Herdenschutz  Stromzaun schützt Deichschafe vor dem Wolf

| | 25.05.2023 18:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Seit fast drei Jahren setzt Deichschäfer Uwe Steffens auf einen wolfsabweisenden Stromzaun – und das mitten auf dem Deich. Foto: Hock
Seit fast drei Jahren setzt Deichschäfer Uwe Steffens auf einen wolfsabweisenden Stromzaun – und das mitten auf dem Deich. Foto: Hock
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Seit Jahren gibt es das Herdenschutzprogramm vom Nabu. Im Cuxland wurde erstmal ein Deichabschnitt mit wolfsabweisenden Zäunen gesichert. Wie sind die Erfahrungen? Ein Besuch vor Ort.

Dorum - Der große Wolfsriss, bei dem Ende vergangenen Jahres mehr als 20 Schafe in der Krummhörn zu Tode kamen, hat ein Thema wieder besonders in den Vordergrund gerückt: Wolf und Deichsicherheit. Denn auch wenn die Risse nicht bei Schafen auf dem Deich passierten, sind Schäfer in der Region besorgt. Das spiegelt sich auch in der „Auricher Erklärung“ mehrerer Jägerschaften wieder, die gar eine wolfsfreie Zone entlang der Nordseeküste fordern.

Was und warum

Darum geht es: An der Wurster Nordseeküste gibt es einen festen wolfsabweisenden Zaun direkt auf dem Deich. Der Schäfer ist von der Wirksamkeit überzeugt.

Vor allem interessant für: diejenigen, die sich für die Diskussion rund um Wolf, Herden- und Küstenschutz interessieren.

Deshalb berichten wir: Wir haben nach Beispielen gesucht, bei denen wolfsabweisender Schutz direkt auf dem Deich ausprobiert wird. Fündig geworden sind wir in der Gemeinde Wurster Nordseeküste im Cuxland.

Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de

Eine Forderung, die auch Uwe Steffens kennt. Der 49-Jährige ist seit zehn Jahren Deichschäfer. Rund 60 Schafe sind regelmäßig auf einem Deichabschnitt in Dorum-Neufeld in der Gemeinde Wurster Nordseeküste. „Schäfer bin ich aber schon länger“, sagt er beim Gespräch am Deichabschnitt.

Wolfsriss in 2020, dann kam der Zaun

Den ersten Kontakt mit dem Wolf hatten Steffens und seine Schafe vor recht genau drei Jahren, am 17. Mai 2020. „Da hatten wir einen Riss direkt hier am Deich“, erzählt er. Sieben Schafe starben. Plötzlich war er da, der Wolf – und Steffens reagierte. Zusammen mit dem Landvolk, der Deichacht und der Gemeinde informierte er sich – und nahm schlussendlich Kontakt zum Nabu auf.

Seit 2017 gibt es beim Naturschutzbund das Programm „Herdenschutz Niedersachsen“. Das Programm bietet laut Projektleiter Peter Schütte „Beratung, Wissenstransfer und Unterstützung für die Umsetzung wirkungsvoller Maßnahmen zum Schutz von Weidetieren vor Wolfsübergriffen. Das Ziel dieser Aktivitäten ist die Erhaltung von Beweidung bei Wolfspräsenz.“ Und im Cuxland sei erstmals ein fester 1,20 Meter hoher wolfsabweisender Zaun direkt auf und am Deich errichtet worden, so Steffens.

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Deichsituation teilweise vergleichbar

Die Situation vor Ort ist zumindest mit manchen Bereichen in Ostfriesland vergleichbar. Der Deichabschnitt befindet sich nicht direkt an der Wasserkante, sondern ist noch von einem größeren Deichvorland und einem Strandabschnitt von der Nordsee getrennt. „Das Deichvorland wird aber regelmäßig überflutet“, sagt Steffens. Dann stehe das Wasser zum Teil bis an den Deich heran. Auch touristisch ist der Abschnitt erschlossen.

Mehrere dieser Schilder weisen darauf hin, dass der Zaun unter Strom steht. Mancher hat dennoch schon eine "gewitscht" bekommen. Foto: Hock
Mehrere dieser Schilder weisen darauf hin, dass der Zaun unter Strom steht. Mancher hat dennoch schon eine "gewitscht" bekommen. Foto: Hock

Insgesamt vier Hektar hat Steffens einzäunen lassen. Fünf straff gespannte, stromführende Drähte bis kurz vor dem Boden sollen ein Eindringen des Wolfes verhindern. Die Tore, die den wolfsabweisenden Zaun an ein paar Stellen unterbrechen, sind gegen ein Überklettern gesichert. Auf dem Deich, wo Fußgänger den Bereich passieren können, dient ein erklärendes Schild als Schutz. Am Deichverteidigungsweg auf der Seeseite verhindert eine zusätzliche stromführende Litze über dem Tor ein Überklettern. „Gerade aber nicht, da hat ein Tourist reingefasst und sich so erschreckt, dass er den Draht abgerissen hat“, sagt Steffens.

Zwei Wölfe in direkter Nähe

Das komme trotz mehrerer Hinweisschilder am Stromzaun manchmal vor. „Insgesamt hatten wir aber keine größeren Probleme bisher.“ Wenn das Vorland überflute, müsse er einen Teil des Zauns aber abstellen. Für solche Fälle schließe er direkt am Deich mit einem mobilen Zaun die Lücke.

