Missbrauch in der evangelischen Kirche Ostfriesischer Pastor Frank Wessels äußert sich zur Forum-Studie
Eine Studie zeigt die schockierende Realität der sexualisierten Gewalt innerhalb der evangelischen Kirche. Wie geht ein Pastor mit dieser schweren Wahrheit um und welche Veränderungen fordert er?
Suurhusen/Ostfriesland - Die sogenannte Forum-Studie, die jüngst veröffentlicht wurde, hat gezeigt: Auch in der evangelischen Kirche gab es Fälle von Mussbrauch und sexualisierter Gewalt. „Sexualisierte Gewalt gehört zur Realität unserer Kirche und unserer Diakonie. Diese Einsicht nimmt uns in die Pflicht. Wir übernehmen die Verantwortung“, heißt es in der Stellungnahme der Kirchenleitungen der insgesamt 20 deutschen Landeskirchen.
Die Forum-Studie
Der Forschungsverbund „Forum – Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der Evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland“ hat das Ziel, eine Analyse evangelischer Strukturen und systemischer Bedingungen, die (sexualisierte) Gewalt und Machtmissbrauch begünstigen, vorzulegen. Somit soll eine empirische Basis für weitere Aufarbeitungsschritte der evangelischen Kirche und Diakonie gelegt werden. Der Abschlussbericht wurde jetzt veröffentlicht und ist unter www.forum-studie.de einsehbar.
Eine dieser Landeskirchen, die evangelisch-reformierte, hat ihren Sitz in Leer. Zur Kirche gehört auch Frank Wessels, Pastor in Suurhusen und Präses des Synodalverbandes Nördliches Ostfriesland. Aufgrund der veröffentlichten Studie sagte der 51-Jährige, der seit 2003 in Suurhusen tätig ist, seine Teilnahme an der Emder Kundgebung gegen rechts ab. „Ich neige mich vor den von sexualisierter Gewalt Betroffenen. Und ich schäme mich für meine Kirche, von der auch ich ein Teil bin“, schrieb er unter anderem in der Begründung. Um niemanden zu brüskieren, nahm Wessels nicht als Redner an der Veranstaltung teil.
Frank Wessels im Interview
Diese Zeitung hat den Pastor und Präses interviewt. Wessels hat mit uns über die Bedeutung der Studie für den Alltag, über verlorenes Vertrauen, notwendige Schritte und auch über Vergebung gesprochen.
Herr Wessels, was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie vom Ergebnis der Missbrauchsstudie erfahren haben?
Frank Wessels: Erschüttert bis ins Mark.
Dass es sexuellen Missbrauch auch in der evangelischen Kirche gegeben hat und gibt, war schon vorher klar. Was hat die Studie jetzt für Sie verändert?
Wessels: Es war vorher klar, ja. Man hörte hier und da von Einzelfällen, man hatte böse Ahnungen. Wenn das aber tatsächlich wissenschaftlich erforscht auf dem Tisch liegt und die Fakten so sind, wie sie sind, dass man von vielen Hundert Fällen hört – das ist dann eine andere Dimension. Das ist eine bittere Wahrheit. Das hat mich böse aufschlagen lassen.
Wo gibt es Hilfe für Betroffene?
Die evangelisch-reformierte Kirche hat in den vergangenen Jahren bereits ein Angebot geschaffen und setzt die Sensibilisierung und Schulung zur Prävention sexualisierter Gewalt um. Seit Anfang des Jahres 2023 gibt es in der evangelisch-reformierten Kirche eine Fachstelle für die Prävention von sexualisierter Gewalt. Deren Mitarbeiterin Manuela Feldmann koordiniert alle Maßnahmen zur Prävention. Inzwischen habe in 21 Kirchengemeinden eine Basis-Schulung zur Prävention stattgefunden, heißt es auf der Internetseite der Landeskirche. Die "Fachstelle Prävention von sexualisierter Gewalt" ist erreichbar unter der Telefonnummer 0491/9198199 oder per E-Mail an praevention@reformiert.de. Die Landeskirche Hannover der evangelisch-lutherischen Kirche hat im Internet eigene und weitere Hilfsangebote aufgelistet. Zu finden ist die Liste unter: praevention.landeskirche-hannovers.de
Gab es auch Fälle in Ihrem Synodalverband?
Wessels: Man geht mit Detailinformationen sehr vorsichtig um. Das kann man kritisieren, aber das hat eine Reihe von Gründen, wie den Schutz von Betroffenen. Deswegen kenne auch ich längst nicht alle Details. Was ich aber weiß: Es gibt keinen aktuellen Fall im Synodalverband Nördliches Ostfriesland, der irgendwie bearbeitet wird.
