Wertverlust wie noch nie  Ostfriesisches Betongold verblasst – platzt da eine Immobilienblase?

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 14.12.2023 18:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Bausparkasse LBS Nord-West hat eine Auswertung der Immobilienpreise in Niedersachsen veröffentlicht. Grafik/Quelle: LBS Nord-West/Empirica-Preisdatenbank
Die Bausparkasse LBS Nord-West hat eine Auswertung der Immobilienpreise in Niedersachsen veröffentlicht. Grafik/Quelle: LBS Nord-West/Empirica-Preisdatenbank
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Dem Rekordanstieg der Immobilienpreise in Ostfriesland folgt ein Wertverlust wie noch nie. Das geht aus einer Auswertung der LBS hervor. Wie sieht das der Auricher Gutachterausschuss für Grundstückswerte?

Ostfriesland - „Der Abwärtstrend bei den Immobilienpreisen in Niedersachsen setzt sich fort“, heißt es in einer Pressemitteilung der Bausparkasse LBS Nord-West. „Gebrauchte Eigenheime, Reihenhäuser und Eigentumswohnungen kosteten im dritten Quartal 2023 zehn Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Das hat eine aktuelle Auswertung des Instituts Empirica für die LBS Nord-West ergeben.“

Auch die Haus- und Wohnungspreise in Ostfriesland sind demnach gefallen. Die LBS hat einen Vorjahresvergleich fürs dritte Quartal veröffentlicht. Demnach haben sich die Preise für Ein- und Zweifamilienhäuser wie folgt verändert: Minus 11 Prozent in der Stadt Emden, minus 10 Prozent in den Landkreisen Aurich und Leer sowie minus 12 Prozent im Landkreis Wittmund. Bei den Eigentumswohnungen liegen die Rückgänge zwischen 8 Prozent (Kreis Wittmund) und 16 Prozent (Emden).

Die Preise von Ein- und Zweifamilienhäusern in Ostfriesland

Auf Gemeindeebene in Ostfriesland hat das Institut Empirica in Holtland den niedrigsten Durchschnitts-Verkaufspreis für Ein- und Zweifamilienhäuser registriert: 195.000 Euro. Der höchste Durchschnittspreis wurde demnach auf dem Festland in Neuharlingersiel erzielt: 499.000 Euro. Am stärksten sollen die Verkaufspreise für Ein- und Zweifamilienhäuser in Hesel zurückgegangen sein – um 33 Prozent. In Detern war hingegen ein Plus von 5 Prozent zu verzeichnen.

Den größten Preisrückgang bei den Wohnungen gibt es laut der Statistik in Dornum: minus 24 Prozent. Die LBS schreibt in ihrer Pressemitteilung für das Land Niedersachsen: „Die teuersten gebrauch¬ten Eigentumswohnungen werden im Landkreis Leer angeboten (250.000 Euro).“

Der Preisverlust ostfriesischer Immobilien hat sich abgezeichnet

Aus den Statistiken, welche die LBS veröffentlicht hat, geht aber nicht hervor, wie viele Verkäufe den jeweiligen Durchschnittswerten und Entwicklungen zugrunde liegen. Damit ist unklar, wie aussagekräftig die Auswertung ist. Unsere Redaktion hat daher beim Gutachterausschuss für Grundstückswerte in Aurich nachgefragt, der alle Immobilienverkäufe in Ostfriesland und Friesland registriert und auswertet.

Martin Homes, Vorsitzender des Gutachterausschusses für Grundstückswerte in Aurich, bei der Vorstellung des jüngsten Jahresberichts im Frühjahr 2023. Foto: Ellinger
Martin Homes, Vorsitzender des Gutachterausschusses für Grundstückswerte in Aurich, bei der Vorstellung des jüngsten Jahresberichts im Frühjahr 2023. Foto: Ellinger

