Das steckt hinter den Bauernprotesten Landwirt am Limit – steigende Kosten, steigende Auflagen
Mit welchen finanziellen Herausforderungen sehen sich ostfriesische Landwirte konfrontiert? Ein exklusiver Blick hinter die Kulissen eines Familienbetriebs in der Hagermarsch.
Norden/Ostfriesland - Ingo Eggert steht auf seinem Hof in der Hagermarsch. „Eigentlich wollte meine Freundin schon einsteigen, aber das ist noch nicht drin“, sagt er. Sie arbeitet noch außerhalb des Hofes, auch aus finanziellen Gründen. „Es ist schwierig“, sagt der Landwirt. Und das liege auch an der Politik, wird im Gespräch deutlich.
Eggert gehört zu den Landwirten, die Anfang des Jahres auf die Straße gegangen sind. Allein die Abschaffung der Agrardieselrückvergütung wird ihm Mehrkosten von rund 8400 Euro im Jahr bescheren. Klingt nicht viel, „aber man muss das alles im Zusammenhang sehen“, sagt Eggert.
Deswegen hat sich Eggert bereit erklärt, zusammen mit seinem landwirtschaftlichen Berater Rainer Mellies und dieser Zeitung einen Blick in seine Bücher zu werfen. Wir erklären die wichtigsten Faktoren, die neben den Erzeugerpreisen über Wohl und Wehe eines landwirtschaftlichen Betriebes entscheiden.
Wie ist Eggerts Betrieb aufgebaut?
Der 35-jährige Landwirtschaftsmeister betreibt den Hof zusammen mit seinem Vater. Der Ertrag muss also für zwei Familien – Vater und Mutter sowie Ingo Eggert mit Partnerin und drei Kindern – reichen. Auch ein Lehrling muss bezahlt werden. Eggert bewirtschaftet insgesamt 205 Hektar, davon sind 65 Hektar Grünland, die restlichen Flächen sind Ackerland. Rund sieben Hektar der Gesamtfläche sind aufgrund von Prämien-Vereinbarungen stillgelegt.
Der Hof hat also sowohl Ackeranbau als auch Milchvieh als Standbeine. Zum Milchviehbetrieb gehören 200 Kühe, die Nachzucht wird zunächst abgegeben und kommt erst später wieder auf den Hof. Aufgrund der beiden Säulen hat Eggert mehr eigenes landwirtschaftliches Gerät als manch anderer Hof. Für die Art des Betriebes könne Eggert aber als recht typisches Beispiel dienen, so Rainer Mellies. Der 55-Jährige ist selbst Landwirt, aber auch landwirtschaftlicher Berater und unterstützt Landwirte bei Planung und Buchführung. „Aber jeder Hof ist anders“, betonen beide. Vergleiche zu ziehen, ist entsprechend schwierig. Auf anderen Betrieben wird es besser aussehen als bei Eggert oder auch schlechter.
Wie viele Subventionen bekommt Eggert?
Schaut man im Internet auf agrar-fischerei-zahlungen.de, sind für den Betrieb von Ingo Eggert und seinem Vater 59.200,05 Euro an Subventionen verzeichnet. Das Geld kommt aus Mitteln der EU und teilte sich 2022 wie folgt auf:
- Basisprämie: 34.996,65 Euro
- Umverteilungsprämie: 1951,80 Euro
- Greening-Prämie: 17.028,24 Euro
- Junglandwirteprämie: 3918,20 Euro
- Erstattung nicht genutzter Mittel der Krisenreserve: 1305,16 Euro
„Das war 2022“, betont Mellies. Seitdem habe sich einiges verändert. So seien die Basis- und die Greening-Prämie weggefallen. Dafür gebe es jetzt eine „Einkommensgrundstützung“ in Höhe von 171 Euro pro Hektar, die an zahlreiche Bedingungen geknüpft ist. Einen Anspruch auf die Junglandwirteprämie habe Eggert auch nicht mehr. „Die Höhe der Prämien für diesen Betrieb sind von 2022 auf 2023 um rund 20.000 Euro gefallen“, zeigt Mellies in der Buchführung. „Dieses Jahr werden es nochmal rund 4000 Euro weniger sein.“ Zahlen, denen Eggert mit Sorge entgegen sieht. „Das wird haarig“, sagt er.
Die nunmehr rund 35.000 Euro aus der EU-Agrarförderung möchte Mellies gar nicht als Subventionen bezeichnen. „Eigentlich schließen wir mittlerweile Dienstleistungsverträge ab“, sagt er. Die politischen Auflagen würden immer höher und viele der Auflagen müssten aktiv vom Landwirt umgesetzt werden. „Wir erbringen also eine direkte Gegenleistung für das Geld, das sind keine Subventionen“, so der Berater.
Was für Auflagen sind an die öffentlichen Gelder gebunden?