Doch woher weiß Steffens, dass der Zaun funktioniert? Dass es seit der Installation des Zaunes keine Risse mehr gegeben hat, könnte ja auch Zufall sein. „Hier sind zwei Wölfe in direkter Nähe“, sagt der Schäfer. Die Tiere würden auch regelmäßig in direkter Nähe der Schafe gesichtet, seit dem Zaunbau aber nicht mehr bei den Schafen. Das reicht Steffens als Nachweis, dass der Zaun grundsätzlich funktioniert. „Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es natürlich nicht“, sagt er. Aber er sei entspannt und seine Tiere auch. Bei den benachbarten Rindern, die nicht wolfsabweisend eingezäunt seien, sehe das manchmal anders aus.

Schäfer für schnellere Maßnahmen nach Wolfsriss

Tatsächlich fällt im Gespräch auf, wie ruhig Steffens ist, wenn er über den Wolf spricht. „Ich gehe davon aus, dass sich hier ein Rudel bilden wird“, sagt er. Aber so oder so: „Der Wolf ist hier und damit müssen wir umgehen. Man gewöhnt sich dran, aber natürlich muss man reagieren.“ Von den Forderungen nach wolfsfreien Zonen hält er nichts. „Aber natürlich müssen wir herausfinden, was funktioniert bei den Zäunen zum Beispiel.“ Auch sei die Situation am Deich natürlich besonders. So habe er nach Überflutungen des Vorlandes sehr viel Arbeit damit, die Zäune wieder von Treibsel zu befreien.

Info und Schutz: Die Tafel mit Informationen zum Projekt "Herdenschutz Niedersachsen" des Nabu dient gleichzeitig als Überkletterschutz. Foto: Hock
Info und Schutz: Die Tafel mit Informationen zum Projekt "Herdenschutz Niedersachsen" des Nabu dient gleichzeitig als Überkletterschutz. Foto: Hock

Wofür Steffens sich ausspricht, ist ein schnelleres Eingreifen nach Wolfsrissen. Einen Abschuss oder eine „Entnahme“ meint er damit nicht. Er ist viel mehr für eine Vergrämung. „Oft kommen die Wölfe ja eine Nacht später wieder. Da muss man ihnen dann beibringen, dass sie sich von Weidetieren fernhalten“, sagt er.

Seitdem er den Zaun hat aufstellen lassen, was am Deich eine besondere Herausforderung aufgrund der Bodenbeschaffung war, würden sich auch weitere Weidetierhalter, vor allem Schäfer, aus der Region dafür interessieren. „Das Bewusstsein wächst“, sagt er.

So steht es um den Herdenschutz in Ostfriesland

Auch in Ostfriesland wurde der Nabu schon angefordert. Man werde auf Anfrage beispielsweise von Weidetierhaltern beratend und unterstützend aktiv, so Schütte. Die ersten Beratungen sowie die ersten Zaunbaueinsätze habe es bereits 2018 gegeben. „Da gab es bereits einige Weidetierhaltungen, die erkannt haben, dass die Weidetierhaltung nur mit Herdenschutz zukunftsfähig ist“, so Schütte. Insgesamt habe der Nabu im Rahmen des Projektes „Herdenschutz Niedersachsen“ bisher 44 Beratungen durchgeführt. Davon 28 bei Schaf- und Ziegenhaltern, acht bei Rinderhaltern, vier bei Pferdehaltern und vier weitere im Rahmen von Verbandsberatungen. Von den Beratungen „fanden zehn im Bereich Friedeburg und sieben im Emsland statt“, so Schütte.

Außerdem habe es vier Infoveranstaltungen in Ostfriesland gegeben, auf denen das Projekt vorgestellt wurde. Die Teilnehmerzahl habe sich zwischen 40 und 60 bewegt. Eine der Infoveranstaltungen habe auch in der Krummhörn stattgefunden. Hier steht auch ein vom Herdenschutz-Projekt aufgestellter Demo-Zaun für Rinderhalter. Diesen hat Peter Habbena auf seinem Hof an der Schoonorther Straße in Grimersum aufgestellt. Weitere Zäune, die nach Absprache von Interessierten besichtig werden können, gibt es am Reitsport-Touristik-Zentrum in Timmel sowie auf dem Pferdehof Wilken in Ihlow.

Noch kein Herdenschutz-Projekt am Seedeich

Was es in Ostfriesland allerdings laut Nabu bislang nicht gibt, sind „gute und wirkungsvolle Umsetzungen“ von Herdenschutzmaßnahmen am Seedeich. „Jedenfalls haben wir uns bisher an keinen beteiligt, da wir keine Anfragen dazu erhielten.“ Dabei ist Schütte überzeugt: „Herdenschutz an Deichen ist möglich.“ Technisch sei dieser meist sogar einfach umzusetzen, „jedoch mit Mehrarbeit beziehungsweise höherem Personaleinsatz, sprich höheren Kosten, verbunden“. Hinzu komme ein Punkt, der im Binnenland nicht so eine große Rolle spiele: die „Steuerung“ von Touristen. Hier sei eine „schlaue Planung“ empfehlenswert, „um Konflikte und/oder Minderungen an den Schutzmaßnahmen zu vermeiden. Eine Steuerung der Touristen kann beispielsweise über eine Ausschilderung von Wegen erfolgen“, so Schütte gegenüber dieser Zeitung.

Aus Sicht des Nabu stellt sich das Thema Herdenschutz in Ostfriesland noch als große Herausforderung dar. „Doch gerade deswegen gilt es für uns als idealer Ort, um unsere Herdenschutz-Projekte voranzutreiben, indem wir auf Basis der Gegebenheiten und Erfahrungen unsere Maßnahmen stetig optimieren können.“

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