Übung in Emden Wassereinbruch im Feuerschiff – alle Mann von Bord!
Am Montag musste das Emder Feuerschiff evakuiert werden – zu Übungszwecken. Wir waren mit an Bord.
Emden - Das Emder Feuerschiff „Deutsche Bucht/Amrumbank“ ist auf Ausfahrt nach Helgoland. Kapitän Gerhard Janßen begrüßt die Gäste und erklärt, was im Notfall zu tun ist. Routine, wie im Flugzeug eigentlich. Nur dass statt Sauerstoffmasken von der Decke die Rettungswesten erklärt werden. Jeder Passagier hat eine Bordkarte bekommen, auf der vermerkt ist, zu welcher Gruppe man im Notfall gehört. Vier Farben, vier Sammelpunkte. Ich bin in der Gruppe Blau.
Was und warum
Darum geht es: Damit Tagesfahrten weiter möglich sind, muss die Crew des Feuerschiffs eine Übung überstehen.
Vor allem interessant für: diejenigen, die sich für die Arbeit der ehrenamtlichen Feuerschiff-Crew interessieren; diejenigen, die sich gefragt haben, warum am Montag so viele Menschen mit Rettungswesten am Delft standen.
Deshalb berichten wir: Die Mannschaft des Feuerschiffs hatte nach Freiwilligen für eine Übung gesucht. Wir haben teilgenommen. Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de
Die Fahrt geht los, zumindest theoretisch. Denn tatsächlich bewegt sich das Feuerschiff nur ein bisschen hin und her, aber die Motoren bleiben stumm – trotz 100 Gäste an Bord. Der Grund: An diesem Montag ist keine echte Ausfahrt, sondern nur eine Übung geplant. Aber eine Übung, die entscheidet, ob das frisch reparierte und sanierte Feuerschiff künftig weiter auf Ausflugsfahrten in die Nordsee starten darf.
100 Gäste an Bord
100 „Gäste“ hat der Feuerschiffverein dafür organisiert. In den vergangenen Tagen und Wochen hat die Crew immer wieder verschiedene Szenarien geübt, damit die Handgriffe sitzen. „Die Evakuierungsübung ist kein Spaßunternehmen“, schärft Vereinsvorsitzender Heinz-Günther Buß den Anwesenden ein. Die Sicherheitsverordnung für Traditionsschiffe schreibt diese Übung vor. Innerhalb einer vorgegebenen Zeit von 30 Minuten müssen alle Menschen von Bord sein. Die Berufsgenossenschaft Verkehr aus Hamburg ist mit an Bord und schaut sich alles genau an. Am Ende der Übung steht ein Bestanden oder eben ein Nicht-Bestanden. Auch wenn die Crew des Feuerschiffs ruhig scheint, die Anspannung liegt in der Luft. Das rührt auch daher, dass die Berufsgenossenschaft in das Übungsszenario eingreifen kann, um die Mannschaft auf die Probe zu stellen.
Um 13.30 Uhr geht es an Bord, gegen 13.45 Uhr beginnt die angenommene Fahrt. Mehrere Minuten lang ist alles ruhig, die Gäste plaudern an Bord, die Crew läuft durch die Gegend. So würde es wahrscheinlich auch auf den normalen Tagesfahrten sein, die der Museumschiffsverein anbietet. Im August soll es wieder soweit sein.
Alarm!
14.13 Uhr. Plötzlich gehen die Funkgeräte der Crew-Mitglieder los. Die Worte „Kollision“ und „Borkumfähre“ sind zu hören, in diesem typischen, knarzigen Sprechfunk-Ton. Dann schrillt es aus den Lautsprechern des Feuerschiffs. Sieben kurze, ein langer Ton. Generalalarm, das hatte Kapitän Janßen zu Beginn erklärt. Das Signal sorgt dafür, dass sich die einzelnen Gruppen sammeln. Farbe zu Farbe.
14.14 Uhr. Es wird durchgezählt in meiner Gruppe. Einer fehlt. Die Crewmitglieder, die sich um uns kümmern, bleiben ruhig. Kurz darauf kommt der vermisste Blaue. „Blau vollständig“ wird gemeldet. Kapitän Janßen hatte zu Beginn gesagt: „Hier gibt es keine Band, die bis zum Schluss Musik macht.“ Das alte Bild, die Musiker, die beim Untergang der Titanic oder anderer Schiffe bis zuletzt gespielt haben sollen.
Wie wäre das auf hoher See?
Statt Musik gibt es auf dem Feuerschiff nur das Gekrächze aus den Funkgeräten. Wassereinbruch in Höhe der Toiletten. Ein Verletzter in einer anderen Gruppe? Habe ich das richtig verstanden? Oder ein Verletzter im Maschinenraum? Es ist nicht alles gut zu verstehen. Wie wäre das jetzt auf hoher See, wenn das einbrechende Wasser nicht nur eine Vorstellung, sondern Realität wäre? Wenn das Schiff ächzt und stöhnt und das gurgelnde Geräusch des eindringenden Wassers aus dem Deck unter uns nach oben tönt?
14.19 Uhr. Wir müssen die Westen anlegen. ich gebe zu, ich habe bei der Einweisung nicht zugehört. Aber die Crew ist mit helfender Hand zur Stelle. Immer wieder werden wir durchgezählt, Ähnliches spielt sich bei den anderen Gruppen ab. „Gruppe Rot vollzählig“, hört man über Funk. Die Gruppe darf das Schiff verlassen. Im Ernstfall würde es jetzt in die Rettungsinseln gehen, jetzt geht es einfach die Rampe runter. Zumindest für die anderen, wir sind noch nicht dran.
Der Maschinenraum wird evakuiert
Der Maschinenraum wird evakuiert, ein Verletzter wird vorbeigetragen. Jemand aus der Gruppe beruhigt die Kinder, die mit zu unserer Truppe gehören. An diesem Montag erntet der Beruhiger ein paar verständnislose Blicke, im Ernstfall wäre die Beruhigung wahrscheinlich bitter nötig.
14.24 Uhr. Der Alarm ändert sich. Vielleicht ist er auch schon etwas länger anders. Im leichten Trubel, der sich trotz Übungssituation ergibt, achte ich nicht immer auf das, was über „meine“ Gruppe hinaus geht.
Alle Mann von Bord!
14.30 Uhr. 17 Minuten nach dem Generalalarm sind wir dran und verlassen das Schiff. Nach uns kommt nur noch die verbliebene Crew mit den Verletzten.
14.35 Uhr: Alle von Bord. Übung geschafft.
Bestanden?
Die Berufsgenossenschaft zieht sich mit Gerhard Janßen, Heinz-Günther Buß und weiteren Crewmitgliedern zurück. Manöverkritik, von der die restlichen Übungsteilnehmer nichts mitbekommen. „Bestanden haben wir, wenn alle innerhalb von 30 Minuten alle von Bord sind“, hatte Buß mir gegenüber im Vorgespräch gesagt. Demnach müsste es eigentlich geklappt haben.
An Bord werden Matjesbrötchen und Bier gereicht. Es wird gewartet. Nach längerer Zeit kommt Buß wieder aufs Deck. Er sieht gelöst aus. „Bestanden!“ Na dann ist ja gut.