Bildung in der Krummhörn  Zukunft der Schulen und Kitas - was sagt die Politik dazu?

| | 07.06.2023 06:33 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Der Grundschulstandort Jennelt ist einer von zweien, die künftig erhalten bleiben sollen. Foto: Wagenaar/Archiv
Der Grundschulstandort Jennelt ist einer von zweien, die künftig erhalten bleiben sollen. Foto: Wagenaar/Archiv
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Eigentlich sollte diesen Donnerstag im Rat über die Zukunft der Schulen und Kitas in der Krummhörn abgestimmt werden. Die Entscheidung fällt den Politikern nicht leicht.

Krummhörn - Eigentlich sollte der Rat der Gemeinde Krummhörn am Donnerstag über die Zukunft der Schulen und Kitas in der Krummhörn entscheiden. Doch am Dienstag entschied der Verwaltungsausschuss (VA): Die Entscheidung wird vertagt. Es ist ein Zeichen dafür, wie – angemessen – schwer sich die Politik mit der anstehenden Entscheidung tut.

Im Vorfeld hat es lange Diskussionen, Analysen und Bereisungen zu dem Thema gegeben. Ende Mai legte der Bildungsausschuss dann endlich eine Richtung fest: Die Gemeinde Krummhörn will den tiefen Eingriff wagen und die Grundschul- und Kita-Landschaft neu ordnen.

Zwei Varianten

Nach dieser weiterhin bestehenden Beschlussempfehlung sollen die Grundschulen Loquard und Greetsiel zu Kindertagesstätten umfunktioniert werden. Statt vier Grundschulen würde es dann künftig nur noch zwei Grundschulen geben: eine in Pewsum und eine in Jennelt. Alternativ gab es noch den Vorschlag, nur Jennelt als Grundschule zu schließen und hier die U3-Kinderbetreuung, also die Krippenplätze, zu konzentrieren. Dieser Vorschlag kam von CDU und SWK – und auch nur diese stimmten im Ausschuss für die Variante. Der Rest der politischen Vertreter sowie Bürgermeisterin Hilke Looden (parteilos) unterstützen den oben beschriebenen Vorschlag von Biregio.

Der Rat der Gemeinde hätte diesen Plänen nun am Donnerstagabend noch zustimmen müssen. Stattdessen soll die Entscheidung nun erst Anfang Juli getroffen werden. Wir hatten, bereits bevor feststand, dass der Punkt geschoben werden soll, noch einmal bei SPD und CDU, als die beiden größten Fraktionen und als Vertreter der unterschiedlichen Lösungsansätze, sowie bei Bürgermeisterin Hilke Looden (parteilos) nach den jeweiligen Standpunkten gefragt. Diese Standpunkte haben auch jetzt noch weiterhin grundsätzlich Bestand, wie eine Nachfrage dieser Zeitung ergeben hat. Dennoch bedürfen Sie einer weiterführenden Einordnung, die diese Zeitung angesichts der jüngsten Entwicklungen entsprechend ergänzt.

Für welche der beiden Varianten sind Sie?

Hilke Looden: „Wir haben uns viel Zeit, fachliche Unterstützung und die Beteiligung von Schul-, Kita- und Elternvertretern genommen, um die bestmögliche Entscheidungsgrundlage zu bekommen. Es erfolgte eine eingehende Abwägung aller Vor- und Nachteile, der gesetzlichen Vorgaben und der anstehenden Herausforderungen bei der Gewinnung von Fachkräften, aber auch bei den Bedürfnissen von jungen Eltern, Arbeit und Familie vereinbaren zu können. Ich bin überzeugt, dass nur mit Variante zwei die frühkindliche Bildung in den Kitas und die Grundschullandschaft für die Zukunft gesichert werden kann.“ (Anmerkung der Redaktion: Looden meint mit Variante zwei die vorgeschlagene Variante der Firma Biregio)

Hilke Looden ist die Bürgermeisterin der Krummhörn. Foto: Wagenaar
Hilke Looden ist die Bürgermeisterin der Krummhörn. Foto: Wagenaar

Roelf Odens (CDU): „Unsere Fraktion/Gruppe hat sich für den von uns eingebrachten Kompromissvorschlag entschieden.“

Roelf Odens leitet die CDU-Fraktion. Foto: Archiv
Roelf Odens leitet die CDU-Fraktion. Foto: Archiv

Astrid Brants (SPD): „Wie bereits in den letzten beiden Bildungsausschusssitzungen genannt, haben wir uns (bis auf eine Stimme aus unseren Reihen) schweren Herzens dazu entschieden, der Beschlussempfehlung der Gemeinde Krummhörn auf Grundlage der Auswertung der Biregio, zu folgen.“

Astrid Brants ist Mitglied der SPD-Fraktion. Foto: SPD
Astrid Brants ist Mitglied der SPD-Fraktion. Foto: SPD

Anmerkung der Redaktion: Alfred Jacobsen, SPD-Fraktionschef im Rat, geht auf Nachfrage davon aus, dass diese Entscheidung auch weiterhin so Bestand haben wird. Dennoch habe er als Mitglied im Verwaltungsausschuss für eine Vertagung des Themas gestimmt. „Es sind einfach noch nicht alle Fragen an Biregio beantwortet“, begründet er seine Entscheidung. Zudem liege die neue Kita-Vereinbarung zwischen Landkreis und Kommunen noch nicht allen Ratsmitgliedern vor. „Da geht es auch um Qualitätsstandards, das müssen wir bei der Entscheidung auch mit berücksichtigen.“ Und auch wenn Jacobsen nicht davon ausgeht, dass seine Fraktion von der bisherigen Meinung abrücke: „Wir müssen alle Fakten auf dem Tisch haben, bevor wir entscheiden können.“

Ähnliche Aussagen hört man auch aus anderen Fraktionen und Gruppen im Gemeinderat. Der Tenor: Man wolle keine Entscheidung treffen, solange es noch offene Fragen oder das Gefühl gibt, dass nicht beide Varianten gleichberechtigt dargestellt werden.