Keinen offiziellen Fall zumindest. Die Studie geht ja von einer hohen Dunkelziffer aus.
Wessels: Genau. Die Studie hat zweierlei getan. Zunächst hat sie alle bekannten Fälle der Landeskirchen gesammelt. Dann hat man von einer Kirche alle Personalakten nochmal auf Hinweise hin überprüft...
...das waren die Personalakten der evangelisch-reformierten Landeskirche in Leer, oder?
Wessels: Ja. Das war vom Vorgehen her auch umstritten. Aber es wurde dann jede Personalakte seit 1946 überprüft: Ist da irgendwas drin, was noch nicht bekannt war? Aus diesen beiden Teilen und einer entsprechenden Hochrechnung speisen sich dann die Zahlen der Studie.
Soll die Dunkelziffer noch erhellt werden?
Wessels: Die Dunkelziffer ist da. Die große Hoffnung ist, dass sich Betroffene aufgrund der Studie und aufgrund der Sensibilisierung in der Öffentlichkeit melden. Damit alles ans Licht kommt. Das ist auch unsere Aufgabe: Die Aufarbeitung ist mit der Studie noch lange nicht abgeschlossen, sie ist noch im vollen Gange. Es gilt auch weiter in der Vergangenheit zu gucken, ob es da noch etwas gibt.
Hinter der Studie steckt eben auch dieser wichtige Aufruf: Wenn euch so etwas widerfahren ist, traut euch bitte, euch zu melden. Dafür gibt es jetzt die entsprechenden Stellen, zum Beispiel die Präventionsbeauftragte der reformierten Kirche.
Die evangelisch-reformierte Kirchenpräsidentin Suanne Bei der Wieden hat in ihrem Text „Ein Schuld-Bekenntnis“ geschrieben: „Gott, wir haben versagt.“ Was würden Sie persönlich als Suurhuser Pastor sagen, wo haben Sie vielleicht versagt?
Wessels: Wichtig ist mir, dass ich mich nicht außerhalb der Kirche, nicht außerhalb der Institution stelle. Ich bin Teil der Kirche, da kann und möchte ich mich nicht freisprechen. Ich trage da auch als Präses eine Mitverantwortung.
Die Gesamtsynode der evangelisch-reformierten Kirche
Bereits im Herbst 2023 hat sich die Gesamtsynode der evangelisch-reformierten Kirche mit den ersten Ergebnissen der Forum-Studie auseinandergesetzt. Unter dem Titel „Der Umgang mit sexualisierter Gewalt“ wurden 17 Kernpunkte festgelegt, die die evangelisch-reformierte Kirche als Schlüsse aus der Studie zieht. Dazu zählt unter anderem das Ziel, „sexualisierte Gewalt in Gegenwart und Zukunft zu verhindern. Wir klären auf, wenn uns Fälle sexualisierter Gewalt bekannt werden und wir sorgen dafür, dass die Täter und Täterinnen zur Rechenschaft gezogen werden.“ Die Kirche gesteht aber vor allem ein: „Wir – und das ist vielleicht die wichtigste Änderung zum Verhalten in der Vergangenheit – nehmen Betroffene ersnt, stellen ihnen Unterstützung zur Verfügung und gestalten die Aufklärung für sie transparent.“ Dazu verpflichtet sich die evangelisch-reformierte Kirche, dass bis Ende 2024 „in allen Einrichtungen und Gemeinden unserer Kirche Konzepte gegen sexualisierte Gewalt vorliegen“ sollen. Ebenso wie in anderen Gliedkirchen der EKD sollen zudem die vergangenen Fälle sexualisierter Gewalt weiter aufgearbeitet werden.
Wenn es jetzt um mich als Person und um meine vergangenen Dienstjahre geht, dann sehe ich erstmal keine großen Versäumnisse oder ein großes Versagen. Aber: Die Frage, wo ich hätte sensibler sein müssen, stelle ich mir schon.
Ein Beispiel?
Wessels: Wenn wir zum Beispiel Jugendfreizeiten machen, dann ist immer ein großer Teamerkreis dabei. Die sind alle geschult. Man macht dann aber auch Kennenlern-Spiele wie „Karten-Rutschen“ im Kreis. Da sitzt man dann bei anderen auf dem Schoß. Oder es kommt vor, dass mal jemand durchgekitzelt wird. Ich glaube nicht, dass ich oder jemand anderes sich da schuldig gemacht hat, dass da etwas passiert ist. Trotzdem sage ich heute: Das geht nicht. Da muss man sensibler draufgucken, das habe ich sicher nicht immer getan. Das werde ich in Zukunft aber tun. Das ist jetzt ein kleines Beispiel, aber die Anfänge liegen ja oft im Kleinen.
