Glamping in Neuharlingersiel Plattbodenschiff nimmt Kurs auf Campingtrend
Bei der Übernachtung an Bord der „Pandion“ können „Landratten“ von Abenteuern auf hoher See träumen. Wer außergewöhnliche Campingerlebnisse in Boje oder Strandkorb sucht, wird in Ostfriesland fündig.
Neuharlingersiel - Es ist nur ein kleiner Schritt, und doch macht er einen großen Unterschied. Sobald man den festen Boden hinter sich lässt und den Fuß an Deck der „Pandion“ setzt, werden Wind und Wellen spürbar. Das Plattbodenschiff wiegt sich sanft auf dem winterlichen See. Die Wellen bringen es im Kurpark von Neuharlingersiel leicht zum Schaukeln. Nur wenige Meter vor dem Deich liegt das Segelschiff ruhig und sicher. Unter Deck ist es urig und rustikal, gemütlich und maritim. Alles wirkt auf den ersten Blick so, als könnte das Plattbodenschiff in der nächsten Minute ablegen und auf Reisen gehen.
Das Schiff aber liegt fest. Es ist ein Glamping-Domizil für „Landratten“, die von Abenteuern träumen wollen, ohne den sicheren Hafen zu verlassen. Mit dieser Idee geht der Kurverein Neuharlingersiel den Schritt ins Luxussegment des Campings. Beim glamourösen Camping (Glamping) geht es um besondere Übernachtungserlebnisse an außergewöhnlichen Orten – und abseits von Zelt und Wohnwagen. Die hatte es, anders als in den umliegenden Küstenorten, in Neuharlingersiel bislang nicht gegeben. Geschäftsführer Andreas Eden erklärt, warum: „Ich habe immer gesagt, einen Schlafstrandkorb wird es mit mir nicht geben.“
Tiny House, Boje und Schäferkarren
Der trat 2016 seinen Siegeszug entlang der Küste in Dangast an. Das beliebte Übernachtungshighlight gibt es bei den direkten Nachbarn in Harlesiel und Bensersiel, aber beispielsweise auch in Norddeich und auf den Inseln. Eden wollte ein Alleinstellungsmerkmal. Ein Plattbodenschiff sei genau das. Es ist maritim und außergewöhnlich wie die Schlafboje in Harlesiel: Im Sommer 2022 ging die an den Start – und hat trotz geringer Fläche sofort viele Fans gefunden. Überall entlang der Nordseeküste wurden in den zurückliegenden Jahren Maßstäbe in Sachen Glamping gesetzt: Es gibt eine bunte Mischung aus Schäferkarren, Tiny Houses und Cubes, ein würfelförmiges Zelt. Entscheidend ist oft die besondere Lage der Objekte. Alle sind gut gebucht, weiß Wiebke Leverenz, Pressesprecherin der Ostfriesland Tourismus GmbH. „Die Leute suchen etwas Besonderes mit Abenteuerfaktor.“ Die Möglichkeiten für Abenteuerlustige entlang der Küste werden immer größer: „Jeder Ort hat ein kleines, feines Angebot.“
Ein Alleinstellungsmerkmal soll auch der neue Kurpark selbst sein: Mitte 2020 hatte der Kurverein die Pläne für eine Runderneuerung des zentral gelegenen Areals vorgestellt. Mittlerweile sind diese weitestgehend umgesetzt. Entstanden ist ein außergewöhnliches Seebauwerk: Gäste können nicht nur außen um den See herum, sondern auch in ihn hinein gehen. Auf der tiefergelegten Plattform in der Mitte des Sees entfaltet sich dem Betrachter eine außergewöhnliche Perspektive auf die Wasseroberfläche. „Man kann den Enten in die Augen gucken“, sagt Eden scherzhaft. Auch neun Tiny Houses, genannt Fischerhäuschen oder „Uns Leve Negen“, wurden am Ufer gebaut.
Zweiter Hafen im Ort
Der neue Kurpark ist zu einem verbindenden und zugleich zentralen Element geworden. Zusammen mit der Umgestaltung der Ortsdurchfahrt ist Neuharlingersiel kaum wiederzuerkennen. „Jetzt haben wir ein neues Gesicht“, meint der Kurdirektor. Das touristische Motto „Neuharlingersiel – mein Heimathafen“ wurde auch auf den Kurpark übertragen: „Unser Hafen ist unsere Keimzelle, unsere Identität.“ Die Idee dahinter sei gewesen, einen eigenen kleinen Hafen im Kurpark zu erschaffen, ohne aber den Kutterhafen zu kopieren. Auch darum liegt hier kein Kutter, sondern ein Plattbodenschiff an der künstlichen Kaimauer. Die „Pandion“ hat eine Länge von zehn Metern und eine Breite von drei Metern und 30 Zentimetern. Im Sommer lässt sich von einer Bank an Deck der Trubel auf Deich, Campingplatz, Spielplatz und rund um den See beobachten. Jetzt im Winter aber ist es still.
Das circa 40 Jahre alte Bauwerk aus Stahl und Teakholz gehörte zuvor einem Eigner aus Rotterdam. Andreas Eden hat das Segelschiff selbst überführt. Insgesamt fünf oder sechs Tage hat er damit an mehreren Wochenenden Ende 2021 verbracht, erinnert er sich. Nicht immer lief alles glatt: Unter anderem fuhr Eden mit der „Pandion“ bei Schnee und Eis durch den Prinses-Margriet-Kanal. „Wo die ganzen langen Frachter fahren.“ Bei einem Ausweichmanöver sei er zu nah ans Ufer geraten und habe dabei ein Ruder verloren, verrät er.
Arbeiten an zweitem Schiff laufen
Es sollte die letzte Reise der „Pandion“ werden: Der Bauhof des Kurvereins hat das Schiff vom Typus Zeeschouw entkernt: Alle Technik ist raus, um Platz für Versorgungsleitungen und modernen Komfort auf etwa 25 Quadratmetern Wohnfläche zu schaffen. Vermieten will der Kurverein sein neues Glamping-Juwel ab Ostern. Die Kosten pro Nacht liegen bei voraussichtlich 249 Euro. Eine Mindestaufenthaltsdauer von zwei Nächten ist geplant. Vermietet wird das Glamping-Schiff über den Campingplatz des Kurvereins. Dort können die Bewohner auch die sanitäre Infrastruktur nutzen: Eine Dusche nämlich gibt es an Bord nicht.
Die „Pandion“ wird auf lange Sicht nicht das einzige Plattbodenschiff im Kurpark bleiben. Mit der Schokkeryacht „Swarte Olga“ liegt bereits ein zweites Plattbodenschiff vergleichbarer Größe in der Halle des Bauhofs. Das hatte eine kurze Anreise, war zuvor im Museumshafen Carolinensiel beheimatet. Die „Swarte Olga“ wurde schon entkernt, sandgestrahlt und mit Vorstreichfarbe für die spätere Lackierung vorbehandelt. In den kommenden Monaten folgen Holzarbeiten und der Innenausbau, kündigt Eden an. Platz an der Kaimauer im Kurpark ist für maximal fünf Schiffe.