Seelen, Engel und Dämonen  Diese Wilhelmshavenerin verkauft „besessene Puppen“

| | 04.04.2023 16:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Antonia fühlt sich inmitten ihrer Puppen-Familie wohl. Foto: Ortgies
Antonia fühlt sich inmitten ihrer Puppen-Familie wohl. Foto: Ortgies
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Antonia lebt mit ihrem Freund in Wilhelmshaven. Die Wohnung teilen sich die beiden nicht nur mit ihren Haustieren – sondern auch mit fast 20 Puppen, die besessen sein sollen. Wir haben sie besucht.

Wilhelmshaven - Birte soll im Jahr 1991 mit gerade einmal 14 Jahren an Krebs gestorben sein. Als „sehr lieb, warmherzig und geduldig“ wird sie beschrieben – in einer Kleinanzeige im Internet. Sie solle zur Adoption freigegeben werden, heißt es in dem kurzen Text der Anzeige. 50 Euro möchte die Anbieterin aus Wilhelmshaven, die sich im Internet Toni nennt, für Birte haben. Angeboten wird dort kein toter Mensch, und um einen Scherz handelt es sich auch nicht: Toni verkauft im Internet Puppen. Und sie glaubt fest daran, dass sie besessen seien – von Seelen verstorbener Menschen, von Engeln oder von Dämonen.

Auf die Frage, ob sie bereit wäre, mit der Redaktion über das Thema zu sprechen, schreibt sie: „Ja klar, gerne.“ Also besuchen wir sie in der Wohnung, in der sie mit ihrem Freund lebt, und erfahren dort, dass Toni Anfang 20 ist und eigentlich Antonia heißt. Ihren Nachnamen möchte sie im Internet und in der Zeitung nicht lesen – zu negativ behaftet sei alles Paranormale in der Gesellschaft. Die Menschen, die sich mit solchen Themen beschäftigen, würden schnell verurteilt. Auch ihr Freund habe anfangs nicht an die Dinge geglaubt, die sie erlebt habe und an deren Existenz sie glaube. Aber nach und nach ändere sich das.

Latzhosen und Kleider, Mützen, Schleifen und Hüte

Die Wohnung ist nicht mit okkulten Symbolen verziert, sondern eben eine ganz normale Wohnung: kleine Küche, Wohnzimmer, Fernseher, Spielekonsolen, Sofa – aber auf dem reihen sich jede Menge Puppen aneinander. Jungen und Mädchen aus Porzellan und Plastik starren den Besucher mit ihren toten Augen an. Auf manchen Gesichtern deutet sich ein Lächeln an, andere Puppen blicken mit neutralem Gesichtsausdruck ins Leere. Sie tragen Latzhosen und Kleider, Mützen, Schleifen und Hüte. Fast alle haben eine kleine Lampe an einem Band um ihren Hals hängen. Antonia sagt, das seien Ballonlichter. Und: „Damit können sie kommunizieren.“

Die vermeintliche Kommunikation läuft etwa über ein Ballonlicht oder ein sogenanntes EMF-Gerät, das elektromagnetische Felder messen soll. Foto: Ortgies
Die vermeintliche Kommunikation läuft etwa über ein Ballonlicht oder ein sogenanntes EMF-Gerät, das elektromagnetische Felder messen soll. Foto: Ortgies

Die kleinen LED-Lampen sind eigentlich dafür gemacht, um Ballons oder Lampions von innen zum Leuchten zu bringen – für Partys zum Beispiel. Angeschaltet werden sie, in dem die Basis der kleinen Leuchte gedreht wird. Die Knopfzellenbatterien bekommen so Kontakt mit der LED – und der Strom kann fließen. In der Szene der Haunted Dolls – also besessenen Puppen – werden die Lampen anders benutzt. „Ich drehe das Licht nur ganz knapp aus“, sagt Antonia. Ihrer Vorstellung nach überwinden dann die Seelen, Engel oder Dämonen den minimalen Widerstand von sich aus, um die Lampen zum Leuchten zu bringen und um so mit ihr zu kommunizieren.

Die Gestalt im Kinderzimmer

Eine andere Möglichkeit der vermeintlichen Kommunikation sind die Wünschelruten – Metallstäbe, die sich frei bewegen lassen und in die Hand genommen werden. Dass sich diese tatsächlich bewegen, erklären einige Wissenschaftler mit dem sogenannten Carpenter-Effekt: Er beschreibt das Phänomen, dass das Denken an eine bestimmte Bewegung tatsächlich Muskelreflexe auslösen kann, die sich auf die Wünschelrute übertragen. Die Forscher gehen also davon aus, dass die Bewegung der Wünschelruten nicht etwa von Seelen stammt, sondern – wenn mitunter auch unbewusst – vom Wünschelrutenhalter selbst.

