Ditzumer Gastronom schlägt Alarm  Wird Essen gehen im Restaurant bald zum Luxus?

| | 09.04.2023 13:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Marco Werner hat mehr als 20 Jahre in Österreich gekocht, bevor es in nach Ditzum verschlagen hat. Foto: Ortgies
Marco Werner hat mehr als 20 Jahre in Österreich gekocht, bevor es in nach Ditzum verschlagen hat. Foto: Ortgies
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Restaurants leiden unter den steigenden Preisen für Energie, Mieten und Lebensmittel. Wenn das so weitergeht, stehen viele vor dem Aus. Der Ditzumer Gastronom Karsten Stockhecker schlägt nun Alarm.

Ditzum - Karsten Stockhecker, Marco Werner und Ricarda Bloecks sind das, was man Dream-Team nennt. Die beiden Köche und die Restaurantfachfrau haben sich quasi gesucht und gefunden. Seit März vergangenen Jahres bewirten sie die Gäste in „Thiet‘s Restaurant“ in Ditzum. Bei allem Spaß an der gemeinsamen Arbeit wird es für sie immer schwieriger, die Leidenschaft für ihren Beruf am Leben zu halten. „Wir brauchen dringend Unterstützung durch die Politik, sonst geht die Gastronomie den Bach runter“, fürchtet Karsten Stockhecker.

Was und warum

Darum geht es: Fachkräftemangel, Inflation und steigende Energiepreise treffen Inhaber von Restaurants schwer.

Vor allem interessant für: Menschen, die gerne essen gehen und denen ein vielfältiges Gastronomieangebot wichtig ist.

Deshalb berichten wir: Auf Facebook hat Karsten Stockhacker auf die dramatische Situation in der Gastronomie aufmerksam gemacht und einen Hilferuf an die Gastronomie gerichtet.

Die Autorin erreichen Sie unter: t.gettkowski@zgo.de

Restaurants und Cafés leiden unter den steigenden Preisen. Energie, Mieten, Lebensmittel – alles ist teurer geworden. Die Gehälter seien bei vielen gleich geblieben. „Wir können die Preise für die Gerichte nicht so anheben, wie es erforderlich wäre, um wirtschaftlich zu arbeiten“, macht Stockhecker deutlich. Viele Gäste könnten es sich nicht mehr leisten, mehr Geld zum Essengehen auszugeben. Selbst in einem Touristen-Ort wie Ditzum sei zu spüren, dass das Geld nicht mehr so locker sitze. „Leute, die sonst in ihrem Urlaub dreimal Essen gegangen sind, kommen vielleicht nur noch einmal.“

Karsten Stockhecker ist Gastronom aus Leidenschaft. Die Rahmenbedingungen machen ihm und vielen Berufskollegen aber das Leben schwer. Foto: Ortgies
Karsten Stockhecker ist Gastronom aus Leidenschaft. Die Rahmenbedingungen machen ihm und vielen Berufskollegen aber das Leben schwer. Foto: Ortgies

Erstes Lokal hat schon geschlossen

Die Kultkneipe „Fliegender Holländer“ in Ditzum ist so ein Opfer der Krise. „Die wirtschaftliche Lage macht es unmöglich, ein kleines Bistro am Leben zu erhalten“, hieß es im Post der Betreiber auf Facebook. Um wirtschaftlich arbeiten können, hätte man die Preise für die Gerichte verdoppeln müssen. „Das wollten wir unseren Gästen nicht antun.“ Die Betreiber zogen die Reißleine und sind damit nicht die ersten Opfer der Krise im idyllischen Fischerort Ditzum. Auch das gleich neben „Thiet‘s Restaurant“ gelegene Café „Opa Krino“ hat dicht.

Die Leerstände in Ditzum mehren sich: Opa Krinos Bäckerei und Café hat schon geschlossen und auch die Kultkneipe „Fliegender Holländer“ in Ditzum macht dicht.
Die Leerstände in Ditzum mehren sich: Opa Krinos Bäckerei und Café hat schon geschlossen und auch die Kultkneipe „Fliegender Holländer“ in Ditzum macht dicht.

