Altwerden in der Krummhörn  Kommt die „Mischnutzung“ im Seniorenhuus in Greetsiel?

| | 11.09.2023 18:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ferienwohnungen statt Pflegeplätze in Greetsiel? Das wollen viele Krummhörner gerne verhindert wissen. Foto: Wagenaar/Archiv
Ferienwohnungen statt Pflegeplätze in Greetsiel? Das wollen viele Krummhörner gerne verhindert wissen. Foto: Wagenaar/Archiv
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Die Gemeinde Krummhörn hat am Montag Gespräche mit dem Seniorenhuus-Betreiber geführt. Kommt jetzt vielleicht eine Mischnutzung? Und wie sieht es eigentlich mit Pflegeplätzen in der Gemeinde aus?

Krummhörn - Am vergangenen Wochenende haben in Greetsiel rund 300 Menschen für eine bessere Altenpflegesituation in Greetsiel und der Gemeinde Krummhörn demonstriert. Am Montag fand dazu ein Gespräch zwischen dem Besitzer des ehemaligen Seniorenhuus, der Gemeinde und der gemeindeeigenen Touristik statt.

Wie Krummhörns Bürgermeisterin Hilke Looden (parteilos) auf Nachfrage bestätigt, sei der Weiterbetrieb als ein reines Altenpflegeheim nach aktuellem Stand unwahrscheinlich. Das betonte der Mitinhaber des Gebäudes, Gunnar Sander, der auch zum Seniorenhuus-Betreiber Sander-Pflege gehört, auch jüngst auf einer Informationsveranstaltung.

Mischnutzung als Kompromiss?

Auch die Möglichkeit, dass die Gemeinde Krummhörn selbst als Betreiberin des Pflegeheimes agiert, sieht Looden aktuell nicht. „Dafür müsste es auch einen entsprechenden politischen Beschluss geben“, so die Bürgermeisterin.

Man wolle aber dennoch weiter zusammen mit Sander nach einer Lösung suchen. Im Gespräch habe man sich darauf geeinigt, eine mögliche Mischnutzung zu prüfen und nach möglichen Investoren und Partnern Ausschau zu halten. Mischnutzung bedeute in diesem Fall „Gewerbe oder Gastronomie, barrierefreies Wohnen und Ferienwohnungen“, so Looden. Sander hatte bei der Informationsveranstaltung deutlich gemacht, dass er sich einen langen Leerstand des Gebäudes nicht leisten könne. Eile sei entsprechend geboten. Auf einen festen Termin, an dem eine Entscheidung getroffen sein muss, habe man sich laut Looden aber nicht verständigt.

1774 stationäre Plätze im Landkreis Aurich

In der Diskussion rund um die mögliche Umnutzung des ehemaligen Seniorenhuus geht es zudem oft auch darum, wie nah am Wohnort eine stationäre Pflege möglich ist. Diese Zeitung hat sich dazu einmal die notwendigen Zahlen besorgt.

Im gesamten Landkreis Aurich gibt es laut Kreispressestelle 1774 gemeldete Plätze in stationären Altenpflege-Einrichtungen. In der Tagespflege gibt es 582 Plätze im gesamten Landkreis. Wohlgemerkt: Insgesamt, denn wie viele Plätze davon tatsächlich frei sind, variiert. Die Kapazitäten in der kreisfreien Stadt Emden bleiben an dieser Stelle unbeachtet.

Keine Tagespflege in der Krummhörn

Tagespflegeplätze in der Gemeinde Krummhörn gibt es: keine. „Eine Tagespflege ist eine Einrichtung, in der Pflegebedürftige tagsüber betreut werden. Den Abend und die Nacht verbringen sie zu Hause. Das ermöglicht pflegenden Angehörigen, ihrem Beruf nachzugehen, und hilft alleinlebenden Senioren, ihren Tag zu bewältigen.“ So beschreibt es die Internetseite pflege.de.

Die nächstgelegenen Tagespflege-Angebote gibt es beispielsweise in Suurhusen, Hage, Großheide oder Emden.

