Immobilien  Zwangsversteigerung – Ostfriesland trotzt dem Trend

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Von Vera Vogt
| 23.01.2024 14:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ob bauen oder ein fertiges Haus kaufen: Viele finanzieren ihr Eigenheim über einen Kredit. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa
Ob bauen oder ein fertiges Haus kaufen: Viele finanzieren ihr Eigenheim über einen Kredit. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa
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Die Zwangsversteigerungen nahmen bundesweit nach Jahren statistisch erstmals zu. Aber ist das auch in Ostfriesland der Fall? Und was sind die Ursachen? Wir haben nachgefragt.

Landkreis Leer - Erstmals seit Jahren sind in Deutschland wieder mehr Immobilien zwangsversteigert worden, das vermeldete das Handelsblatt kürzlich. Nach Recherchen des Fachverlags Argetra seien 2023 Gerichtsverfahren für 12.332 Häuser, Wohnungen und Grundstücke eröffnet worden, etwas mehr als im Vorjahr mit 12.077 Immobilien. Für den veröffentlichten Bericht analysierte Argetra die Termine für Zwangsversteigerungen an allen knapp 500 Amtsgerichten hierzulande. Dabei zeigten sich regionale Unterschiede.

Die Zahlen der vergangenen Jahre im Kreis Leer

Nordrhein-Westfalen als bevölkerungsreichstes Bundesland liege seit Jahren bei den Zwangsversteigerungen vorne mit einem Anteil von rund 20 Prozent, hieß es. Demnach waren 2023 im Bundesschnitt 30 von 100.000 Haushalten von Zwangsversteigerungen betroffen. Auch das Amtsgericht in Leer hat Zahlen dazu. Der Gerichtsbezirk des Amtsgerichts Leer umfasst die Städte Leer und Weener, die (Samt)-Gemeinden Bunde, Hesel, Jemgum, Jümme, Moormerland, Ostrhauderfehn, Rhauderfehn, Uplengen und Westoverledingen. „Im Jahr 2021 gab es 36 Zwangsversteigerungsverfahren, 2022 waren es 44 und in 2023 waren es 35“, erklärt Heiko Brahms, Pressesprecher das Amtsgerichts Leer.

Die Zinsen sind ein wichtiges Thema bei der Baufinanzierung. Foto: Pixabay
Die Zinsen sind ein wichtiges Thema bei der Baufinanzierung. Foto: Pixabay

Dazu müsse man wissen, dass rund die Hälfte der Verfahren nicht damit in Verbindung stehen, dass jemand seine Verbindlichkeiten nicht mehr bedienen könne. „Die Verfahren kommen vielmehr zustande, weil sich Eheleute nicht zu einer gemeinsamen Entscheidung durchringen können, das gleiche gilt für Erbengemeinschaften. Die beiden Gruppen machen also gemeinsam ungefähr die andere Hälfte aus.“

Interesse an den Versteigerungen gesunken

Wahrzunehmen sei allerdings, dass das Interesse an den Versteigerungen selbst abgenommen habe. „Das liegt sicherlich daran, dass die Zinsen nicht mehr so niedrig sind, aber wahrscheinlich auch daran, dass die Käufer bei älteren Immobilien etwas mehr im Hinterkopf haben, welche gesetzlichen Vorgaben kommen könnten. Das scheint mehr ins Bewusstsein gerückt.“ Diesen Eindruck beschrieben ebenfalls die Autoren der deutschlandweiten Argetra-Studie: Anders als in den Vorjahren, als praktisch jede Immobilie habe verkauft werden können, sei die Immobiliennachfrage nun deutlich niedriger.

So ist die Lage bei der Sparkasse

Die Zahl der Zwangsversteigerungen war deutschlandweit zuvor jahrelang gesunken. Grund waren die lange Zeit gute Konjunktur, der Immobilienboom und über Jahre niedrige Zinsen, die Kredite billig machten und die Zinslast für Schuldner gering hielt. Apropos, Zinsen: Gibt es derzeit erhöhten Beratungsbedarf, wenn es um die Finanzierung ihrer Immobilien geht? „Nein, das können wir so in diesem Zusammenhang nicht feststellen“, schreibt Carsten Mohr, Sprecher der Sparkasse Leer-Wittmund.

