Bauernprotest in Ostfriesland  Antisemitisches Plakat auf Emder Bühne – Organisatoren schweigen

| | 11.01.2024 12:02 Uhr | 5 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Dieses Plakat schaffte es auf die Bühne bei der Kundgebung während der Bauernproteste in Emden. Die Darstellung Deutschlands als „Marionettenstaat“ ist in diesem Fall eine rechte und antisemitische Behauptung. Foto: Hock
Dieses Plakat schaffte es auf die Bühne bei der Kundgebung während der Bauernproteste in Emden. Die Darstellung Deutschlands als „Marionettenstaat“ ist in diesem Fall eine rechte und antisemitische Behauptung. Foto: Hock
Artikel teilen:

Die Proteste von Bauern und Unterstützern beschäftigen das Land. In Emden stand ein Plakat auf der Bühne, das antisemitische Behauptungen verbreitete.

Emden - Sie waren vielfältig, die Distanzierungen gegen Rechts bei der Kundgebung am vergangenen Montag, 8. Januar 2024, in Emden. Doch ganz genau hingesehen hat offenbar kein Teilnehmer, mit wem er dort zusammen protestierte. Von einer Abwesenheit von rechten Ideologien kann nämlich keine Rede sein.

Diese Ideologie war sogar recht präsent: auf der Bühne. Zwei Plakate standen dort. Nicht viel, aber eines davon hätte die Redner und Teilnehmer, die nichts mit ideologischen Trittbrettfahrern gemein haben wollen, zumindest stutzig machen sollen. Organisiert wurde die Demonstration mit der anschließenden Kundgebung in Emden nicht von einem der Landwirtschaftsvereine oder -verbände, sondern von Menschen mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen.

Deutsche Politiker als „Marionettenregierung“

Recht direkt am Rednerpult stand nämlich ein Plakat, welches Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), seinen Stellvertreter und Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck (Grüne) sowie Finanzminister Christian Lindner als Marionetten zeigt. Die Hand des Marionettenspielers kommt dabei aus einer Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika. Deutschland wird hier als „Lummerland“ bezeichnet.

Wer das Plakat dort aufgestellt hat, wer es angefertigt hat und was genau die Organisatoren der Kundgebung damit ausdrücken wollten, das wollte man dieser Zeitung nicht beantworten. Eine entsprechende E-Mail blieb unbeantwortet. Die Symbolik des Plakats lässt sich aber einfach zusammenfassen: Die Regierungsmitglieder sind Marionetten, gesteuert aus den Vereinigten Staaten.

Beliebte Darstellung bei Rechten und Verschwörungstheoretikern

Sogenannte „Marionettenregierungen“ gab es in der Geschichte durchaus. Dabei handelt es sich um Regierungen, die von fremden Staaten eingesetzt wurden. Wer das Plakat erstellte und wer es auf die Bühne stellte, ist also offenbar der Meinung, dass die deutsche Regierung nur auf Geheiß Amerikas hin agiert.

Und hier beginnt das, was viele Landwirte nach eigenem Bekunden gar nicht haben wollen. Denn: Diese Darstellung „ist bei extrem Rechten, Reichsbürgern und im verschwörungsideologischen Spektrum weit verbreitet“, schreibt Jan Krieger von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus für Demokratie auf Anfrage dieser Zeitung. „Es wurde auf eine antisemitische Verschwörungserzählung zurückgegriffen, die eine langjährige Tradition hat.“ Es werde behauptet, dass es im Hintergrund „Marionettenspieler“ gebe, die im Geheimen Politik und Wirtschaft steuern. „Es wird selten konkret benannt, wer hierfür verantwortlich ist, sondern strategisch in Chiffren gesprochen, die auf eine vermeintliche jüdische Kontrolle der Finanzwelt anspielen“, so Krieger.

Organisatoren der Kundgebung schweigen

Wie aber kommt man von den USA auf diesen antisemitischen Hintergrund? „Da sich in New York die weltgrößte Börse befindet und davon ausgegangen wird, dass diese und weitere Banken von den Juden kontrolliert werden, werden auch die USA oft chiffriert als Feindbild benannt“, erklärt Krieger. Wenn es um die USA geht, werde „in entsprechenden Spektren nicht selten auch von ‚Schaltzentralen’ an der ‚Ostküste’ gesprochen“. Gemeint sei hier der Standort der Börse.

Die Organisatoren der Kundgebung, die zum Teil nicht aus der Landwirtschaft stammen, wollten sich gegenüber dieser Zeitung nicht erklären. Auch die Frage, ob sie von der Bedeutung des „Marionettenstaates“ wussten, ließen sie unbeantwortet.

Aufpassen, mit wem man sich ins Bett legt

Ein Kommentar von Claus Hock

Sollte der Hintergrund des Plakats allen Rednern und Teilnehmern der Kundgebung in Emden bekannt sein? Nein, aber wenn die Organisatoren und Anmelder der Demonstration schon im Vorfeld mit fragwürdigen Aussagen von sich reden machen, dann lohnt sich ein genaueres Hinsehen. Da ist es auch egal, ob es sich nur um ein Plakat handelte oder ob es mehrere gab. In diesem Fall ist der vergleichsweise prominente Standort des Plakats entscheidend.

Viele Landwirte und Protestierende hören es nicht gerne, wenn man sie darauf hinweist, dass auch antidemokratische Kräfte von Rechts versuchen, aus den Protesten und der Kritik an der Bundesregierung Profit zu schlagen. Das ist nicht nur schade, es ist auch völlig unverständlich.

Wer ganze Städte lahmlegt, der sollte ganz genau aufpassen, wer sich anschließt. Denn sonst wird aus einem anfangs vielleicht legitimen Protest schnell ein nicht-kontrollierbares Ungetüm, von dem in diesem Fall die Landwirte am wenigsten haben.

Die Wahl liegt dabei bei jedem einzelnen Landwirt: Die Verbände, darunter der Landwirtschaftliche Hauptverein Ostfriesland und auch das Landvolk Niedersachsen distanzieren sich von Rechts und von antidemokratischen Kräften und sind auch bemüht, dies durchzusetzen. Der Protest in Emden war nicht von diesen Verbänden organisiert, dennoch schlossen sich zahlreiche Landwirte an – und ignorierten offenkundige Hinweise auf den Hintergrund der Organisatoren. Daran ist nicht "die Presse" schuld, den Schuh müssen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst anziehen. Wie man sich bettet, so liegt man.

Ähnliche Artikel