Weitere Veränderungen in Greetsiel

Besser sieht die Versorgung bei den stationären Einrichtungen in der Krummhörn aus. Allerdings gibt es hier auch weitere Veränderungen. So wurde die stationäre Einrichtung „Up Visite“ laut Landkreis in eine „ambulant betreute Wohngemeinschaft“ umgewandelt. Die Einrichtung befinde sich aktuell in der Gründungsphase und wird deswegen mit 0 Plätzen geführt. Laut Internetseite verfügte das Pflegeheim „Up Visite“ über 15 Zimmer mit insgesamt 24 Betten.

Auch das Seniorenhuus, zuvor mit 60 Plätzen geführt, taucht schon nicht mehr in der Liste auf. Damit gibt es in Greetsiel keine klassisch-stationäre Pflegeheim-Einrichtung mehr. In der Gemeinde Krummhörn gibt es diese nur noch in Pewsum: 108 Plätze sind hier auf die Einrichtungen „Pflegestation Dirks“ und „Awo Wohnen & Pflege“ verteilt. Mit der Schließung des Seniorenhuus‘ hat sich die Zahl der Pflegeplätze also tatsächlich deutlich reduziert.

Pflegequote wird immer größer

Die Bedeutung von Pflegeeinrichtungen hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Laut Zahlen des Bundes stieg die Pflegequote, also der Anteil der Pflegebedürftigen in einer Bevölkerungsgruppe, von 1999 an deutlich an. Die Pflegequote bei allen Altersgruppen lag 1999 bei 2,5 – im Jahr 2021 schon bei 6. In absoluten Zahlen: 1999 gab es deutschlandweit 2.016.091 Pflegebedürftige, 2021 waren es 4.961.146.

Gleichzeitig wird die Bevölkerung immer älter. Entsprechend steigen auch die Pflegequoten im Alter. Wie stark, darüber gibt es verschiedene Annahmen. Das Bundesamt für Statistik schreibt dazu: „Die erste Annahme geht von einer moderaten demografischen Entwicklung und konstanten Pflegequoten aus. Hier könnte die Zahl der Pflegebedürftigen allein durch die Alterung von 5,0 Millionen Ende 2021 über 5,6 Millionen Ende 2035 auf 6,8 Millionen Ende 2055 ansteigen und schließlich im Jahr 2070 bei 6,9 Millionen Pflegebedürftigen liegen.“ Werde angenommen, dass die Pflegequoten infolge des 2017 weiter gefassten Pflegebedürftigkeitsbegriffs noch bis 2027 zunehmen (zweite Annahme), „so werden 2035 rund 6,3 Millionen und 2055 rund 7,6 Millionen Pflegebedürftige ausgewiesen“.

Trend geht zur Pflege in den eigenen vier Wänden

Wie ist es dann zu erklären, dass Sander-Pflege, die das Seniorenhuus in Greetsiel betrieben haben, über eine mangelnde Auslastung klagte? Zuletzt sei das Seniorenhuus gerade einmal zur Hälfte besetzt gewesen – und schon zuvor sei das Haus unter anderen Betreibern schon zweimal insolvent gewesen. Hilke Looden sprach bei der Kundgebung darüber, dass ihr in Gesprächen zurück gespiegelt worden sei, dass das Haus von Anfang an zu groß gewesen sei.

Eine mögliche andere Erklärung könnte sein, dass der Trend offenbar zur ambulanten Betreuung geht. „Dabei spielen ambulante Dienste eine zunehmend wichtige Rolle, um die pflegenden Angehörigen zu entlasten, da immer mehr Pflegebedürftige zu Hause gepflegt werden“, so das Statistische Bundesamt. Zum Jahresende 2021 seien in Deutschland 442.900 Personen bei ambulanten Pflegeeinrichtungen beschäftigt gewesen. „Das waren 134 Prozent mehr als Ende 2001“, wie das Statistische Bundesamt aus Anlass des Internationalen Tages der Pflege am 12. Mai mitteilte.

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