Zur „Auricher Erklärung“ Das sagen Nabu und Politik zu wolfsfreien Zonen
Mehrere Küstenjägerschaften fordern eine wolfsrudelfreie Zone entlang der Nordseeküste. Der Naturschutzbund Nabu und das Umweltministerium haben dazu eine eindeutige Meinung.
Ostfriesland/Nordsee-Region - Es ist die erste von mehreren Forderungen, die am Gründonnerstag von mehreren Küstenjägerschaften sowie den Landesjägerschaften Niedersachsen und Bremen unterzeichnet wurde: „wolfsrudelfreie Zonen in den küstennahen Landkreisen“ auch zum Schutz der Weidetierhaltung. Eine Forderung, die auch vor Ort durch einen Deichschäfer unterstützt wurde. Doch wie viel Aussicht auf Erfolg hat das?
Was und warum
Darum geht es: Das Niedersächsische Umweltministerium sieht, anders als die Küstenjägerschaften, die Deichsicherheit durch den Wolf nicht gefährdet.
Vor allem interessant für: diejenigen, die die Debatten rund um den Wolf verfolgen; diejenigen, die sich für die Entwicklungen rund um die „Auricher Erklärung“ interessieren
Deshalb berichten wir: Am Gründonnerstag positionierten sich mehrere Jägerschaften zum Thema Wolf. Wir wollten wissen, das Ministerien und Nabu zu zur „Auricher Erklärung“ sagen. Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de
Die Jägerschaften, das wurde am Gründonnerstag erklärt, wollen für die „Auricher Erklärung“ noch mehr Unterstützung haben, wollen noch Verbände und Organisationen wie das Landvolk oder die Deichachten mit ins Boot holen. Und natürlich die Erklärung auch an die Landes- und Bundespolitik weiterreichen.
Das sagt das Landwirtschaftsministerium
Im Niedersächsischen Landwirtschaftsministerium, welches zumindest in Bezug auf den Schutz der Weidetierhaltung mit angesprochen wird, sieht man das Positionspapier als wichtigen Beitrag für eine zu führende und schon geführte Debatte. „Für Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte ist es wichtig, alles dafür zu tun, damit die Haltung von Tieren auf der Weide möglichst konfliktarm gelingen kann“, heißt es auf Anfrage. Das Dialogforum „Weidetierhaltung und Wolf“, das im Februar gestartet ist, sei dafür „ein wichtiger Schritt zu einem dauerhaften und transparenten Austausch“. Auch in Arbeitsgruppen wie „Förderung und Herdenschutz in der Weidetierhaltung“ arbeite man an Verbesserungen, so dass „Weidetierhalter nicht allein gelassen werden“.
Staudte, die der Partei Die Grünen angehört, wolle „Unterstützungsstrukturen“ schaffen, damit von Wolfsrissen betroffene Tierhalter „möglichst zeitnah praktische Akut-Hilfe erhalten“. Hier erwarte man sich von der genannten Arbeitsgruppe „konkret Bedarfe und Ansatzpunkte für entsprechende Unterstützungsmaßnahmen“.
Das sagt das Umweltministerium
Auch das Niedersächsische Umweltministerium unter Leitung des Grünen-Politikers Christian Meyer verweist auf das Dialogforum, von dem man sich Lösungen erwartet, „die von möglichst vielen Akteurinnen und Akteuren getragen werden“. Man wisse, dass „die Situation für Weidetierhalterinnen und -halter gerade an der Küste schwierig ist“.
Anders als die Jägerschaften sehe man den Deich- und Küstenschutz aber nicht in Gefahr. Mit den „vorhandenen Herdenschutzmaßnahmen (wie Zäune oder Herdenschutzhunde)“ gebe es Möglichkeiten, „die für die Deiche wichtige Weidetierhaltung aufrecht zu erhalten“. Das zeige auch die „vielfache Praxis vor Ort“. Mit der Landwirtschaftskammer Niedersachsen und dem Wolfsbüro gebe es außerdem „eine umfassende Beratung und Expertise, um im Einzelfall vor Ort gute Lösungen zu finden“.
Wächst die Zahl der Nutztierrisse und Wölfe exponentiell?
Die Jägerschaften sprechen in der „Auricher Erklärung davon, dass die Wolfspopulation seit 2011 in Niedersachsen exponentiell gewachsen sei. Damit sei auch die Zahl der Nutztierrisse und der „Nahbegegnungen“ gestiegen. Der Nabu Niedersachsen bezeichnet dies auf Nachfrage als „fachlich nicht korrekt“. Das Wolfsmonitoring, welches in Niedersachsen durch die Landesjägerschaft ausgeführt wird [Anm. d. Red.] habe „bestätigt, dass es kein exponentielles Wachstum gibt und die Zahl der Nutztierübergriffe trotz steigender Wolfsterritorien konstant bleibt“.
Dies ist mit Blick auf die Zahlen des Wolfsmonitorings zu hinterfragen, wobei „exponentielles Wachstum“ zumindest nicht komplett passend ist. Offiziell bestätigt wurden 2011/2012 insgesamt 19 durch den Wolf getötete oder nach einem Wolfsangriff eingeschläferte Tiere in Niedersachsen. 2017/2018 waren es 383 Nutztiere, 2019/2020 dann 1078 und im Beobachtungszeitraum 2022/2023 führt die Statistik schon 842 Tiere. Zu Einordnung: 2011/2012 verzeichnete das Wolfsmonitoring ein Wolfspaar in Niedersachsen und keine Rudel oder residente, also fest ansässige Einzelwölfe. Aktuell geht das Wolfsmonitoring von 44 Wolfsrudeln, einem Wolfspaar und vier residenten Einzelwölfen auch. Diese Zahlen geben die Jägerschaften auch in der „Auricher Erklärung“ wider.
Das sagt der Nabu außerdem
Die „wiederholte Forderung nach einer Bejagung des Wolfes und einer wolfsfreien Küste sind nicht zielführend“, so der Nabu weiter. Zudem würde eine Bejagung keinen Herdenschutz ersetzen. „Herdenschutz an Deichen ist zwar etwas kostenintensiver, aber dennoch möglich“, so der Naturschutzbund weiter. Das würden sowohl deutsche als auch internationale Beispiele und Projekte belegen, an denen auch der Nabu beteiligt sei.
Für den Nabu gehe entsprechend nicht um Wolfschutz oder Deichschutz: „beides ist gemeinsam umsetzbar“, heißt es auf Anfrage. Wolfsfreie Zonen seien zudem nach geltendem Recht „nicht umsetzbar“. Das Umweltministerium weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass es dennoch schon jetzt möglich sei, Wölfe zu „entnehmen“. „Wenn Wölfe jedoch mehrfach zumutbaren Herdenschutz überwinden und geschützte Tiere reißen“, könne geprüft werden, ob eine entsprechende Ausnahmegenehmigung erteilt werden kann.