Mit der Wünschelrute nimmt Antonia Kontakt zu den Seelen auf, die aus ihrer Sicht an den Puppen anhaften. Foto: Ortgies
Mit der Wünschelrute nimmt Antonia Kontakt zu den Seelen auf, die aus ihrer Sicht an den Puppen anhaften. Foto: Ortgies

Antonia ist anderer Meinung, sie glaubt an die Seelen, die Dämonen und Engel um sich herum. Erste Erfahrungen mit paranormalen Erscheinungen habe sie gemacht, nachdem sie als Kind mit ihrer Familie in ein neues Haus gezogen sei. Sie und ihr Bruder hätten mehrmals eine Gestalt in ihren Zimmern gesehen. Ihr Vater wiederum habe bemerkt, wie sich Gegenstände auf dem Wohnzimmertisch bewegt hätten. Später habe sie herausgefunden, dass sich vor dem Einzug der Familie ein Mann an einem Fleischerhaken im Keller des Hauses erhängt habe. Die Sache sei allerdings vertuscht worden, niemand spreche mehr darüber.

„Müssen uns als gläubige Christen nicht fürchten“

In der Presse sei der Todesfall nicht aufgegriffen worden, sagt Antonia. Die Nachbarn, die von etwas wüssten, seien tot oder weggezogen. Sie habe selbst versucht, Informationen über die Sache zu finden. Ihr Vater habe sich damals an einen Geistlichen gewandt, der habe der Familie geraten, das Haus auszuräuchern. Im Gespräch mit der Redaktion sagt der Pfarrer allerdings, er könne sich nicht daran erinnern. „Wenn ich mit solchen Anfragen konfrontiert werde, nehme ich die jeweilige Person ernst, sage ihr aber, dass wir uns als gläubige Christen nicht fürchten müssen“, erklärt er. In einem katholischen Haushalt hänge schließlich in der Regel ein Kreuz.

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Haunted Dolls: Geister suchen Puppen heim
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Auch nach ihrem Umzug nach Wilhelmshaven habe sie Paranormales erlebt, sagt Antonia. Bei ihrer Arbeit in einem Pflegeheim etwa und auch zu Hause: Ein böser Dämon habe ihre Wohnung heimgesucht, ihre Haustiere verängstigt und sogar einen Fressnapf zerspringen lassen. Auf eigene Faust habe sie ihn ausräuchern wollen – doch alles sei noch schlimmer geworden. Ein Medium – so nennen sich Menschen, die behaupten, Botschaften von übernatürlichen Wesen zu empfangen –, das sie auf der Internet-Plattform TikTok kennengelernt habe, habe ihr allerdings mit den richtigen Tipps helfen können. Und so sei sie auch auf die Puppen gekommen, sagt Antonia.

„Eine riesengroße Familie“

Zu jeder ihrer fast 20 Puppen kann die Sammlerin eine Geschichte erzählen: Ejke beispielsweise sei 1846 mit 24 Jahren in den Niederlanden gestorben. Das habe sie ihr mitgeteilt. Die Tode anderer ihrer Seelen seien noch nicht so lange her. Das Nachforschen ist allerdings schwierig: „Nachnamen wollen sie mir eigentlich nie nennen“, sagt Antonia. Auch konkrete Details, die beispielsweise anhand von Zeitungsarchiven oder Polizeiakten kontrolliert werden könnten, gäben die Präsenzen nicht preis. Was einen möglichen Verkauf angehe, seien sie aber kommunikativer: Ejke beispielsweise sei sehr wählerisch, was ein neues Zuhause angehe.

Mit vermeintlich besessenen Puppen beschäftigen sich Menschen auf der ganzen Welt – und schon seit langer Zeit. Eine der berühmtesten Puppen in der Szene ist Robert, eine Stoffpuppe aus den USA. Eine karibische Dienerin soll den kleinen Matrosen Anfang des 20. Jahrhunderts dem Sohn ihres Herren geschenkt haben – aus Rache für die schlechte Behandlung. Anschließend hätten sich unerklärliche Vorkommnisse gehäuft: Die Puppe soll gesprochen und gezwinkert, sich von Raum zu Raum bewegt und Möbel umgeworfen haben. Inzwischen ist die Puppe in einer Glasvitrine in einem Museum in Key West in Florida ausgestellt.

Die Puppen stellen Jungen und Mädchen dar. Foto: Ortgies
Die Puppen stellen Jungen und Mädchen dar. Foto: Ortgies

Im Gegensatz zu Roberts vermeintlichem Chaos geben Antonias Puppen ihr ein gutes Gefühl – das wird aus ihren Erzählungen klar. „Ich habe im Prinzip eine riesengroße Familie mittlerweile“, sagt. Was sie sich wünscht, ist das Verständnis der Gesellschaft für ihre Leidenschaft. „In den USA gibt es sogar eine TV-Show darüber, hier ist das alles aber komplett verpönt“, sagt sie. Sie erwarte ja gar nicht, dass plötzlich jeder an Präsenzen, Engel und Dämonen glaube. Sie möchte nur, dass Menschen akzeptieren, dass andere sich damit beschäftigen. Birte, Ejke und ihre anderen Puppen schadeten schließlich niemandem.

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