Leer  Jahrelang warten sie auf ein Herrchen: So angespannt ist die Lage in vielen Tierheimen

| | 28.02.2024 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Das kann passieren, wenn ein Halter mit seinen Hunden überfordert ist: 68 Chihuahua-Rassehunde einer Züchterin landeten kürzlich im Stuttgarter Tierheim. Foto: dpa/Bernd Weißbrod
Das kann passieren, wenn ein Halter mit seinen Hunden überfordert ist: 68 Chihuahua-Rassehunde einer Züchterin landeten kürzlich im Stuttgarter Tierheim. Foto: dpa/Bernd Weißbrod
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Zu wenig Geld, zu wenig Personal und überfüllte Zwinger und Katzenhäuser – in vielen Tierheimen herrscht Aufnahmestopp. Auch in der Region Ostfriesland kämpfen einige Tierheime und Vereine mit steigenden Kosten und mangelnden Interessenten.

Die Warnung war so eindringlich, dass sie sogar der Tagesschau einen Beitrag wert war. „Die Lage in den Tierheimen ist so dramatisch wie nie zuvor“, sagte der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, Thomas Schröder dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Bei Stichproben in bundesweit 85 Einrichtungen hatten 80 der Tierheime angegeben, Hunde von Privatpersonen gar nicht mehr oder nur noch eingeschränkt aufnehmen zu können. Ein Grund sind die vielen Tiere, die aufgrund ihrer Rasse oder ihres Verhaltens schwer vermittelbar sind. In vielen Katzenhäusern herrscht ebenfalls Aufnahmestopp wegen Überfüllung. Wie ist die Situation in Ostfriesland?

Aktuell sitzen im Tierheim Stapelmoor (Landkreis Leer) 22 Hunde und rund 100 Katzen. Vor allem alte, kranke und problematische Tiere werden häufig zu Dauergästen, weil sie kaum Chancen auf Vermittlung hätten. Tierheimleiterin Iris Holzapfel hat nach 30 Jahren im Tierschutz eine klare Position. Der Hebel sollte ihrer Meinung nach so angesetzt werden, dass sich nicht jeder ein Tier anschaffen kann. Der Online-Tierhandel gehört in ihren Augen verboten. „Wer sich einen Hund anschaffen will, der sollte nicht nur einen Sachkundenachweis vorweisen, sondern auch zum Besuch einer Hundeschule verpflichtet werden“, sagt die 65-Jährige.

„Abgabehunde können wir schon seit längerem nur in wenigen Fällen aufnehmen, weil immer ein Kontingent für Fundhunde zur Verfügung stehen muss und wir nicht die personellen und finanziellen Möglichkeiten haben, die meist erheblich vorbelasteten Tiere zu resozialisieren“, erzählt Christina Busch, 3. Vorsitzende des Vereins, der das Tierheim Jübberde (Landkreis Leer) betreibt. Verhaltensauffällige Hunde würden teilweise über Jahre im Tierheim sitzen. „Es dauert es immer erstmal eine Weile, bis die Beurteilung abgeschlossen ist, bevor an eine Vermittlung überhaut zu denken ist. Und auch dann gibt es wenige Interessenten“, so die 3. Vorsitzende.

Auch das Thema Hundesteuer kann die Vermittlung erschweren. Im Landkreis Leer können Gemeinden nach eigenem Ermessen die Hundesteuer für bestimmte Rassen festlegen. „Dies umfasst meist neben bestimmten Rassen auch Hunde, die als gefährlich eingestuft wurden. Die Steuersätze für diese Hunde sind dann um ein Vielfaches höher, was Interessenten in der Vermittlung natürlich abschreckt“, so Busch.

Der Verein würde sich wünschen, dass für Hunde aus dem Tierschutz Ausnahmemöglichkeiten geschaffen werden. „Hunde aller Rassen werden bei uns ausführlich begutachtet und erst nach umfänglicher Beurteilung vermittelt. Es wäre schön, wenn dies bei der Festsetzung der Hundesteuer berücksichtigt werden könnte und würde uns die Vermittlung sehr erleichtern“, sagt sie. Das würde sich auch positiv auf die Aufnahmekapazitäten auswirken.

Doch nicht nur die Tierheime haben Probleme. Auch die zahlreichen Vereine, die sich um Streunerkatzen und ausgesetzte Tiere kümmern, stoßen zunehmend an Grenzen, personelle und finanzielle. Es werden immer mehr Tiere ausgesetzt und die Kosten werden immer höher.

„Ich habe heute wieder einmal schlaflos am Tisch gesessen und Tierarztrechnungen sortiert“, erzählt Marianne Görs vom Tierhilfeverein Bingumgaste (Stadt Leer). „Entsetzt bin ich über den Betrag, den wir heute für die Kastration zweier Streuner in Rechnung gestellt bekommen haben: 450 Euro halte ich ganz ehrlich für überzogen, da war noch nicht einmal der Chip dabei.“

Ein Trost für Marianne Görs: Die kastrierten Tiere könnten sich zumindest nicht weiter vermehren. „Aber es ist schade, dass wir als kleiner, relativ neuer Verein so kämpfen müssen“, sagt die Bingumerin. Der erst im vergangenen Jahr gegründete Verein steht nicht allein vor diesem Problem. Der Pfötchennotdienst in Ihrhove (Landkreis Leer), der sich ebenfalls um streunende und ausgesetzte Tiere kümmert, stößt ebenfalls an seine Grenzen. Viele Plätze seien dauerhaft mit Tieren besetzt, die aufgrund einer chronischen Erkrankung kaum Chancen auf eine Vermittlung hätten. „Es würde uns schon entlasten, wenn die Tiere frei auf einem Bauernhof leben könnten und dort versorgt würden.“

Helfen würde nach Auffassung von Agnes Wiesenhütter vom Pfötchennotdienst eine Kastrationspflicht für Katzen. „In der Gemeinde Rhauderfehn läuft das super“, sagt die Tierschützerin. Wenn es Hinweise gebe, nehme die Gemeinde Kontakt zu Besitzern nicht kastrierter Freigängerkatzen auf und fordere sie auf, der Kastrationspflicht nachzukommen.

In Westoverledingen (Landkreis Leer) hingegen, werde nichts unternommen, selbst wenn die Besitzer nicht kastrierter Tiere bekannt seien. Die Hälfte der Kätzchen, die aus der Vermehrung unkastrierter Tiere hervorgingen, würden beim Pfötchennotdienst landen.

„Die Kosten für deren Kastration könnte man dann schonmal sparen.“ Die Gebühren seien auf 120 bis 130 Euro für Kater und rund 200 Euro für eine Katze gestiegen. Um diese Aktionen zu wuppen, haben sich der Pfötchennotdienst und die Gemeinde Rhauderfehn (Landkreis Leer) ein Projekt einfallen lassen.

Wer den Tierschutzverein unterstützen möchte, kann für ein Tier zum Kastrationspaten werden und die Kosten für diese Behandlung übernehmen. „Die Aktion läuft allerdings schleppend“, bedauert Agnes Wiesenhütter. Mitunter tun sich mehrere Tierfreunde zusammen, um gemeinsam eine Behandlung zu finanzieren. Der Verein setzt daher weiter auf Aktionen wie Flohmärkte und Spendenaufrufe.

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Dieser Artikel erschien zuerst in der Ostfriesen-Zeitung in Leer.

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