Stadtplanung in Emden  Verkehr raus und Fußgänger rein in die Innenstadt

| | 18.02.2024 15:20 Uhr | 4 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
An der Querung zur Fußgängerzone: Planerin Käthe Protze (Mitte) diskutiert mit Spaziergangs-Teilnehmern. Foto: Schuurman
An der Querung zur Fußgängerzone: Planerin Käthe Protze (Mitte) diskutiert mit Spaziergangs-Teilnehmern. Foto: Schuurman
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Die autofreie Innenstadt wird selbst in Emden nicht mehr als Utopie betrachtet. Den Anfang könnten Neutorstraße und die Straße am Delft machen.

Emden - Autos bleiben draußen, Menschen in die Stadt! Dieses nicht ganz neue Motto scheint jetzt auch in Emden immer mehr Befürworter zu finden. Jedenfalls ist es das Ergebnis, das Emdens Stadtbaurätin Irina Krantz in der vergangenen Woche bei mehreren Spaziergängen mit unterschiedlichen Interessengruppen über die Neutorstraße bis zur Straße Am Delft widergespiegelt wurde. „Es findet wirklich ein Umdenken statt“, sagte sie am Samstagmittag beim offenen Spaziergang mit rund 30 interessierten Emdern. „Sogar die Händler sagen: ,Lasst uns Parkhäuser bauen und den Verkehr rausschmeißen!‘“

Ausgangspunkt Rathausboden: Ab hier lädt Stadtbaurätin Irina Krantz Bürger zum Stadtteilspaziergang ein. Foto: Schuurman
Ausgangspunkt Rathausboden: Ab hier lädt Stadtbaurätin Irina Krantz Bürger zum Stadtteilspaziergang ein. Foto: Schuurman

So revolutionär klangen die Einwände oder Ideen der Teilnehmer des Samstagnachmittags-Rundgangs zwar nicht. Einige blieben auch unbeirrbar bei ihrer Meinung, dass nur dort, wo der Autoverkehr fließt, Leben in der Innenstadt sei. Aber das blieben tatsächlich Einzelstimmen. Vielfach wurde der lautstarke Verkehr selbst in der inzwischen verkehrsberuhigteren Neutorstraße bemängelt.

Am Ende den Rat überzeugen

Hintergrund dieser Spaziergänge ist die seitens der Stadt versprochene Bürgerbeteiligung bei großen stadtplanerischen Veränderungen in Emden. Den Auftakt machen die Stadtspitze und Verwaltung mit der Neutorstraße und dem Delft. Dazu gab es in der vergangenen Woche bereits Rundgänge mit Eigentümern anliegender Gebäude, mit Vertretern von Einzelhandel und Gastronomie und mit dem Seniorenbeirat und Beirat für Menschen mit Teilhabeeinschränkungen. Am Samstagmorgen folgten Mitglieder des Jugendparlaments und der Hochschule der Einladung, Samstagnachmittag war offen für alle und auch für die Presse gestaltet. Und letztlich wird es an diesem Montag nochmals einen Rundgang mit Vertretern des Emder Rates geben, kündigte Kranz an: „Dann werden wir auch den Ratsvertretern vom Umdenken berichten und mit dem Rat diskutieren. Denn einen Beschluss gibt es darüber natürlich noch nicht.“

Tatsächlich steht die Stadt trotz der abgeschlossenen Verkehrstestung an der Neutorstraße mit ihrer provisorischen Umgestaltung noch ganz am Anfang des Verfahrens, wie Krantz erläuterte. Im folgenden Teil soll es einen Teilnahmewettbewerb mit einer spezifischen Entwurfsaufgabe geben. Den Zuschlag soll nicht nur der letztlich beste Entwurf bekommen, sondern das stadtplanerische Büro, das auch am leistungsfähigsten ist.

Zehn Millionen Euro für die Umgestaltung

Das Verfahren begleitet das Bremer Landschafts- und Stadtplanungsbüro p+t Planung, das 20 Jahre Erfahrung in der Projektsteuerung in vielen Städten mitbringt. Architektin Dr. Käthe Protze geht bei den Stadtspaziergängen voran, weist auf Schwachstellen hin, macht erste Verbesserungsvorschläge und nimmt vor allem auch die Ideen und Einwände der Teilnehmer auf. Dazu forderte auch Kranz alle Teilnehmer auf. „Wir haben in den letzten zwei Jahren viel Zeit für die Fördergeld-Beschaffung aufgewendet“, erklärte Krantz. „Seit Herbst stehen uns zehn Millionen Euro zur Verfügung, wir haben also etwas Geld, um einen wichtigen Ort in Emden umzugestalten.“

