Ideen und Ansätze So politisch ist die „Jugend von heute“
Mitbestimmen wollen, aber sich nicht informieren? Immer wieder gibt es Versuche, junge Leute in die Politik zu bringen. Welche Ansätze können überhaupt funktionieren?
Weener - Meist wird der Satz „Die Jugend von heute“ mit einem Seufzer eingeleitet. Abgesehen davon, dass die Kritik an der jungen Generation schon seit Sokrates (469 v. Chr. bis 399 v. Chr) Tradition hat, gibt es auch jede Menge Versuche, junge Menschen ins Boot zu holen. In Sachen Politik zum Beispiel.
In Weener startete kürzlich wieder das Politiker-Paten-Projekt, bei dem Kommunalpolitiker im 13. Jahr Schülerinnen und Schüler mit in Sitzungen nehmen. Außerdem hat die Stadt neuerdings einen Jugendrat, auch in der Gemeinde Bunde wurde ein solches Parlament gewählt. Die jungen Leute nehmen an Ausschüssen teil, können Ideen einbringen. Aber: Hat das den gewünschten Effekt? Schauen wir uns die Forschung dazu an.
Wie sieht die Jugend die Politik?
Interesse ist durchaus da, schreibt beispielsweise das Deutsche Jugendinstitut (DJI). „Vielen jungen Menschen ist das Politische wichtig, aber nur wenige engagieren sich dauerhaft in Parteien. Das beeinflusst die Demokratie und stellt die politische Bildung vor neue Herausforderungen.“
Große repräsentative Jugendstudien belegten demnach, dass auch und besonders Jugendliche der etablierten Politik wenig Vertrauen entgegen brächten. Trotz dieser Distanz zum politischen System seien junge Menschen aber nicht unpolitisch. „Die Politik muss auf allen Ebenen alles daran setzen, das fehlende Vertrauen der Kinder und Jugendlichen herzustellen“, schreibt auch Thomas Krüger, Präsident des Deutschen Kinderhilfswerkes. Dieser Aufgabe müssten sich Parteien, Parlamente, Regierungen und Verwaltungen gleichermaßen stellen. Gleichzeitig müssten die Beteiligungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen in Deutschland dringend ausgebaut und strukturell verankert werden.
Wie engagieren sich junge Leute dann?
Die Jugend sei allerdings nicht unpolitisch – im Gegenteil: „Sie wollen mitgestalten, weichen allerdings aus auf punktuelle, themenspezifische oder andere informelle Aktionen außerhalb der Parteien, die eher expressiv und protestorientiert sind und auch im Internet stattfinden können“, so das DJI. Dies zeigten die Ergebnisse einer DJI-Befragung „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“ (AID:A) aus dem Jahr 2014, bei der etwa 9000 16- bis 29-Jährige zu ihrem politischen Engagement befragt wurden.
Wann und wo sollte man ansetzen?
Es sei dringend notwendig, dass politisches Interesse „bei jungen Menschen möglichst früh geweckt und gefördert werden sollte“. Wie das Jugendinstitut schreibt, sollte das nicht nur in der Familie, sondern auch in Kindertageseinrichtungen und Schulen passieren. Es brauche „Möglichkeiten zur Mitsprache und Beteiligung“, damit alle Kinder früh Meinungsäußerung, Konfliktlösung, Selbstpositionierung und Konsens als Teil politischer Bildung erleben können.
So könne man auch eine Gefahr umgehen: Ohne zusätzliche Bemühungen, weniger privilegierte junge Menschen an die Politik heranzuführen, bestehe das Risiko, „dass (junge) Menschen mit niedriger Schul- und Berufsausbildung nicht nur beruflich und finanziell, sondern auch politisch an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden“, schreibt das DJI.
Wo hapert es?
Die Studien zeigen also, dass es wichtig ist, früh an Kinder und Jugendliche heranzutreten. Allerdings hakt es an einer Stelle, wie das Kinderhilfswerk erfasste: „44 Prozent der Befragten wissen nicht, ob sie auf Entscheidungen vor Ort Einfluss nehmen oder sich politisch engagieren können“, heißt es. Hauptinformationsquellen in dieser Frage seien mit 58 Prozent Schule und Lehrer, Eltern mit 37 Prozent und Freunde mit 24 Prozent nehmen demgegenüber eine nachrangige Rolle ein. Mit großem Abstand folgen das Internet mit 14 Prozent und Tageszeitungen mit 12 Prozent.
Das Interesse am politischen Engagement steige mit zunehmendem Alter, allerdings nur bis zum Alter von 15 Jahren, so das Hilfswerk. Danach sei ein Bruch zu verzeichnen. Mitbestimmen wollen Kinder und Jugendliche am ehesten bei ihrer Freizeitgestaltung, es folgen Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Schule und Fragen des Umweltschutzes oder der Umweltpolitik.
Wie soll es mit der Kommunalpolitik klappen?
„Das Interesse an einer Mitarbeit in politischen Gremien, in die auch Jugendliche gewählt werden, oder die Mitarbeit in Parteien ist mit sieben bis neun Prozent nur sehr schwach ausgeprägt“, ergibt die Umfrage des Kinderhilfswerks. Aber auch die Mitarbeit in Jugendparlamenten sei mit zehn Prozent kaum gefragt. Besser sehe es hier bei der politischen Mitbestimmung durch internetgestützte Verfahren aus, hier würden sich gerne 21 Prozent der Befragten engagieren.
Noch besser steht es um die Mitarbeit bei konkreten Projekten: Immerhin 25 Prozent der Kinder und Jugendlichen würde hier gerne aktiv werden. „Jugendparlamente fristen nach wie vor ein Schattendasein. Knapp die Hälfte der Kinder und Jugendlichen wissen nicht, ob es in ihrem Ort ein Jugendparlament gibt“, zeigten die Ergebnisse. Dabei hielten andererseits 48 Prozent ein Jugendparlament für eine gute Idee, nur 13 Prozent finden diese Form der Mitbestimmung nicht interessant.