nordseekrabben
Die Landwirtschaftskammer Niedersachsen hat 2015 in einer Studie grundlegende Zahlen zu den Verarbeitungskosten von Nordseegarnelen zusammengetragen. „Die Schälkosten werden heute für Marokko mit 4,50 Euro/kg Krabbenfleisch und für Polen mit 7,50 Euro/kg Krabbenfleisch angegeben“, hieß es vor nunmehr rund acht Jahren. Für Deutschland, mit damaligen Mindestlohnniveau und damaligen Nebenkosten, nahm man Schälkosten von rund 10 bis 21 Euro pro Stunde an, je nach Schälleistung.
Die Fangmengen schwanken Jahr für Jahr stark und damit auch die Fischer- oder Erzeugerpreise. Also das Geld, was die Krabbenfischer von den Erstabnehmern ausgezahlt bekommen. 2019 war die Rede davon, dass aufgrund geringer Fangmengen eigentlich ein Fischerpreis von fünf bis sechs Euro gezahlt werden müsste, damit die Fischer über die Runden kommen. Tatsächlich lag der Preis im Schnitt bei 2,89 Euro, 2018 habe er bei durchschnittlich rund 4,50 Euro gelegen, hieß es. 2017 lag der Erzeugerpreis aber auch schon bei mehr als 11 Euro.
Zum Vergleich: 2015 schrieb die Landwirtschaftskammer Niedersachsen, dass „in Fischereikreisen [...] von einem erforderlichen durchschnittlichen Mindestpreis von 3 Euro pro Jahr ausgegangen“ werde, um rentabel wirtschaften zu können. Die Fangmengen in hiesigen Häfen (Greetsiel: 878 Tonnen in 2021) darf man übrigens nicht mit dem Krabbenfleisch-Ertrag gleichsetzen. „Für eine Ausbeute von 1 kg Krabbenfleisch werden 3 kg ganze Krabben in Schale benötigt“, so die Landwirtschaftskammer 2015.
Billiglohnland Marokko: Schuften für 1,50 Euro pro Stunde
Rentabel scheint der Weg über Marokko für die Großhändler dennoch zu sein, trotz steigender Transportkosten. Zudem hat auch Marokko einen Mindestlohn, der sogar in diesem Jahr erneut angehoben werden soll. Aktuell schreibt die Deutsche Industrie- und Handelskammer in Marokko auf ihrer Internetseite, dass der Mindestlohn bei 297 US-Dollar im Monat liege – oder umgerechnet um die 273 Euro pro Monat. Allerdings beträgt die Wochenarbeitszeit in Marokko auch oftmals 44 Stunden. Umgerechnet also ein Stundenlohn von rund 1,50 Euro. Wobei sich im Internet auch niedrigere Stundenlohnberechnungen finden.
Ob den Mitarbeitern beim Krabbenpulen Mindestlohn oder mehr gezahlt wird? Unbekannt. Zumindest 2012 war dem nicht so, damals streikten die Schälerinnen in Marokko und organisierten sich sogar gewerkschaftlich. Bezahlt wurden sie nämlich nicht nach Stunden, sondern nach Kilo, hieß es in Medienberichten. Die Lohnkosten, davon kann ausgegangen werden, sind zumindest nicht für die schwankenden Endverbraucherpreise verantwortlich.
Hoffnung liegt auf Ultraschall
Die langen Transportwege stehen seit Jahren immer wieder in der Kritik, vor allem durch Umweltverbände. Aber auch den Fischern wäre es lieber, wenn wieder vor Ort gepult werden kann. entsprechend viel Hoffnung wird auf die mit Ultraschall funktionierende Krabbenpulmaschine gesetzt, die gerade entwickelt wird.
Bislang scheiterten die Versuche, Krabben in großem Stil mit Maschinen zu schälen. Grund dafür sind vor allem die unterschiedlichen Größen der an sich schon sehr kleinen Tiere. Auch das Land Niedersachsen hat in der Vergangenheit immer wieder hohe Fördersummen in schlussendlich erfolglose Maschinenversuche investiert.