Versammlung in Leer  Ostfriesischer AfD-Kreisparteitag von Gegenprotest begleitet

| | 06.04.2024 14:56 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Zur Hauptkundgebung gegen 11 Uhr kamen rund 120 Menschen zusammen, um gegen den zeitgleich stattfindenden AfD-Kreisparteitag zu demonstrieren. Foto: Hock
Zur Hauptkundgebung gegen 11 Uhr kamen rund 120 Menschen zusammen, um gegen den zeitgleich stattfindenden AfD-Kreisparteitag zu demonstrieren. Foto: Hock
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Die AfD hätte den Termin wahrscheinlich lieber unter Verschluss gehalten: Am Samstag fand in Leer der Kreisparteitag für Ostfriesland statt. Dagegen demonstrierten mehr als hundert Menschen.

Leer - Am Freitag legte Anja Arndt, Vorsitzende des Kreisverbandes Ostfriesland der AfD, bei einem Anruf dieser Zeitung einfach auf. Kurz zuvor hatte sie auf die Frage, ob an diesem Samstag, 6. April 2024, denn der AfD-Kreisparteitag in Leer stattfinde, nur geantwortet: „Dazu gebe ich Ihnen keinen Kommentar ab.“ So ein Bohei um Kreisparteitage macht in Ostfriesland sonst wohl keine Partei.

Allerdings hat auch keine Partei mit so viel Gegenwind zu rechnen wie die AfD. Jüngst war die AfD in ihrer Gesamtheit aufgrund einer Correctiv-Recherche in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten. Aber schon davor war man in Ostfriesland bemüht, sich bedeckt zu halten. Veranstaltungen der AfD Ostfriesland werden in der Regel kaum öffentlich beworben. Man hatte, das kann guten Gewissens angenommen werden, wohl auch dieses Mal gehofft, ohne öffentliche Aufmerksamkeit tagen zu können.

Gegenprotest und Unterstützung von der „Menschenfamilie“

Sehen sich als Teil der „Menschheitsfamilie“ und demonstrierten für Meinungsfreiheit: Mitglieder und Sympathisanten der verschwörungsideologischen Kleinstpartei „Die Basis“. Eine Nähe zur AfD war vor Ort nicht von der Hand zu weisen. Foto: Hock
Sehen sich als Teil der „Menschheitsfamilie“ und demonstrierten für Meinungsfreiheit: Mitglieder und Sympathisanten der verschwörungsideologischen Kleinstpartei „Die Basis“. Eine Nähe zur AfD war vor Ort nicht von der Hand zu weisen. Foto: Hock
Das gelang nicht. Bereits am frühen Vormittag sammelte sich eine Handvoll „Omas gegen rechts“ auf dem Parkplatz neben dem City-Haus. Allerdings gab es noch eine ähnlich große, weitere Gruppe. Man sei „als Menschen hier“, sagten die Mitglieder dieser Gruppe. Von „Menschenfamilie“ war die Rede, auf den Plakaten sprach man sich für Frieden und gegen Krieg aus, im Gespräch dann für Meinungsfreiheit und gegen „Hetze gegen die AfD“. Teile der Gruppe gingen auch ins City-Haus oder kamen zuvor mit AfD-Mitgliedern zum Veranstaltungsort. Als sich schließlich der für 11 Uhr angekündigte Gegenprotest formierte, war die basisnahe Gruppe verschwunden.
Die Statements des Gegenprotests waren klar. Foto: Hock
Die Statements des Gegenprotests waren klar. Foto: Hock

Dafür kamen rund 120 andere Menschen, um ein Zeichen gegen die AfD zu setzen. Das teilweise auch etwas lauter, woraufhin die AfD die Fenster im oberen Stock des City-Hauses schloss. Was den Gegenprotest derweil besonders irritierte: das „Schweigekartell“ im Kreishaus, wie Mechthild Tammena, Ortsvereinsvorsitzende der Grünen Leer, es nannte. Obwohl sich die AfD in die vom Landkreis Leer vermieteten Räume klagen musste, seien nicht alle Politiker im Kreistag darüber informiert worden. Weder über den AfD-Kreisparteitag noch über die Klage. Wie es so weit kommen konnte, das müsse man aufklären. Die Polizei war mit mehreren Fahrzeugen vor Ort, es verlief alles ruhig. Am Nachmittag kamen noch etwa 250 Menschen zum Denkmalsplatz, um mit verschiedenen Aktionen für Demokratie und Vielfalt zu protestieren.