Der Pfarrberuf ist geprägt von einer gewissen Nähe zu den Gemeindemitgliedern. Die Studie spricht das explizit an und sagt eindeutig, dass das, was an Kirche oft positiv gesehen wird, zum Teil sexuelle Gewalt befördert hat. Als Beispiele werden die oft große Nähe zwischen Pfarrpersonen und den Gemeindemitgliedern genannt. Oder auch die fehlende Trennung zwischen beruflich und privat, wo das Pfarrhaus das beste Beispiel ist: Oft finden auch seelsorgerische Gespräche in den Wohnungen der Pfarrpersonen statt. Was bedeutet das für Sie und Ihre tägliche Arbeit? Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?
Wessels: Das rührt natürlich an dem, was Kirche ausmacht: Vertrauen. Egal ob katholisch oder evangelisch. Das Vertrauen ist doch der Markenkern. Dass Menschen, die sich in der Kirche einbringen, Schutz suchen, vielleicht auch mitarbeiten, Vertrauen haben. Dass sie sagen können: Hier ist ein Platz, an dem ich sicher sein kann. Das hat Risse bekommen und zwar erhebliche. Das, finde ich, ist ein tatsächlich großes Versagen der Kirche. Dass es so weit kommen konnte. Es wird das große Ziel sein, dieses Vertrauen wieder aufzubauen.
Erklärung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)
Die EKD hat als Reaktion auf die Ergebnisse der Studie unter anderem eine Erklärung zur "Gemeinsamen Haltung zum Umgang mit sexualisierter Gewalt" veröffentlicht.
Die sechs Punkte im Wortlaut:
Wir müssen uns auch tatsächliche Räume angucken. Sie haben das Pfarrhaus angesprochen, aber das gilt auch für Kitas und andere Einrichtungen. Zum Beispiel muss man gucken: Wie gehe ich heute in Seelsorge-Situationen hinein? Oft geht man in einen separaten Raum, macht die Tür zu, damit niemand zuhört. Das ist verständlich, weil Menschen, die etwas auf dem Herzen haben, oft nicht wollen, dass jemand zuhört. Aber genau solche Situationen sind es natürlich, die sexualisierte Gewalt begünstigen. Da müssen wir genau schauen: Wie soll das in Zukunft gehen, damit sexualisierte Gewalt nicht begünstigt werden kann. Das ist eine große Herausforderung und das hat konkrete Auswirkungen auf meine, auf unsere alltägliche Arbeit als Seelsorger.
Wie gehen Sie damit um, dass solche Grundfesten jetzt infrage gestellt werden?
Wessels: Ich bin Teil der Institution und trage Mitverantwortung. Deshalb gehe ich davon aus, dass sich dieser Vertrauensverlust vielleicht nicht auf mich als Person aber auf meine Funktion als Seelsorger erstrecken wird. Es ist jetzt vielleicht nicht mehr für alle klar, dass wer zu mir kommt, auch sicher sein kann. Das beschäftigt mich sehr.
Haben Sie mit Ihren Gemeindemitgliedern schon über die Studie gesprochen?
Wessels: Wir haben im Kirchenrat darüber gesprochen. Und wir sind auch am Thema Prävention dran, da sind wir aktiv dabei. Gepredigt habe ich darüber am vergangenen Sonntag. Das war mir wichtig, das habe ich auf der Kanzel entschieden.
Also sehr spontan?
Wessels: Ja, es war ein Impuls, der aus tiefem Herzen kam. Es war ein Gottesdienst mit Abendmahl und mit den Konfirmanden, die im März konfirmiert werden. Eigentlich wollte ich die Bedeutung des Abendmahls zum Thema der Predigt machen, aber dann habe ich gedacht: Nein, jetzt ist für mich die Studie das Thema. Aber das passt auch zum Abendmahl, denn im Abendmahl erfahren wir den Zuspruch der Vergebung unserer Schuld, wenn wir darum bitten. Das Abendmahl ist das sichtbare Zeichen dafür, dass Schuld auch vergeben werden kann. Wenn sie benannt worden ist und bereut wird.
Wie ist das bei den Gottesdienstbesuchern angekommen?
Wessels: Ich hatte schon das Gefühl, dass die Gemeinde sehr aufmerksam zugehört hat. Ich habe auch von meiner eigenen Betroffenheit erzählt und auch gemerkt, dass sich diese Betroffenheit in den Gesichtern der Gemeindemitglieder widergespiegelt hat.
Wie kann sichergestellt werden, dass jetzt ein besserer Weg eingeschlagen wird?