Die neue Einkommensgrundstützung ist an die elf Punkte der „Grundanforderungen an die Betriebsführung (GAB)“ sowie an die neun Punkte des Standards für den guten landwirtschaftlichen und ökologischen Zustand von Flächen (GLÖZ) gebunden. Zu den GLÖZ-Punkten gehören unter anderem: Erhaltung von Dauergrünland, Schaffung von Pufferstreifen entlang von Wasserläufen, Fruchtwechsel und ein Mindestanteil von vier Prozent an „nichtproduktiven Flächen“. Unter die GAB fallen unter anderem die Nitrat-, Vogelschutz- und FFH-Richtlinien, aber auch Regelungen zum Pflanzen- und Tierschutz.
Die Gemeinsame Agrarpolitik der EU
Die Prämien aus EU-Geldern, die Landwirte wie Ingo Eggert bekommen können, haben ihre Grundlage in der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union. Wir fassen die Geschichte zusammen.
Die wichtigsten Ziele und Grundlagen
Gründungszweck: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die GAP eingerichtet, um die Produktivität in der Landwirtschaft zu steigern, die Märkte zu stabilisieren und den Landwirten ein angemessenes Einkommen zu sichern.
Anfänge der GAP (1962): Die Gemeinsame Agrarpolitik der EWG trat mit der Marktorganisation für Getreide in Kraft. Die Marktorganisation beruhte auf drei Grundprinzipien: Einheit des Marktes, Gemeinschaftspräferenz und finanzielle Solidarität waren die Grundprinzipien. Verschiedene Marktorganisationen sicherten ein festes Erzeugerpreisniveau.
Strukturwandel: Trotz der GAP gab es betrieblich und in Geschäftsstrukturen über die Jahrzehnte viele Änderungen, mit einer deutlichen Abnahme der Anzahl landwirtschaftlicher Betriebe und einer Steigerung ihrer Größe und Produktivität.
Überschussproblematik: Hohe Stützpreise und mangelnde Mengenkontrolle führten in den 1980er Jahren zu hohen Agrarüberschüssen in der EU.
Paradigmenwechsel (1992-2014): Mit der MacSharry-Reform und der Agenda 2000 reduzierte die EU die Stützpreise und setzte stattdessen auf Direktzahlungen und Umweltbelange. Die Agrarreform 2003 förderte die Entkopplung der Direktzahlungen von der Produktion, was mehr unternehmerische Freiräume und weniger Handelsverzerrungen brachte.
Erweiterung der Förderung: Über die Landwirtschaft hinaus wird die Entwicklung ländlicher Räume gefördert. Investitionen und Umweltmaßnahmen bilden wichtige Bereiche.
Reformen 2021-2027: Die neue GAP setzt auf ein zielgerichtetes Modell mit nationalen Strategieplänen. Umwelt- und Klimaschutz werden stärker betont, und die Mittelverteilung kann flexibler zwischen den zwei Säulen (Direktzahlungen und ländliche Entwicklung) erfolgen.
Die GAP aktuell
Aktuell läuft die GAP-Phase 2023 bis 2027. In diesem Zeitraum stehen pro Jahr rund 6,2 Milliarden Euro für die Agrarförderung in Deutschland zur Verfügung. Neue Grundlage ist ein Strategieplan. Das Bundeslandwirtschaftsministerium dazu: „Der GAP-Strategieplan begleitet den Wandel in der nationalen Umsetzung der GAP, der Umwelt-, Natur- und Klimaschutz wie auch der Landwirtschaft und den ländlichen Räumen zugutekommen soll. Mehr als die Hälfte der EU-Mittel werden inzwischen nach dem GAP-Strategieplan für Umwelt- und Klimaziele eingesetzt. Damit leistet er im Zusammenhang mit dem „Green Deal“ der EU wichtige Beiträge zur Biodiversitätsstrategie und zur Farm to Fork-Strategie.“ Die EU-Förderung besteht sowohl aus Direktzahlungen, den Prämien, als auch aus „Förderprogrammen für die nachhaltige und umweltschonende Bewirtschaftung und die ländliche Entwicklung“.
Kritik an der GAP
Landwirte, nicht nur in Deutschland, kritisieren die GAP unter anderem aufgrund der zunehmenden Bürokratie und der zunehmenden Auflagen. Auch die mangelnde Planungssicherheit wurde in der Vergangenheit immer wieder kritisiert.
