Ostfrieslands Tierheime vor dem Kollaps  Dramatischer Hilferuf aus Tierheimen und Vereinen

| | 25.02.2024 17:09 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Das kann passieren, wenn ein Halter mit seinen Hunden überfordert ist: 68 Chihuahua-Rassehunde einer Züchterin landeten kürzlich im Stuttgarter Tierheim. Foto: Bernd Weißbrod/dpa
Das kann passieren, wenn ein Halter mit seinen Hunden überfordert ist: 68 Chihuahua-Rassehunde einer Züchterin landeten kürzlich im Stuttgarter Tierheim. Foto: Bernd Weißbrod/dpa
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Zu wenig Geld, zu wenig Personal und überfüllte Zwinger und Katzenhäuser – in vielen Tierheimen herrscht Aufnahmestopp. Sie stehen kurz vor dem Kollaps. Wie ist die Situation in unserer Region?

Rheiderland - Die Warnung war so eindringlich, dass sie sogar der Tagesschau einen Beitrag wert war. „Die Lage in den Tierheimen ist so dramatisch wie nie zuvor“, sagte der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes Thomas Schröder dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Bei Stichproben in bundesweit 85 Einrichtungen hatten 80 der Tierheime angegeben, Hunde von Privatpersonen gar nicht mehr oder nur noch eingeschränkt aufnehmen zu können. Ein Grund sind die vielen Tiere, die aufgrund ihrer Rasse oder ihres Verhaltens schwer vermittelbar sind. In vielen Katzenhäusern herrscht ebenfalls Aufnahmestopp wegen Überfüllung. Wie ist die Situation in unserer Region?

Iris Holzapfel (links), Leiterin des Tierheims Stapelmoor, und Andrea Pastoor von den Streunerkatzen Rheiderland bemühen sich um die Vermittlung von Katzen. Foto: Gettkowski/Archiv
Iris Holzapfel (links), Leiterin des Tierheims Stapelmoor, und Andrea Pastoor von den Streunerkatzen Rheiderland bemühen sich um die Vermittlung von Katzen. Foto: Gettkowski/Archiv

Aktuell sitzen im Tierheim Stapelmoor 22 Hunde und rund 100 Katzen. Vor allem alte, kranke und problematische Tiere werden häufig zu Dauergästen, weil sie kaum Chancen auf Vermittlung hätten. Tierheimleiterin Iris Holzapfel hat nach 30 Jahren im Tierschutz eine klare Position. Der Hebel sollte ihrer Meinung nach so angesetzt werden, dass sich nicht jeder ein Tier anschaffen kann. Der Online-Tierhandel gehört in ihren Augen verboten. „Wer sich einen Hund anschaffen will, der sollte nicht nur einen Sachkundenachweis vorweisen, sondern auch zum Besuch einer Hundeschule verpflichtet werden“, sagt die 65-Jährige.

Maira ist seit 2018 im Tierheim Jübberde und hat sich nach Einschätzung der Tierschützer toll entwickelt. Für den Staffordshire-Mix muss in vielen Gemeinden eine sehr hohe Hundesteuer gezahlt werden, auch das ist nicht förderlich für die Chance auf eine Vermittlung. Foto: Tierheim Jübberde
Maira ist seit 2018 im Tierheim Jübberde und hat sich nach Einschätzung der Tierschützer toll entwickelt. Für den Staffordshire-Mix muss in vielen Gemeinden eine sehr hohe Hundesteuer gezahlt werden, auch das ist nicht förderlich für die Chance auf eine Vermittlung. Foto: Tierheim Jübberde

Problemhunde landen im Tierheim

„Abgabehunde können wir schon seit längerem nur in wenigen Fällen aufnehmen, weil immer ein Kontingent für Fundhunde zur Verfügung stehen muss und wir nicht die personellen und finanziellen Möglichkeiten haben, die meist erheblich vorbelasteten Tiere zu resozialisieren“, erzählt Christina Busch, 3. Vorsitzende des Vereins, der das Tierheim Jübberde betreibt. Verhaltensauffällige Hunde würden teilweise über Jahre im Tierheim sitzen. „Es dauert es immer erstmal eine Weile, bis die Beurteilung abgeschlossen ist, bevor an eine Vermittlung überhaut zu denken ist. Und auch dann gibt es wenige Interessenten“, so die 3. Vorsitzende.

