Archiv in der Krummhörn  Das Rätsel um die Lieferungen aus Visquard

| | 17.05.2023 19:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein Bild von Sophie Siemsen, Laut Vermerk auf der Bildrückseite zeigt es sie im Jahr 1938 in ihrem Kolonialwarenladne in Visquard. Im Hintergrund ihr Auftragsbuch, welches viele Fragen aufwirft. Foto: Hock
Ein Bild von Sophie Siemsen, Laut Vermerk auf der Bildrückseite zeigt es sie im Jahr 1938 in ihrem Kolonialwarenladne in Visquard. Im Hintergrund ihr Auftragsbuch, welches viele Fragen aufwirft. Foto: Hock
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Im Archiv des Heimatvereins Krummhörn findet sich ein altes Auftragsbuch aus einem Kolonialwarenladen in Visquard. Deutschlands erste anerkannte Frauenärztin war hier Stammkunde. Aber nicht nur das.

Krummhörn - Es ist ein unscheinbares Buch, was vor Menno Müller auf dem Tisch liegt. Der Buchrücken ist notdürftig mit Paketband gesichert. Seite um Seite ist akribisch mit Namen, Adressen und Bestellungen gefüllt. Es ist ein Bestellungs- und Auftrags. Geschrieben hat die Einträge in Sütterlin die Visquarderin Sophie Siemsen. Sie besaß einen Kolonialwarenladen im Ort Visquard in der heutigen Gemeinde Krummhörn.

Was und warum

Darum geht es: Im Archiv des Heimatvereins Krummhörn gibt es ein altes Auftragsbuch, das zeigt: Die Waren eines Kolonialwarenladens in Visquard wurden nicht nur an ortsansässige Ostfriesen verkauft.

Vor allem interessant für: diejenigen, die sich für Geschichte und interessante Archivstücke interessieren.

Deshalb berichten wir: Wir hatten uns mit dem neuen Archivar des Heimatvereins Krummhörn getroffen, um über spannende Archivalien zu sprechen.

Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de

Müller, neuer Archivar des Heimatvereins Krummhörn, weiß aber noch mehr: Siemsen war eine Schwägerin von Hermine Heusler-Edenhuizen, der ersten niedergelassenen und offiziell anerkannten Frauenärztin in Deutschland. Heusler-Edenhuizen wurde 1872 in Pewsum geboren und starb 1955 in Berlin. Ihren Tee orderte Pewsums berühmte Tochter stets bei Siemsen in Visquard.

Bestellungen aus dem ganzen Deutschen Reich

Das lässt sich wohl durch die familiäre Verbindung zwischen der Kolonialwarenhändlerin und der Frauenärztin erklären. Was allerdings Rätsel aufgibt: Neben Adressen in Wolthusen, Pewsum und anderen Orten in Ostfriesland finden sich in großer Zahl Adressen in anderen Städten des damaligen Deutschen Reiches. Gleich der erste Eintrag bezieht sich auf eine Lieferung an ein Rittergut „bei Heiligenstadt“. Bestellt von „von Hanstein“. Die Hansteins sind ein Adelsgeschlecht, die Burg Hanstein stand in der Nähe von Heiligenstadt. Kann es sein, dass die Hansteins in Visquard bestellten?

Aber auch Adressen in Wiesbaden, Wismar, Stuttgart oder Oberherzogs-Waldau in Schlesien (heute: Gmina Kożuchów in Polen) finden sich in dem Buch. Auch immer wiederkehrende Namen und Adressen sind zu finden. Sophie Siemsen hatte also wohl einige Stammkunden. Vermerkt ist auch immer, was bestellt wurde. Ein Beispiel: 9 Pakete Tee für Heusler-Edenhuizen im Jahr 1913. 18 Reichsmark hat die Bestellung gekostet. Ob da schon „Porto“ mit innegriffen war? Und welchen Weg haben die Waren überhaupt genommen. Fragen, die man sicherlich mit etwas Recherche zum Postwesen beantworten kann.

Fragen über Fragen

Aber es gibt auch Fragen, die wahrscheinlich nicht so einfach zu beantworten sind. Wie kamen Menschen, die Hunderte Kilometer entfernt wohnten, dazu, in Visquard Waren zu bestellen? Darüber kann Müller aktuell nur mutmaßen. Waren es Weggezogene? Spielte bei den Adressen, die sich mit Heusler-Edenhuizens Lebenslauf decken, von ihr gemachte „Werbung“ für ostfriesischen Tee vielleicht eine Rolle? Fest steht: Der erste Eintrag in diesem Lieferbuch stammt aus dem Jahr 1903 und Sophie Siemsen gab ihren Kolonialwarenladen 1938 auf. Das steht zumindest auf der Rückseite eines alten Fotos, welches im Auftragsbuch zu finden ist.

Doch auch nach 1938 finden sich Einträge im Buch. Doch anderer Art, auch die Schrift könnte einer anderen Person gehören. Es sind auch Abrechnung. Vielleicht gehören sie zum Gasthof Siemsen, den es in Visquard gab? Fragen, auf die auch Hans Schulz spontan keine Antwort hat. „Dafür bin ich noch zu jung“, sagt der Vorsitzende der Interessengemeinschaft Visquard. Er weiß allerdings, dass es in Hochzeiten drei Kolonialwarenläden im kleinen Krummhörner Dorf gab. In einem davon ist jetzt das Jugend- und Kulturhaus der Interessengemeinschaft untergebracht.

Suche nach weiteren Hinweisen

Das alte Auftragsbuch von Sophie Siemens ist leider das einzige seiner Art, welches der Heimatverein in seinem Archiv hat. Wobei: Es gibt noch ein paar Altbestände, die noch nicht genau gesichtet und katalogisiert sind, sagt Müller. Aber er bezweifelt, dass dort ein weiteres Auftragsbuch liegt.

Hoffnung, dem Rätsel um die Bestellungen auf den Grund zu gehen, gibt es dennoch. Schulz sichert im Gespräch mit dieser Zeitung zu, dass er sich mal im Dorf umhören will. Und auch Müller hofft, bei einer genaueren Durchsicht des Buches vielleicht noch weitere Erkenntnisse zu erhalten. Vielleicht gibt ja der eine oder andere Name noch Aufschluss über die Geschichte hinter den Bestellungen.

Und wer weiß, welche kleinen Schätze noch im Archiv des Heimatvereins schlummern?

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