Furcht und Hass Landkreis und Kita reagieren auf Shitstorm im Netz
Kinder starten schon früh mit der Entwicklung einer sexuellen Identität. Kita-Mitarbeiter im Landkreis sollen deswegen geschult werden – doch das sorgte für Furcht und Hass im Netz.
Riepe/Landkreis Aurich - Es gibt Klärungsbedarf in Ihlow: Ein Fachtag, den die Kindertagesstätten der Gemeinde zusammen mit dem Jugendamt des Landkreises veranstalten wollen, stößt in den sozialen Medien auf Gegenwind. Die Kita-Mitarbeiter sollen am 15. und 16. September über sexuelle sowie geschlechtliche Vielfalt im frühkindlichen Alter geschult werden. In einem Elternbrief kündigte deswegen die Leiterin des Zwergennestes in Riepe die Fortbildung an – mit dem Hinweis, dass an dem Freitag die Kinder eine Stunde früher aus der Tagesstätte abgeholt werden müssen.
Was und warum
Darum geht es: Eine Kita in Riepe musste sich nach Ankündigung einer Mitarbeiter-Schulung einiges im Netz anhören und reagiert nun darauf.
Vor allem interessant für: Eltern und Mitarbeiter in Kindertagesstätten
Deshalb berichten wir: Der Landkreis hatte zu einem Pressegespräch eingeladen. Den Autor erreichen Sie unter: l.loeschen@zgo.de
Doch der Brief von Petra Saathoff landete unter anonymen Namen im Netz und schlug dort hohe Wellen, wie sie selbst auch mitbekommen habe. Unter anderem Kommentare wie „Was ein Schwachsinn.“, „Wir sind alle verloren!“ oder „Gut, dass wir keine größeren Probleme haben.“ sind Grund gewesen, um nun in Riepe nochmal Stellung zu beziehen.
Die Befürchtungen aus den sozialen Medien
Ein Junge möchte ein Kleid tragen oder ein Mädchen will an der Werkbank spielen, tragen die Erzieher in der Runde Alltäglichkeiten in Kindergärten zusammen. An diesem Fachtag soll geklärt, wie man sich in solchen Situationen verhält, sagt Saathoff. „Die Kinder sollen sein, auf was sie Lust haben“, führt sie weiter aus. Die Mitarbeiter sollen dann nicht entscheiden, was richtig oder falsch ist, sondern die Kinder bei ihrer Entwicklung begleiten.
Die Befürchtungen in den sozialen Medien waren groß. Im Juli machte erst ein geplanter Körpererkundungsraum in einer Hannoveraner Kita Schlagzeilen. Das Jugendamt Niedersachsen stoppte die Pläne. So extrem werde in Riepe und auch sonst im Landkreis keineswegs gedacht, betont die Kita-Leiterin. Auch wolle man den Kindern keine Sexualpädagogik aufzwingen, wie es im Netz teils geschrieben wurde. „Die Leute wissen vielleicht nicht, was sie mit dem Thema anfangen sollen. Es hat nichts mit der Sexualität von Erwachsenen zu tun“, sagt sie.
Sexualität im Kindesalter
Dass Kinder ihre sexuelle Identität nicht bis zum Grundschulalter finden können, ist Petra Saathoff klar. Aber: „Jeder wird mit einer Sexualität geboren.“ Und diese macht sich schon bei den Kleinsten bemerkbar, sagen auch die Erzieher.
Ein Fachtag zur sexuellen sowie geschlechtlichen Vielfalt bei Kleinkindern schaffe Handlungssicherheit und Fachkompetenz bei den Erziehern, sagt Michael Müller vom Jugendamt des Landkreises. Denn wenn Eltern Fragen zu diesen Themen hätten, dann müssten die Erzieher als Ansprechpartner fungieren und beraten können. Das ist laut Petra Saathoff auch das Ziel des Projektes: „Man muss durch diese Schulungen Wissen schaffen.“ Davon könnten auch Eltern profitieren.
Neue Bilderbücher und Spielgeräte
In der Kita Zwergennest werde bereits versucht, den Kindern Vielfalt näher zu bringen – und das in allen Bereichen. Die klassischen Bilderbücher, in denen der Vater arbeitet und die Frau im Haushalt anpackt, wurden um neue erweitert. Diese beinhalten dunkelhäutige Protagonisten, Kinder mit zwei Müttern oder älteren Erziehungsberechtigten. Dazu gibt es Puppen mit Behinderungen.
Pläne in diesen Bereichen seien wichtig für eine Kita, finden Mitarbeiter und Jugendamt. „Das Landesjugendamt fordert ein sexualpädagogisches Konzept von den Kindertagesstätten“, sagt Matthias von Prüssing. Er gehört ebenfalls zum Jugendamt des Landkreises. Kinder sollten so wahrgenommen werden, wie sie sind, findet er.
Der Fachtag „Akzeptanz von klein auf!“ findet am 15. und 16. September im Ihlower Bürgerhaus statt. Am Samstag, 16. September, ist um 16 Uhr eine öffentliche Podiumsdiskussion angesetzt.