Hündin Elli lebt seit Juni 2022 im Tierheim und ist nur schwer vermittelbar. Die unsichere Hündin wurde als gefährlich eingestuft und braucht erfahrene und souveräne Halter. Foto: Tierheim Jübberde
Hündin Elli lebt seit Juni 2022 im Tierheim und ist nur schwer vermittelbar. Die unsichere Hündin wurde als gefährlich eingestuft und braucht erfahrene und souveräne Halter. Foto: Tierheim Jübberde

Auch das Thema Hundesteuer kann die Vermittlung erschweren. Im Landkreis Leer können Gemeinden nach eigenem Ermessen die Hundesteuer für bestimmte Rassen festlegen. „Dies umfasst meist neben bestimmten Rassen auch Hunde, die als gefährlich eingestuft wurden. Die Steuersätze für diese Hunde sind dann um ein Vielfaches höher, was Interessenten in der Vermittlung natürlich abschreckt“, so Busch. Der Verein würde sich wünschen, dass für Hunde aus dem Tierschutz Ausnahmemöglichkeiten geschaffen werden. „Hunde aller Rassen werden bei uns ausführlich begutachtet und erst nach umfänglicher Beurteilung vermittelt. Es wäre schön, wenn dies bei der Festsetzung der Hundesteuer berücksichtigt werden könnte und würde uns die Vermittlung sehr erleichtern“, sagt sie. Das würde sich auch positiv auf die Aufnahmekapazitäten auswirken.

Iris Holzapfel, Leiterin des Tierheims Stapelmoor, engagiert sich seit mehr als 30 Jahren im Tierschutz. Sie fordert mehr Verantwortungsgefühl von Menschen, die sich ein Tier anschaffen. Foto: Ortgies/Archiv
Iris Holzapfel, Leiterin des Tierheims Stapelmoor, engagiert sich seit mehr als 30 Jahren im Tierschutz. Sie fordert mehr Verantwortungsgefühl von Menschen, die sich ein Tier anschaffen. Foto: Ortgies/Archiv

Tierschutzvereine stoßen an Grenzen

Doch nicht nur die Tierheime haben Probleme. Auch die zahlreichen Vereine, die sich um Streunerkatzen und ausgesetzte Tiere kümmern, stoßen zunehmend an Grenzen, personelle und finanzielle. Es werden immer mehr Tiere ausgesetzt und die Kosten werden immer höher. „Ich habe heute wieder einmal schlaflos am Tisch gesessen und Tierarztrechnungen sortiert“, erzählt Marianne Görs vom Tierhilfeverein Bingumgaste. „Entsetzt bin ich über den Betrag, den wir heute für die Kastration zweier Streuner in Rechnung gestellt bekommen haben: 450 Euro halte ich ganz ehrlich für überzogen, da war noch nicht einmal der Chip dabei.“

Ein Trost für Marianne Görs: Die kastrierten Tiere könnten sich zumindest nicht weiter vermehren. „Aber es ist schade, dass wir als kleiner relativ neuer Verein so kämpfen müssen“, sagt die Bingumerin. Der erst im vergangenen Jahr gegründete Verein steht nicht allein vor diesem Problem. Der Pfötchennotdienst in Ihrhove, der sich ebenfalls um streunende und ausgesetzte Tiere kümmert, stößt ebenfalls an seine Grenzen. Viele Plätze seien dauerhaft mit Tieren besetzt, die aufgrund einer chronischen Erkrankung kaum Chancen auf eine Vermittlung hätten. „Es würde uns schon entlasten, wenn die Tiere frei auf einem Bauernhof leben könnten und dort versorgt würden.“

Kastrationspflicht würde helfen

Helfen würde nach Aufassung von Agnes Wiesenhütter vom Pfötchennotdienst eine Kastrationspflicht für Katzen. „In der Gemeinde Rhauderfehn läuft das super“, sagt die Tierschützerin. Wenn es Hinweise gebe, nehme die Gemeinde Kontakt zu Besitzern nicht kastrierter Freigängerkatzen auf und fordere sie auf, der Kastrationspflicht nachzukommen. In Westoverledingen hingegen, werde nichts unternommen, selbst wenn die Besitzer nicht kastrierter Tiere bekannt seien. Die Hälfte der Kätzchen, die aus der Vermehrung unkastrierter Tiere hervorgingen, würden beim Pfötchennotdienst landen.

„Die Kosten für deren Kastration könnte man dann schonmal sparen.“ Die Gebühren seien auf 120 bis 130 Euro für Kater und rund 200 Euro für eine Katze gestiegen. Um diese Aktionen zu wuppen, haben sich der Pfötchennotdienst und die Gemeinde Rhauderfehn ein Projekt einfallen lassen. Wer den Tierschutzverein unterstützen möchte, kann für ein Tier zum Kastrationspaten werden und die Kosten für diese Behandlung übernehmen. „Die Aktion läuft allerdings schleppend“, bedauert Agnes Wiesenhütter. Mitunter tun sich mehrere Tierfreunde zusammen, um gemeinsam eine Behandlung zu finanzieren. Der Verein setzt daher weiter auf Aktionen wie Flohmärkte und Spendenaufrufe.

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