Wessels: Das geht los mit der Sensibilisierung. Das Thema ist da, es ist präsent, wir müssen es wahrnehmen und anerkennen. Es sind nicht mehr nur diese vagen Vermutungen, von denen ich zu Anfang sprach. Es sind bittere Fakten. Losgelöst von allen Schutzkonzepten müssen wir jetzt aufmerksam sein. Nicht mehr weggucken, wenn uns etwas komisch vorkommt. Und dass wir auch bei solchen Sachen wie Durchkitzeln auf der Konfirmandenfahrt sagen: Lass mal, das muss nicht sein!
Bekannte Missbrauchsfälle in der evangeliosch-reformierten Kirche
Als einzige Landeskirche hat die evangelisch-reformierte Kirche in Leer alle Personalakten für die Forum-Studie zur Verfügung gestellt. Die Landeskirche schreibt dazu auf ihrer Internetseite: "Es wurden dafür sämtliche Personalakten von Pfarrern und Pfarrerinnen, die zwischen 1946 und 2020 in einem Dienst- oder Ruhestandsverhältnis standen, auf Hinweise von sexualisierter Gewalt gegenüber Minderjährigen überprüft. Bereits bei der Gesamtsynode im November hatte Kirchenpräsidentin Susanne bei der Wieden über die Ergebnisse dieser Überprüfung berichtet. Zehn Fälle sexualisierter Gewalt seien an den Forschungsverbund gemeldet worden, in denen eine Person verdächtigt oder beschuldigt worden sei. 13 betroffene Personen sind mit diesen Fällen verbunden."
Dass wir sensibler werden, ist aber nur das Erste. Das Zweite ist die konkrete Präventionsarbeit. Da ist uns zum Beispiel aufgetragen, dass wir alle – alle Kirchengemeinden und kirchlichen Einrichtungen – ein Präventionskonzept erstellen. Darin muss es eine Risikoanalyse geben. Darin muss geguckt werden: Wo gibt es dunkle Räume? Das meine ich wörtlich. Wo gibt es dunkle oder unbeobachtete Ecken, in denen sexuelle Gewalt ausgeübt werden könnte? Wir müssen aber auch Situationen und Strukturen erkennen und benennen, die sexualisierte Gewalt begünstigen – und diese dann versuchen, abzustellen. Dazu gehört, dass es klare Meldewege geben muss, die in Verdachtsfällen greifen. Das ist zentral, weil die Gefahr groß ist, dass es sonst im kleinen Kreis behandelt wird und man sagt: Komm, wir warten erstmal noch ab!
Kann die evangelische Kirche das ohne Hilfe schaffen?
Wessels: Ich halte es für unabdingbar, dass wir uns da Beratung und Begleitung von außen holen.
Sie haben von Vergebung gesprochen: Tatsächlich stellt die Studie auch fest, dass in der evangelischen Kirche schnell um Vergebung gebeten wird, die Reue aber dabei übersprungen wird. Muss sich da etwas ändern?
Wessels: Vor der Schuld kommt ja erst mal die Einsicht. Ich finde, das ist zentral, dass man die Schuld überhaupt einsieht. Dass wir das als Kirche endlich tun, davon bin ich überzeugt. Und dann kommt vor der Vergebung die Bitte um Entschuldigung. Da ist dann die Frage: Wird meine Entschuldigung überhaupt angenommen? Wird mir überhaupt vergeben? Es kann ja sein, dass Betroffene so viel Leid erfahren haben, dass sie nicht bereit oder nicht in der Lage sind zu vergeben. Oder dass sie nicht mehr leben. Dann bekommen wir für die benannte Schuld keine Vergebung durch die Betroffenen. Das müssen wir akzeptieren, ist aber schwer zu tragen.
Gottlob hören wir in der Bibel von der Vergebung durch Jesus Christus, wodurch wir die Möglichkeit für einen neuen Anfang bekommen. Ein Beispiel dafür ist die Erzählung „Jesus und die Ehebrecherin“ im Johannesevangelium. Darin findet sich der berühmte starke Satz: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“. Und dann vergibt Jesus der Frau ihre Schuld, sagt aber gleichzeitig auch zu ihr: „Geh hin, aber sündige hinfort nicht mehr.“ Das ist entscheidend! Wir dürfen die gleiche Schuld nicht noch einmal auf uns laden. So viel zu der Frage der Reue.
Wird es ein anstrengender Weg für die evangelische Kirche?
Wessels: Ja, es wird anstrengend, weil das Vertrauen so stark beschädigt wurde. Es wird viel Anstrengung kosten, dieses Vertrauen wieder herzustellen. Es wird aber auch viel Anstrengung kosten, auch den allerletzten dunklen Winkel zu durchleuchten, so dass wir wirklich sagen können: Wir haben etwas dafür getan, dass sexualisierte Gewalt aufs Äußerste erschwert und, soweit es irgendwie möglich ist, verhindert wird.