AfD-Landeschef Frank Rinck zu Gast

Anja Arndt war als Kreisvorsitzende an diesem Tag nur kurz zu sehen. Kaum war sie zusammen mit ihrem Mann angekommen, verschwand sie im City-Haus und blieb dort auch bis zum Ende der Veranstaltung am frühen Nachmittag.

Anja Arndt, Vorsitzende der AfD Ostfriesland. Foto: Hock
Anja Arndt, Vorsitzende der AfD Ostfriesland. Foto: Hock

Ein Teilnehmer sagte gegenüber der anwesenden Presse, dass Widerstand und Protest gegen die AfD vom „linksextremen Verfassungsschutz“ orchestriert seien. Ein anderer Teilnehmer, der zuvor als ein Organisator der verschwörungsideologischen Corona-Proteste in Emden in Erscheinung trat, wurde von Parteikollegen darauf hingewiesen, dass er nicht mit der Presse reden solle.

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Neben dem Ehepaar Arndt und den weiteren Vorstandsmitgliedern gab es auch ein paar andere erwähnenswerte Teilnehmer. So reiste als Vertretung des Landesvorstandes der AfD-Chef Niedersachsens höchst persönlich an: Frank Rinck. Die AfD Niedersachsen wird vom Verfassungsschutz des Landes als „Verdachtsfall“ und noch nicht als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft. Im Mai soll darüber entschieden werden, ob diese Einschätzung geändert wird. Ebenfalls anwesend war Rincks „persönlicher Referent“: Simon Arndt. Ob hier verwandtschaftliche Verhältnisse zur ostfriesischen Vorsitzenden bestehen, ist noch nicht gänzlich klar.

Anja Arndt: Von der Vorsitzenden zur Europa-Kandidatin

Ebenfalls anwesend war der Emder Hochschulprofessor Reiner Osbild. Er war selbst bis vor ein paar Jahren Vorsitzender des Kreisverbandes Ostfriesland – bis irgendwann die Frage aufkam, ob er je rechtmäßig gewählt wurde. Nachdem das „Kapitel Osbild“ Ende 2021 geschlossen wurde, folgte nicht ganz ein Jahr später Anja Arndt als Vorsitzende.

Frank Rinck, AfD-Chef in Niedersachsen und Mitglied des Bundestages, bei der Anreise. Foto: Hock
Frank Rinck, AfD-Chef in Niedersachsen und Mitglied des Bundestages, bei der Anreise. Foto: Hock

Arndt hat seitdem durchaus Karriere bei der AfD gemacht. Im vergangenen Jahr wurde sie auf Platz 13 der Europawahlliste gewählt – und ist die einzige Kandidatin aus Niedersachsen auf dieser Liste. Seit ihrer Nominierung ist sie regelmäßig auf AfD-Veranstaltungen vor allem in Niedersachsen unterwegs. Und holte auch schon den AfD-Spitzenkandidaten Maximilian Krah nach Ostfriesland. Der Verfassungsschutz stufte Äußerungen von Krah unter anderem schon als völkisch-nationalistisch und verfassungsfeindlich ein. Krah gilt als Höcke-nah – und auch Anja Arndt trat erst jüngst auf einer Veranstaltung auf, bei der Björn Höcke geehrt wurde. Der Verfassungsschutz stuft Höcke als rechtsextrem ein.

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