Warum?

Looden: „Wir stehen vor enormen Herausforderungen im Bildungsbereich, aber auch gesamtgesellschaftlich bei der Berufstätigkeit von Eltern. Die Ganztagsangebote in den Grundschulen und Kitas werden in naher Zukunft nochmal einen ganz anderen Stellenwert bekommen. Wir kommen deshalb nicht umhin, größere Einheiten anzubieten. So wie in den 1960er Jahren Dorfschulen nicht mehr funktioniert haben, so sind einzügige Schulen oder Grundschulen mit Kombiklassen und daher wenig Lehrpersonal nicht mehr zeitgemäß. Wir sind gezwungen, dem sich abzeichnenden Fachkräftemangel intelligent und effektiv zu begegnen. Das ist nur in größeren Einheiten umsetzbar. Gleiches trifft auf Kitas zu. Eingruppige Kindertagesstätten sind mittelfristig nicht mehr vertretbar. Kitas sind heute Bildungseinrichtungen, die die Jungen und Mädchen auf die Schule vorbereiten müssen und sollen. Das ist der Auftrag, dem wir gerecht werden müssen.“

Odens: „Es bleiben mehr, dem ländlichen Raum angepasste, Strukturen erhalten! Die Wege und damit auch Fahrbewegungen und Fahrzeiten sind deutlich geringer! Kleinere Strukturen sind für viele Kinder überschaubarer und erträglicher! Die in unserem Modell geringeren Kosten könnten, zumindest zum Teil, in eine Art Ausbildungs- und Beschäftigungsoffensive für Erzieherinnen und Lehrkräfte, sowie in das Gehalt der Erzieherinnen investiert werden. Wir glauben, dass unser Lösungsansatz überschaubar, flexibel anwendbar, finanziell tragbar und zukunftsgerichtet bei den prognostizierten steigenden Kinderzahlen belastbar ist.“

Brants: „Wir haben lange Zeit das für und wieder in unserer Fraktion diskutiert, dabei die Analyse der Biregio einbezogen, aber auch andere Fakten einfließen lassen. Um es kurz zu halten, beziehen sich diese Fakten auf sinkende Schülerzahlen, den hohen Fachkräftemangel bei Lehrkräften und natürlich die verpflichtende Ganztagsbetreuung ab 2026. Außerdem hat die Corona-Pandemie und der Flüchtlingsstrom dazu beigetragen, dass gerade an Grundschulen die Bildungslücken immer größer werden. Wir sind zu dem Entschluss gekommen, dass einzügige Grundschulen in unserer Gemeinde nicht mehr zukunftsfähig sind und den Anforderungen, die zukünftige Eltern haben werden, nicht mehr entsprechen.“

Würden Sie sich wünschen, dass die Entscheidung lieber nur bei der Verwaltung liegen würde?

Looden: „Nein, keinesfalls! Bei gutachterlichen Erhebungen werden im Zweifel lokale Strukturen nicht ausreichend berücksichtigt und die Kosten allein dürfen nicht den Ausschlag geben. Für Entscheidungen, die starke und langfristige Auswirkungen auf das Gemeinwesen haben, sind die Ratsmitglieder – als gewählte Repräsentanten der Bürgerinnen und Bürger- gefordert, eine Entscheidung zu treffen. Die Politik muss zwingend mit in den Entscheidungsprozess einbezogen werden und am Ende dieses Prozesses auch eine demokratische Mehrheitsentscheidung treffen.“

Odens: „Eine Entscheidung durch die Verwaltung würden wir uns gerade nicht wünschen, da das reflexartige Handeln von Verwaltungen (und auch Planungsbüros) hin zu immer mehr Zentralisierung und Bündelungen oft an der Lebenswirklichkeit, Lebensqualität sowie an den Empfindungen der Mitbürger vorbeigeht (vor allem im ländlichen Raum). Es gilt zu gestalten und nicht zu verwalten. Wir würden uns bei der Entscheidung dieser Tragweite mit derartigen Auswirkungen für die ganze Gemeinde eher eine Einbeziehung der Bürger wünschen. Gerade, wenn der Rat nicht eindeutig hinter der Lösung steht. Schade finden wir es, dass sich leider mit unserem Vorschlag bisher nicht soweit auseinandergesetzt wurde, dass man davon ausgehen könnte, er wäre wirklich von allen begriffen worden.“

Brants: „Keineswegs. Wir haben uns für den Rat der Gemeinde Krummhörn aufstellen lassen, um für unsere Bürgerinnen und Bürger solche Entscheidungen zu treffen, auch wenn diese bei Weitem nicht einfach sind. Bei dieser Entscheidung sehen wir uns verpflichtet, unseren Kindern die besten Bildungsmöglichkeiten zu bieten und Chancengleichheit zu sichern. Jedes Kind aus jedem Ort soll die gleichen Möglichkeiten auf Forderung, Förderung und Ganztagsbetreuung bekommen.“

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