Boßel-Europameisterschaft im Mai Weit mehr als 10.000 Zuschauer in Neuharlingersiel erwartet
Die erste Friesensport-EM in Ostfriesland seit 1988 könnte ganz besonders werden. Vom 9. bis 12. Mai gibt es Wettkämpfe am Deich. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Großereignis.
Neuharlingersiel - Wenn England als Mutterland des Fußballs gilt, dann ist Ostfriesland ein solches für den Friesensport. Besonders in den Landkreisen Wittmund und Aurich sowie dem Altkreis Norden sind die Straßen an den Saison-Wochenenden voll mit Boßlern und Boßlerinnen. Im „Mekka des Friesensports“ findet vom 9. bis 12. Mai die 17. Boßel-Europameisterschaft statt. Der Austragungsort in Neuharlingersiel direkt an der Nordseeküste sorgt für große Vorfreude bei allen Beteiligten. „Wir rechnen pro Wettkampftag mit 5000 bis 10.000 Zuschauern“, sagt Folkmar Lüpkes.
Der Mann aus Utgast ist Vorsitzender des Boßel-Kreisverbandes Esens. Er hatte 2019 auch die Idee mit dem Austragungsort Neuharlingersiel. „Das werden tolle Tage für den Friesensport. Wer nicht vorbeikommt, wird sich ärgern, dass er nicht da war.“
Wie lange gibt es Boßel-Europameisterschaften?
Die International Bowlplaying Association (IBA) richtet seit 1970 Europameisterschaften aus. Deutschland stellt mit dem Friesischen Klootschießer-Verband (FKV), in dem die Ostfriesen und Oldenburger organisiert sind, und dem Verband Schleswig-Holsteinischer Boßler (VSHB) zwei Teilnehmer. Hinzu kommen Irland und die Niederlande. 2000 wurde auch ein Verband aus Italien aufgenommen. Dort wird der Sport in der Region um Bologna teilweise ausgeübt.
Die erste EM fand 1970 in Cork statt. Die irische Stadt ist auch Rekord-Gastgeber (1970, 1977, 1992, 2008). Seit 1980 werden die internationalen Wettkämpfe alle vier Jahre in einem festen Gastgeber-Rhythmus der Verbände ausgetragen. Das ist auch der Grund, dass bisher erst eine einzige (!) EM in Ostfriesland stattfand: 1988 in Norden. Denn wenn der FKV an der Reihe ist, sind abwechselnd der Landesklootschießerverband Ostfriesland und der Klootschießerverband Oldenburg Gastgeber. 2004 war es Westerstede – 2024 ist es nun Neuharlingersiel.
Welche Wettkämpfe stehen bei einer EM an?
Der Ursprung des Friesensports ist nicht das abseits der EM dominierende Boßeln, sondern das Klootschießen. Dabei wird beim sogenannten Standkampf versucht, den kleinen Kloot so weit wie möglich zu werfen. Es gilt die Weite, wo die Kugel aufkommt. Die FKV-Sportler benutzen zur Hilfe ein Sprungbrett, die anderen Teilnehmer meistens nicht. Beim sogenannten Feldkampf wird auf einer langen Strecke auf einem Feld mit der Hollandkugel geworfen. Dabei hat jeder Werfer oder jede Werferin zehn Würfe. Es wird von dort weitergeworfen, wo die Kugel liegen geblieben ist.
Dritte Disziplin ist das Straßenboßeln mit der Eisenkugel, die wesentlich kleiner ist als eine ostfriesische Holz- oder Gummiboßelkugel. Männer, Frauen, männliche und weibliche Jugend haben jeweils Wettkämpfe. Es gibt eine Einzel- und eine Teamwertung.
Warum fiel die Wahl auf Neuharlingersiel?
Aus Ostfriesland hatten sich der Kreisverband Aurich mit Wettkämpfen um Aurich und der Kreisverband Norden mit dem Austragungsort Halbemond ebenfalls beworben. Doch die Wahl fiel 2019 auf den Küstenort in der Nähe von Esens. „Es wird eine EM der kurzen Wege, für die Athleten und Zuschauer“, sagt Folkmar Lüpkes, der 2019 die Idee hatte, die moderne Jugendherberge in Neuharlingersiel als eine Art „olympisches Dorf“ zu nutzen. Sie wurde 2019 vom FKV komplett für die EM-Zeit gemietet. „Das gab es so noch nie und ist etwas ganz Besonderes. Wir erwarten rund 400 Sportler und Sportlerinnen“, sagt Helfried Götz. Der Friedeburger Bürgermeister ist leidenschaftlicher Friesensportler und seit knapp drei Jahren Vorsitzender des FKV. Er gehört wie Lüpkes zu einer Lenkungsgruppe von zehn bis zwölf Personen, die die EM im Detail mit vorbereitet.
Am Donnerstag, 9. Mai (Vatertag), wird es am Nachmittag einen großen Festumzug geben. Der führt zu einem Festgelände in den Hafen, wo die EM dann offiziell eröffnet wird. Am Freitag, Samstag und Sonntag beginnen die Wettkämpfe mit den Nachwuchswettbewerben schon um 9 Uhr, gehen bis in den späten Nachmittag. Der Feldkampf (Richtung Ostbense) und Standkampf (am Kitesurfstrand) werden am Deich ausgetragen. „Das wird eine tolle Kulisse“, finden Lüpkes und Goetz.
Wie groß wird das Interesse sein?
Sehr groß. Die tausenden ostfriesischen Friesensportler – im FKV sind 36.000 Mitglieder organisiert – dürften sich die Chance nicht nehmen lassen, eine EM einmal „vor der Haustür“ zu erleben. Auch viele Niederländer werden erwartet, zudem größere Delegationen aus Schleswig-Holstein und Irland. Am wenigsten Entourage ist von den Italienern zu erwarten. Pro Wettkampftag wird mit 5000 bis 10.000 Zuschauern gerechnet. Hinzu kommen Touristen, die sich das für sie ungewöhnliche Spektakel auch anschauen dürften. „Um das Himmelfahrtswochenende befinden sich etwa 8000 Gäste in Neuharlingersiel“, sagt der Esenser Boßelchef Folkmar Lüpkes.
Die Bühne ist also so groß wie lange nicht mehr, um den Friesensport zu präsentierten. Darauf freut sich auch FKV-Chef Helfried Goetz: „Wir wollen unseren Heimatsport traditionell und modern präsentieren. Und einer breiten Öffentlichkeit zeigen, dass das Leistungssport ist und Boßeln und Klootschießen gar nichts mit Kohltouren zu tun hat.“