Nach dem jüngsten Jahresbericht dieses Gutachterausschusses warf unsere Redaktion die Frage auf: „Beginnt ostfriesisches Betongold zu verblassen?“ In dem Artikel hieß es: „Nach Jahren mit Preiszuwächsen im zweistelligen Prozentbereich oder nahe dran hat der Gutachterausschuss für Grundstückswerte in Aurich seit Mitte 2022 eine gegenläufige Entwicklung festgestellt.“ Es folgte ein Zitat aus dem Ausschuss-Bericht: „Das Preisniveau der Ein- und Zweifamilienhäuser war von Mitte 2021 bis Mitte 2022 erneut um 8 Prozent gestiegen. Ab dem zweiten Quartal 2022 wiesen die Preise jedoch eine fallende Tendenz auf, so dass das Preisniveau im Herbst 2022 wieder dem aus dem Vorjahresherbst entsprach.“

Die Immobilienpreis-Entwicklung in den vergangenen eineinhalb Jahren

Ging das so weiter? Die Eigenheime in Ostfriesland und Friesland seien von April 2022 bis Oktober 2023 – also in den vergangenen eineinhalb Jahren – um 18 Prozent gefallen, antwortet Martin Homes, der Vorsitzende des Gutachterausschusses. Vom Preisrückgang seien „alle Baujahre in etwa gleichermaßen betroffen“. Allerdings seien die jüngeren Baujahre vorher „stärker im Preis gestiegen“.

Index-Kurve für Eigenheime: Das Preisniveau am 01.10.2023 wurde als 100 Prozent festgelegt. Es ist ungefähr auf den Stand vom 01.04.2021 zurückgefallen. Grafik: Gutachterausschuss für Grundstückswerte
Index-Kurve für Eigenheime: Das Preisniveau am 01.10.2023 wurde als 100 Prozent festgelegt. Es ist ungefähr auf den Stand vom 01.04.2021 zurückgefallen. Grafik: Gutachterausschuss für Grundstückswerte

Homes kann sich nicht erinnern, dass es schonmal eine vergleichbare Negativentwicklung auf dem ostfriesischen Immobilienmarkt gegeben hat. Allerdings seien die Preise davor auch in beispielloser Weise auf ein Rekordniveau geklettert. Im Jahr 2021 waren die Einfamilienhaus-Preis um 20 Prozent gestiegen. Was zum Wertverlust in den vergangenen eineinhalb Jahren noch hinzukommt, ist die Inflation. Das heißt, die Immobilien sind günstiger geworden, obwohl sonst fast alles teurer geworden ist.

Weniger Verkäufe: Sinken die Preise ostfriesischer Immobilien noch mehr?

Der Gutachterausschuss registrierte außerdem, dass die Zahl der Immobilien-Verkäufe abnahm – um etwa ein Drittel in zwei Jahren, wie Martin Homes überschlägt. Bei den Einfamilienhäusern sei es jetzt zwei Jahre hintereinander jeweils ein Minus von 11 Prozent gewesen. Bei den Wohnungen sei sogar ein Rückgang der Verkäufe von 28 Prozent zu verzeichnen. „Da hätte ich im Vorfeld nicht damit gerechnet“, sagt Homes. Denn Wohnungen würden ja eher als Einfamilienhäuser auch als Kapitalanlage genutzt.

Diesen Abwärtstrend gebe es, obwohl „das Angebot nicht weniger geworden“ sei, merkt der Ausschussvorsitzende an. Das könnte darauf hindeuten, dass etliche Immobilien aktuell noch zu (relativ hohen) Preisen angeboten werden, für die es aufgrund der gestiegenen Zinsen keine Nachfrage mehr gibt. Martin Homes rechnet bezüglich Gebrauchtimmobilien damit, „dass die Preise noch weiter sinken“.

Bei den Bauplätzen geht er hingegen von stabilen Preisen aus. Obwohl zuletzt 40 Prozent weniger Verkäufe zu verzeichnen gewesen seien, sagt Homes. Doch die Baulandpreise müssten sich ja nach den Erschließungskosten richten. In ländlichen Gebieten Ostfrieslands sei die 100-Euro-Marke pro Quadratmeter Bauland geknackt worden.

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