Streik auf der Jann-Berghaus-Brücke Weg in die Klinik wurde für Schwerverletzte zur Odyssee
Marianne Görs aus Bingum hat sich bei einem Sturz verletzt. Doch bevor die Rentnerin im Krankenhaus behandelt werden konnte, erlebte sie eine Odyssee. Grund: der Streik auf der Jann-Berghaus-Brücke.
Bingum - Auf der Stirn von Marianne Görs klebt ein großes Pflaster. Die Farbe der Blutergüsse unter den Augen der Bingumerin hat sich inzwischen von dunkeviolett in rot gewandelt. Am Donnerstag vergangener Woche hatte sie sich eine schwere Kopfverletzung zugezogen. Bis sie endlich in einem Krankenhaus versorgt werden konnte, durchlebte die 74-Jährige eine wahre Odysee. Grund war der Streik auf der Jann-Berghaus-Brücke.
Der Unfall ereignete sich am Donnerstag, 30. November 2023, gegen 22 Uhr. „Ich wollte Katzenfutterdosen ins Regal räumen, da bin ich über einen Sack Katzenstreu gestolpert“, erzählt Marianne Görs. Mit dem Kopf sei sie auf den Steinfußboden geschlagen. Als ihr Mann Jürgen die stark blutende Platzwunde auf der Stirn sah, alarmierte er sofort den Rettungsdienst. Die Sanitäter hätten erst mit der verletzten 74-Jährigen über die Brücke fahren wollen, weil die im Falle eines Streiks für Notfälle normalerweise geschlossen werde. „Weil der Rettungswagen auf der Brücke telefonisch niemanden erreichen konnte, entschieden die Sanitäter, durch den Tunnel zu fahren.“
Emstunnel war nicht befahrbar
Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt sei dort kein Durchkommen gewesen. Nach Aussage der Bingumerin hätten alle Ampeln auf Rot gestanden. Svenia Temmen, Pressesprecherin der Polizeiinspektion Leer/Emden, bestätigt, dass am 30. November die Höhenkontrolle im Emstunnel ausgelöst worden war. Ein Lastwagen aus Bremen hatte die Auslösung verursacht, alle Ampeln waren rot und die Polizeibeamten fuhren raus.
Die Sanitäter hätten daraufhin ihr Glück in Papenburg versucht. „Erst hieß es, dass das Krankenhaus abgemeldet ist. Die nächste Klinik wäre dann Meppen gewesen“, beschreibt Görs die Odyssee. Dann sei doch noch das Okay aus Papenburg gekommen. Per Computertomograph sei ihr Kopf untersucht worden. Der zunächst vermutete Schädelbasisbruch habe sich nicht bestätigt. Die Platzwunde auf der Stirn sei mit vier Stichen genäht worden. „Zum Glück bin ich mit einer Gehirnerschütterung und einem Brillenhämatom davongekommen“, sagt Marianne Görs. Dennoch ist die Bingumerin sauer. „Grundsätzlich habe ich nichts gegen Streik, aber das darf nicht auf Kosten der Gesundheit von Menschen gehen“, macht sie deutlich und fragt sich: „Wie wäre diese Odyssee mit einem Herzinfarkt- oder Schlaganfallpatienten ausgegangen, wo jede Sekunde zählt?“
Menschenleben wichtiger als Streikrecht
Der Bingumer Ortsvorsteher Sönke Eden (SPD) hat nach eigenen Worten „überhaupt kein Verständnis dafür, dass das gesamte Rheiderland für den Streik in Geiselhaft genommen wird“. „Für mich steht das Menschenleben ganz klar vor dem Streikrecht“, betont er und findet es ein Unding, dass das Brückenpersonal beim Anruf des Rettungsdienstes telefonisch nicht erreichbar war, obwohl Gefahr in Verzug war.
Markus Wucherpfennig ist Geschäftsführer der Rettungsdienst GmbH in Leer und kümmert sich um die Rettungseinsätze. „Wir haben auf beiden Seiten der Brücke Fahrzeuge stehen“, sagt er. So könne trotz geöffneter Brücke gewährleistet sein, dass die Einsatzkräfte schnell am Unfallort sind. Auch werde bereits frühzeitig abgeklärt, ob die Brücke gerade geöffnet ist. Dann weiche man auf die Autobahn aus.
Drei bis bis fünf Brückenöffnungen
Die Jann-Berghaus-Brücke wird jährlich zwischen 3.500 und 5.000 Mal geöffnet beziehungsweise in Hochlage gebracht, erklärt Johannes Booken, Pressesprecher der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr in Aurich. In der aktuellen Winterzeit werde im Durchschnitt drei bis fünf Mal täglich die Brücke geöffnet. In den Sommermonaten sind es durchschnittlich zwölf bis 15 Öffnungen pro Tag. „Sollte es zu einem Einsatz des Rettungsdienstes kommen, wird die Brücke heruntergeklappt“, teilt der Behördensprecher mit.
Im Fall von Marianne Görs hat das nicht geklappt. An den Folgen leidet sie auch eine Woche nach ihrem Sturz noch. Die 74-Jährige engagiert sich nicht nur im Tierhilfeverein Bingumgaste für Katzen und andere Tiere. Sie ist auch beliebte Moderatorin beim Fehnradio. Dieses Hobby liegt auf Eis und sie brennt darauf, endlich wieder zu moderieren. Zum Lesen und Programmieren der Titel braucht sie ihre Brille. „Wegen der Gesichtsschwellung kann ich die aber noch nicht aufsetzen“, sagt Marianne Görs. Am zweiten Advent will sie mit ihrer Musik aber wieder gute Laune verbreiten.