Doch die Gastronomie leidet nicht nur unter den exorbitanten Preissteigerungen. Der Fachkräftemangel ist ein weiteres Problem. Mit lediglich drei Mitarbeitern dürfte es selbst für die Vollprofis zur Herausforderung werden, die Gäste zu bewirten, wenn es in dem beliebten Touristenort bei schönem Wetter so richtig brummt. „Ich habe acht bis zehn Vorschläge vom Arbeitsamt bekommen, aber die Leute melden sich einfach nicht“, ärgert sich der Koch.

Wenn die Außenterrasse mit Gästen besetzt ist, hat das dreiköpfige Team von „Thiet‘s Restaurant“ alle Hände voll zu tun. Foto: Ortgies
Wenn die Außenterrasse mit Gästen besetzt ist, hat das dreiköpfige Team von „Thiet‘s Restaurant“ alle Hände voll zu tun. Foto: Ortgies

Die Entwicklung sei nach seinen Worten durch die Corona-Pandemie verschärft worden. „56 Prozent der Beschäftigten haben der Gastronomie während der Coronazeit den Rücken gekehrt.“ Etliche haben während der Zeit der Kurzarbeit Umschulungsangebote genutzt. „Sie sitzen jetzt an der Kasse im Supermarkt und haben den sicheren Job, ohne Wochenendarbeit schätzen gelernt“, sagt Stockhecker.

Appell an die Politik

Auf Facebook hat der Gastronom einen verzweifelten Appell an die Politik gerichtet. „Statt Milliarden für Waffen auszugeben, sollte die Politik sich auf die Unterstützung des Klein- und Mittelstandes konzentrieren, die das Rückgrat unserer Wirtschaft sind.“ Stockhecker schweben dabei beispielsweise Steuersenkungen, staatliche Förderprogramme und zinsgünstige Kredite vor. Wenn die Gastronomie keine Unterstützung erhalte, stünden viele Restaurants und Cafés vor dem Aus.

Im März vergangenen Jahres hat Karsten Stockhacker das Großstadtleben in Berlin hinter sich gelassen und ist mit seiner Frau nach Ditzum gezogen, um dort „Thiet‘s Restaurant“ zu übernehmen. Foto: Ortgies
Im März vergangenen Jahres hat Karsten Stockhacker das Großstadtleben in Berlin hinter sich gelassen und ist mit seiner Frau nach Ditzum gezogen, um dort „Thiet‘s Restaurant“ zu übernehmen. Foto: Ortgies

Unterstützung bekommt Stockhecker von Erich Wagner, Vorsitzender des Deutschen Hotel und Gaststättenverbandes (DEHOGA) Ostfriesland. Auch er beobachtet, dass viele Betriebe in der Krise kapitulieren müssen. „Dadurch kommt uns die Vielfalt abhanden, die die Gastronomieszene hier ausgemacht hat.“ Wagner hofft auf Steuererleichterungen. Seit fast drei Jahren beträgt die Umsatzsteuer für Restaurant- und Verpflegungsdienstleistungen nur sieben statt 19 Prozent. „Eigentlich läuft die Regelung Endes dieses Jahre aus, wir setzen uns gerade dafür ein, dass dieser Steuersatz erhalten bleibt.“

Optimistisch ist Wagner was den Fachkräftemangel angeht. „Wir haben erste gute Erfahrungen gemacht mit Mitarbeitern aus anderen Ländern, wie beispielsweise Vietnam.“ Einige Beschäftigte, die in der Coronazeit an der Supermarktkasse eine berufliche Alternative gefunden hätten, kehrten inzwischen zurück. „Die einen, weil sie vielleicht als Paketzusteller unter starkem Druck stehen, die anderen, weil ihnen der direkte Kontakt zu Menschen fehlt. Denn das ist es, was den Reiz der Arbeit in der Gastronomie ausmacht.“

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