Kickers Emden gastiert in Rehden  Kickers-Gegenspieler spielte einst unter falschem Namen

| | 01.03.2024 21:28 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ebrima Jobe (rechts) spielte mit dem BSV Rehden auch schon in der Regionalliga Nord. Dahin will der Klub aus dem Landkreis Diepholz mit einem Zwei-Jahres-Plan zurück. Foto: Imago
Ebrima Jobe (rechts) spielte mit dem BSV Rehden auch schon in der Regionalliga Nord. Dahin will der Klub aus dem Landkreis Diepholz mit einem Zwei-Jahres-Plan zurück. Foto: Imago
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Der BSV trifft auf einen Gegner, dessen Torjäger Ebrima Jobe als Flüchtling nach Deutschland kam. Er hatte zunächst eine falsche Identität. Dann flog alles auf – und eine besondere Geschichte begann.

Emden - David Schiller schoss immer Tore als David Schiller, Tido Steffens als Tido Steffens – aber Ebrima Jobe ging seine ersten Jahre in Deutschland als Bolly Jawo auf Torejagd. „Er hat damals einen Fehler gemacht, der in seiner Situation aber menschlich war, und hat dafür dann auch auf die Fresse bekommen“, sagt Kristian Arambasic. Er ist nicht nur Lehrer an einer Oberschule in einem Bremer „Brennpunkt“, sondern seit vielen Jahren der Trainer von Ebrima Jobe. Erst beim FC Oberneuland, nun beim BSV Rehden, der an diesem Samstag (2. März) ab 14 Uhr den BSV Kickers Emden in der Fußball-Oberliga empfängt.

Kristian Arambasic hat eine junge Mannschaft. Oft seien acht U23-Spieler in der Startelf, sagt der Rehden-Coach. Foto: Doden/Emden
Kristian Arambasic hat eine junge Mannschaft. Oft seien acht U23-Spieler in der Startelf, sagt der Rehden-Coach. Foto: Doden/Emden

Ebrima Jobe führt mit Tido Steffens zusammen mit jeweils zwölf Treffern die Torjägerliste der Oberliga an, David Schiller ist mit elf Treffern in Lauerstellung. Dennoch ist es möglich, dass Jobe Samstag zunächst auf der Auswechselbank Platz nimmt. Das hat mit seiner Geschichte als Flüchtling zu tun. „Er war Anfang des Jahres für fünf Wochen zum ersten Mal seit Jahren wieder in seinem Heimatland Gambia, hat zum ersten Mal seitdem wieder seine Familie gesehen“, berichtet Kristian Arambasic. Seit wenigen Wochen ist der 27-Jährige wieder in Deutschland, hat zuvor einen Großteil der Winter-Vorbereitung verpasst. „Er hat natürlich noch Nachholbedarf.“

Die Lüge nach der Ankunft

Aber nicht beim Thema Integration. „Er ist ein perfektes Beispiel für gelungene Integration“, lobt ihn Arambasic, der von Ebrima Jobe auch öfters „Papa“ genannt wurde.

Dem „Weser Kurier“ in Bremen berichtete Ebrima Jobe vor zwei Jahren, dass er 2016 als 18-Jähriger über Frankreich nach Deutschland flüchtete. In Gambia sah er keine Zukunft mehr für sich. „Die Schleuser rieten ihm dann, sich jünger zu machen und eine andere Identität anzugeben“, erzählt Kristian Arambasic. So ließ er sich als 16-jähriger Bolly Jawo von den Behörden registrieren, kam nach Bremen. Der Identitätswechsel verschaffte ihm einen Platz in einem Flüchtlingsheim für unbegleitete Minderjährige – und damit eine Duldung als Geflüchteter.

Ein anonymer Hinweis

Sein Fußballtalent fiel in Bremen direkt auf. Erst spielte er bei der A-Jugend des Blumenthaler SV, dann geht es 2017 zum FC Oberneuland. Doch dann gibt es laut „Weser Kurier“ einen anonymen Hinweis aus der Bremer Fußball-Szene, dass Bolly Jawo nicht Bolly Jawo ist. Er flog auf und aus dem Flüchtlingsheim für Minderjährige.