Die Geldinstitute setzen auf Beratung. Foto: Pixabay
Die Geldinstitute setzen auf Beratung. Foto: Pixabay

Bei Abschluss der Finanzierung werde darauf geachtet, dass die Finanzierung und der Kapitaldienst langfristig sichergestellt werde, so Mohr. „So sind in der Kapitaldienstberechnung bereits mögliche zukünftige Zinssteigerungen mit eingepreist.“ Sollte es trotzdem, aufgrund außergewöhnlicher Umstände, zu Engpässen kommen, sei man jederzeit in der Lage frühzeitig zu reagieren, um Schieflagen zu vermeiden. Man betreibe zurzeit „einige wenige Zwangsversteigerungsverfahren“, der Umfang entspreche dem der Vorjahre. „Bei Problemen in Objektfinanzierungen, die häufig in Schicksalsschlägen oder Trennungen ihre Ursache finden, stehen wir zunächst mit einer Intensivbetreuung zur Verfügung.“ Oftmals reicht eine temporäre Anpassung der bisherigen Finanzierung bereits aus. Sollte das nicht reichen, empfehle man in seltenen Fällen den Verkauf der Immobilie. Eine Zwangsversteigerung sei „wirklich die letzte Option.“ In der Regel könnten die meisten abgewendet werden.

Das berichtet die Ostfriesische Volksbank

Die Telefone laufen auch bei der Ostfriesischen Volksbank nicht ungewöhnlich heiß: „Der Beratungsbedarf ist gleichbleibend hoch. Sollten die Zinsen wieder sinken, wird der Bedarf entsprechend weiter steigen“, schreibt Björn Nauschütt, Leiter Vertrieb/Marketing. „Die Zwangsversteigerung ist für uns als Bank grundsätzlich das ‚letzte Mittel‘. Im Vorfeld versuchen wir immer, mit unseren Kundinnen und Kunden eine Lösung zu erzielen.“ Diese könne zum Beispiel so aussehen, dass man gemeinsam eine Käuferin und/oder einen Käufer finde, um das Zwangsversteigerungsverfahren abzuwenden. „Eine Zwangsversteigerung ist in der Regel auch zeit- und kostenintensiv.“

Das sagt die OLB

Bei der Oldenburgischen Landesbank (OLB) gibt es derzeit tatsächlich erhöhten Beratungsbedarf: „Wir registrieren insbesondere auch im Raum Ostfriesland/Leer, dass das Interesse an Baufinanzierungen nach einer Zeit der Zurückhaltung wieder deutlich zunimmt und die Menschen uns verstärkt nach Gesprächsterminen fragen“, schreibt OLB-Sprecher Timo Cyriacks. Das habe sicherlich auch damit zu tun, dass die Zinsen für Baufinanzierungen wieder etwas gesunken seien.

Der Markt für Neubauten sei dabei noch nicht wieder in Schwung gekommen, da nach wie vor die Herstellungskosten hoch und teilweise die Wartezeiten auf Baustoffe lang seien, so Cyriacks. Hingegen sei zum Beispiel die Nachfrage nach guten Gebrauchtimmobilien, die bereits einen vergleichsweise hohen energetischen Standard aufweisen, rege. „Diese Immobilien sind bei realistischer Bewertung des Marktpreises durch den Verkäufer zurzeit zum Beispiel auch für Familien gut tragbar zu finanzieren.“ Der Kauf von Immobilieneigentum sei in der Regel eine der größten Finanzentscheidungen im Leben – man achte bei der Struktur der Finanzierung darauf, „dass die Käufer nicht ihre gesamten finanziellen Mittel in die Immobilie stecken und für die laufende Tilgung aufwenden, sondern weiterhin in der Lage sind, auch finanzielle Rücklagen bilden zu können, um für ungeplante Situationen gewappnet zu bleiben.“ Grundsätzlichbegleite die Oldenburgische Landesbank bei Bedarf auch Zwangsversteigerungen, aber zurzeit sei das Aufkommen nicht groß.

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