Für alle Ideen wird das sicher nicht reichen, aber Grundlegendes soll damit geschaffen werden. Beginnend eingangs der Neutorstraße schlug die Teilnehmerin Erika Weiser gleich die Verlegung des Bürgersteigs auf die Straße vor, damit das Restaurant „Goldener Adler“ seine provisorische Terrasse ans Haus verlegen kann. Was auf den ersten Blick verrückt klingt, geht aber genau in die Richtung, die die Stadtplanung im Sinn hat: Mehr Aufenthaltsqualität für Menschen zu schaffen, um sie in die Innenstadt zu locken. „Wir können als Stadt keinen Laden vermieten“, sagte Krantz. „Aber wer will schon einen Stuhl rausstellen, wenn er dann mitten im Verkehr sitzt?“

Eine Ebene und altbackene Arkaden

Für weniger Verkehr und mehr Attraktivität soll in der Neutorstraße an vielen Stellen geschraubt werden. Gehwege und Straßen sollen eine ebene Oberfläche bekommen. Stadtgarten oder die Fußgängerzone Zwischen beiden Sielen sollen mit der Neutorstraße verschmelzen. Sind die Arkaden aus den Ende 1980er-Jahre noch zeitgemäß? Auch wenn die Überdachung als Regenschutz geschätzt werde: Die Jugendlichen des morgendlichen Spaziergangs lehnten diese doch als „altbacken“ ab. Von der Bäckerei Rector bis zur Buchhandlung Thalia könnten die Parkflächen für Fahrräder zugunsten der Bewegungsfreiheit weichen. Und die Arkaden darüber könnten auch schöner gestaltet werden, hieß es.

Auch der Übergang zum Stadtgarten gilt als Problemzone. Foto: Schuurman
Auch der Übergang zum Stadtgarten gilt als Problemzone. Foto: Schuurman

Unabhängig von der Optik ist die Barrierefreiheit ein zwingendes Kriterium der Neugestaltung, wie Krantz auf Hinweis einer erblindeten Teilnehmerin versicherte. Maria Dröst hatte zuvor bemängelt, dass sie insbesondere in der Neutorstraße ohne Assistenz nicht unterwegs sein kann, weil überall Fahrräder herumstehen, Läden ihre Kleiderständer herausstellen und die Hauswände als Leitlinien für ihren Blindenstock versperrt sind.

Hafenkopf als Pfund der Stadt

Auch der Übergang von der Neutorstraße zum Delft soll durch eine Verkehrsberuhigung übersichtlicher werden. „Als Auswärtige erkenne ich nicht, wo ich als Fußgängerin laufen darf“, sagte die Planerin Käthe Protze. „Am Otto-Huus fahren Radfahrer in der Fußgängerzone, gegenüberliegend erkennt niemand, dass hinter dem Rathausbogen noch eine Fußgängerstraße versteckt liegt. Und ohne Gefahr kommt niemand an den Delft.“ Dabei sei genau der Hafenkopf ein „unheimliches Pfund“ der Stadt, das viel besser an den Stadtgarten angebunden werden müsse. Auch Kranz betonte: „Wo gibt es sonst noch Straßen direkt am Wasser?“

Nicht gut genug zugänglich für alle: der Hafenkopf am Delft mit seinen vielen Treppen. Foto: Schuurman
Nicht gut genug zugänglich für alle: der Hafenkopf am Delft mit seinen vielen Treppen. Foto: Schuurman

Sie versicherte allerdings auch, dass es immer eine irgendwie geartete Fahrspur rund um den Delft geben werde für Busse, Lieferverkehr und vor allem als Rettungswege. Dennoch könne man den Parkverkehr rausnehmen, die Promenade besser anbinden, nicht zuletzt auch den Hafentorsplatz neu gestalten. Auch dort gelte es, das Aufenthaltsangebot zu verbessern.

Eine Brücke über den Ratsdelft

Die Ideen reichen von neuen Sitzmöbeln, einem Ponton zum Kaffeetrinken neben der Strandbar bis zu Trampolinen und sogar einer Brücke über den Ratsdelft. Realistischer ist da wohl der Austausch des Kopfsteinpflasters zugunsten der Barrierefreiheit. Gehbehinderte sollten außerdem einen direkteren Zugang zum Hafenkopf bekommen. „Ausgerechnet sie haben bisher den weitesten Umweg, um an den Steg zu kommen“, sagte Protze.

Auf jeden Fall soll die Straße Am Delft offensichtlicher an den Alten Binnenhafen angebunden werden. Und damit zieht sich die perspektivische Eindämmung des Autoverkehrs wie ein roter Faden durch die planerischen Vorstellungen der Profis und vieler interessierten Spaziergänger. Protze forderte die Teilnehmer abschließend zu der „schwierigen Lernaufgabe“ auf, den Fußgänger vor dem Verkehr zu sehen. „Wir alle müssen da umdenken.“

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