Eine Bremer Familie und besonders auch der FC Oberneuland halfen dem jungen Mann, der nun auch in Deutschland Ebrima Jobe ist. „Wir haben ihm eine Ausbildungsstelle zum Maler besorgt. Da waren wir dem Betrieb auch sehr dankbar, weil Ebrima fast noch kein Deutsch sprach. Er hat es im Grunde während der Ausbildung gelernt“, so Arambasic.

Der Trainer und das Sky-Video

All das half, dass er in Deutschland bleiben durfte. Seine Ausbildung hat der Mann aus Gambia bestanden. „Er arbeitet weiter in dem Betrieb, liegt dem Steuerzahler nicht auf der Tasche und ist auch über den Fußball voll integriert – das ist eine Bilderbuch-Geschichte“, freut sich sein Trainer.

Der ist auch ein besonderer Coach. Als der heute 46-Jährige vor elf Jahren mit dem Bremer Fünftligisten SG Aumund-Vegesack den DFB-Pokal erreichte, filmte der TV-Sender Sky seine Ansprache vor dem Spiel gegen Hoffenheim, das 0:9 verloren ging. Das emotionale Zwei-Minuten-Video war im Internet der Renner. „So etwas kann man nur bei ganz besonderen Spielen machen, sonst ist das irgendwann verbraucht.“

Klare Meinung zu Kickers

Auch wenn der Bremer vor der Partie gegen Kickers nicht ins oberste Emotions-Regal greifen wird, kann sich Emden auf viel Gegenwehr einstellen. „Es ist unser erstes Heimspiel seit Oktober. Wir werden heiß sein und wir wollen natürlich versuchen, Kickers zu ärgern – und sie zu schlagen. Auch wenn wir wissen, wie schwer das sein wird. Für mich wird Kickers am Ende aufsteigen. Für die anderen Teams da oben geht es um den Relegationsplatz.“ Den hat der Regionalliga-Absteiger auch im Auge. Der derzeit neunte Platz trügt. Die Rehdener haben weniger Spiele als einige Konkurrenten. „Und drei Niederlagen am Stück hatten uns etwas zurückgeworfen.“

Im Hinspiel siegte Kickers gegen Rehden 4:1, auch David Schiller traf. Foto: Doden/Emden
Im Hinspiel siegte Kickers gegen Rehden 4:1, auch David Schiller traf. Foto: Doden/Emden

Doch mit dem 1:0-Sieg in Eilvese feierte Rehden am Wochenende ebenso ein Erfolgserlebnis wie Kickers beim starken 5:0 gegen Schöningen. „Es war wichtig, dass wir nach der guten Winter-Vorbereitung auch gut aus den Startlöchern kommen“, sagt Emdens Trainer Stefan Emmerling nach dem ersten Pflichtspiel im vierten Versuch des Jahres. „Jetzt geht es weiter und wir wollen nachlegen, auch wenn es auch in Rehden schwer wird. Das ist eine sehr spielstarke Mannschaft.“

Erdogan schon im Kader?

Die Lobeslieder der Konkurrenten auf das Kickers-Team und die vorzeitigen „Titel-Prophezeiungen“ will Emmerling nicht an sein Team heranlassen. „Wir lassen uns nicht einlullen.“ Dafür sorgt auch der interne Konkurrenzkampf.

Stefan Emmerling gelang mit seinem Team ein Traumstart ins Punktspieljahr 2024. Foto: Doden/Emden
Stefan Emmerling gelang mit seinem Team ein Traumstart ins Punktspieljahr 2024. Foto: Doden/Emden

Zwar dürfte es nach dem Schöningen-Sieg kaum bis keine Veränderungen in der Startelf geben. Aber mit dem potenziellen Stammspieler Efkan Erdogan gibt es nun eine weitere Alternative. Der Verteidiger hat nach seinem Kreuzbandriss und monatelangen Aufbau- und zuletzt Mannschaftstraining vom Arzt grünes Licht bekommen, wieder voll einzusteigen. Ob er zum 19-köpfigen Kader gehören wird, wollte das Trainerteam nach dem Abschlusstraining entscheiden.

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