Außerdem müssen die Prämien für die gesamte Fläche beantragt werden, es ist nicht möglich, nur einen Teil der Flächen unter GLÖZ-Standards – GAB gilt eh immer, losgelöst von Prämien – zu bewirtschaften. Der Versuch würde Strafen nach sich ziehen, so wie auch andere, selbst kleineste Verstöße eine Kürzung der Gesamtprämien nach sich ziehen. Erst drei, dann fünf, dann zehn Prozent, bevor alles wegfällt. „Jeder Fehler führt zu einem Abzug“, sagt Mellies. Selbst, wenn diese nur leichte Fehler wie Fristverletzungen sind. „Viele Landwirte sind jetzt so weit, dass sie aus dem ganzen System aussteigen und es ohne Prämien versuchen“, sagt Mellies.
Was verdient Eggert im Jahr?
Die Verdienste in der Landwirtschaft sind starken Schwankungen unterworfen. Das zeigen allein die Erzeugerpreise, die „aktuell bei Getreide wieder im Tiefflug sind“, so Mellies, während „Milch niedrig, aber gerade wieder leicht steigend ist“, so Eggert. Exemplarisch hat sich diese Zeitung ein Jahresergebnis zeigen lassen.
Ohne aus Gründen des Betriebsgeheimnisses zu tief einzusteigen, sind zwei Faktoren von Bedeutung: Das „Gehalt“ und das, was an betrieblichen Rücklagen aufgebaut werden konnte.
Zum Gehalt lässt sich sagen, dass in dem relativ typischen Jahr ungefähr 87.000 Euro brutto für die beiden Familien abgefallen sind. Also rund 43.500 Euro pro Familie. Runtergebrochen darauf, dass Ingo Eggert und sein Vater den Hof hauptberuflich bewirtschaften, ist das rechnerisch ein Monatsverdienst von 3625 Euro vor Steuern pro Person – bei einer Wochenarbeitszeit von im Schnitt mindestens 60 Stunden und einer Sieben-Tage-Woche. Hinzu kommt ein Jahresbetrag von 5000 Euro für private Rücklagen für die zwei Familien. Von dem rechnerischen „Gehalt“ geht unter anderem auch noch die private Altersvorsorge ab. Denn die gesetzliche Altersvorsorge für Landwirte sei „ein Witz“, so Mellies. Sie liege deutlich unter der Rente eines Angestellten mit vergleichbarem Gehalt. Ohne zusätzliche Absicherungen gehe es nicht.
Was „verdient“ der Betrieb?
Losgelöst von dem, was die Familien rein rechnerisch verdienen: Mellies betont, dass die betriebliche Seite ebenso wichtig ist. Betrachtet man sämtliche Ausgaben und Einnahmen, dann bleibt rechnerisch auf dem Konto ein Jahresplus von knapp 6000 Euro als betriebliche Rücklage. Dies ist eigentlich der Teil, der für Investitionen aufgebaut werden muss.
Mellies und Eggert holen hier aus: „Ein Arbeitsplatz in der Landwirtschaft ist fast der teuerste Arbeitsplatz, den es in Deutschland gibt“, sagt Mellies. Bezogen auf den Hof von Eggert rechnet er vor, ohne die Flächen mit einzuberechnen: „Wenn ich diesen Betrieb, Gebäude und Geräte, so jetzt genauso hochziehen würde, lägen wir bei einer Größenordnung von rund 1,5 Millionen Euro.“ Pro Familie also 750.000 Euro, „um überhaupt einen Arbeitsplatz zu generieren“.
Investitionen könnten natürlich abgeschrieben werden. Ein Trecker halte als Beispiel zehn Jahre im Schnitt. Wenn der Traktor beim Kauf 100.000 Euro gekostet habe, „dann kostet der zehn Jahre später 140.000 Euro“, so Mellies. „Diese Differenz, die habe ich mir aus dem Betrieb heraus gar nicht ansparen können“, schließt Mellies den Kreis zu den Rücklagen. Aber auch kurzfristige Investitionen schlagen ins Kontor: etwa neue Reifen für den Traktor. „Die kosten auch mal locker 14.000 Euro“, sagt Eggert. Von baulicher Instandhaltung und der Wartung der anderen Maschinen auf dem Hof ganz zu schweigen.
Das Problem: Ein Großteil des Gewinnes werde ja schon für die benannten „Gehälter“ gebraucht. „Und im Privaten wird auch alles teurer. Im Überfluss leben wir definitiv nicht“, sagt Eggert. „Oft bleibt nur das übrig, was für unsere Familie gerade so zum Leben reicht.“ Auch gute Jahre würden da nur bedingt helfen, denn: Wie bei anderen Wirtschaftsbetrieben auch, schlagen sich gute Jahre unter anderem in den Steuervorauszahlungen für nachfolgende Jahre nieder. Sprich: Die Steuerbelastung steigt. Anders als bei vielen anderen Wirtschaftsbetrieben ist der Produktpreis der Landwirtschaft aber starken Schwankungen unterworfen – hinzu kommen Unsicherheiten durch das Wetter. „Vorteile aus guten Jahren sind entsprechend schnell wieder verbraucht“, so Mellies.